URI: 
       # taz.de -- Der Rechtsruck und die Arbeiterklasse: Reaktionäre Hinterwäldler?
       
       > In den populären Rechtsextremismus-Analysen steckt viel Verachtung für
       > die arbeitenden Klassen – und eine Verniedlichung des Faschismus.
       
   IMG Bild: „Man hat Probleme, aber die interessieren niemanden mehr“: Protest gegen die Hartz-Reform in Erfurt im August 2004
       
       Gelegentlich kommt es vor, dass Probleme, die lange verdrängt wurden, nicht
       mehr ignoriert werden können. „Endlich“, denkt man sich dann. Und
       allmählich schleicht sich dennoch ein Unwohlsein ein, das Gefühl, dass auch
       das Richtige leider auf die falsche Weise erzählt wird. Das Gefühl, dass
       das auch wieder nicht so stimmt. Auch wieder falsch ist, nur auf andere
       Weise.
       
       So ähnlich geht es mir seit einiger Zeit, wenn die Rede auf „die
       Arbeiterklasse“ kommt. Die ist seit einigen Jahren wieder in aller Munde.
       Jahrzehntelang hatte man die Verwundungserfahrungen der arbeitenden Klassen
       ignoriert, deren Empfindung, nicht mehr als zentral wahrgenommen zu werden,
       sondern als randständig. An Warnungen hat es nicht gefehlt.
       
       Da stauen sich Kränkungen auf, materielle Bedrohungen und
       Abstiegserfahrungen. Und andererseits ein emotionaler Groll durch das
       Gefühl: Man hat Probleme, aber die interessieren niemanden mehr, weil ja
       jetzt alle „neue Mitte“ sein wollen, die modernen urbanen
       Aufsteigersegmente.
       
       Wurde „man“ analysiert, fühlte sich das wie eine Beleidigung an, man wurde
       „Modernisierungsverlierer“, „Abgehängte“, oder sonst etwas genannt und es
       wurde über einen im Tonfall eines inneren Kolonialismus geredet. Die, die
       nicht mehr mitkommen; die, die halt nicht beweglich und flexibel genug
       sind, sich schnell genug aus ihren Welten davonzumachen.
       
       ## Das Image der Arbeiterklasse orientiert sich an Rentnern
       
       Man hat, grob gesagt, zwei Jahrzehnte lang ignoriert, welch ein explosiver
       Groll sich da zusammenbraute, bis es dann auch der letzte Ignorant begriff,
       was spätestens mit dem Brexit-Votum und der Trump-Wahl der Fall war.
       Plötzlich waren die „politisch Vergessenen“, die „White Working Class“, die
       einheimische Arbeiterklasse das große Thema. Autorinnen und Soziologen
       schwärmten aus, sie zu ergründen wie eine fremde Ethnie.
       
       Es ging sofort mit neuen Falschheiten einher. Arbeiterklasse, die wurde da
       erst recht homogenisiert, der prototypische „Arbeiter“ ist in diesen
       Analysen der hinterwäldlerische Redneck oder der Wutbürger. Aber die
       „arbeitenden Klassen“ (besser, wir halten uns an den Plural), sind in
       Wirklichkeit vielgestaltiger. Das beginnt schon bei der simplen Soziologie:
       Es sind nicht alle Männer und nicht alle Beschäftigte im produzierenden
       Gewerbe.
       
       Arbeiterklasse, das sind ja alle, sagen wir es einmal ganz grob, die ihre
       Arbeit nicht im Homeoffice erledigen können und bei denen es wirtschaftlich
       knapp ist, das können vom Regalschichter über die Kassiererin, den
       Lkw-Fahrer, die Montagearbeiterin am Fertigungsband alle möglichen
       Menschen sein, vom Elektroinstallateur bis zu den Leuten, die die
       Glasfaserkabel verlegen.
       
       Hinzu kam: Im phantasmagorischen Bild, das hier häufig gezeichnet wird, ist
       die „abgehängte Arbeiterklasse“ von weißen, älteren Männern repräsentiert,
       die allesamt konventionelle Werte aus den fünfziger Jahren haben. Das Image
       des Arbeiters wird an Leuten modelliert, die meist Rentner sind.
       
       ## Schon Vance' Klassenanalyse in Hillbilly-Ellegie war wirr
       
       Die arbeitenden Klassen bestehen aber heute nicht unwesentlich aus
       Zwanzigjährigen, Dreißigjährigen, Vierzigjährigen und Fünfzigjährigen, die
       ganz unterschiedliche Werte haben. Doch im populären Phantombild sind sie
       alle rechts, kulturell konservativ, antiwoke, antifeministisch, homophob
       usw. Alles ziemlich grob holzschnittartig.
       
       Die Milieus sind weit heterogener. Manche sind reaktionär, manche
       progressiv und manche teils-teils. Manche innerlich frustriert, viele auch
       nicht. Die einen prekär, die anderen einigermaßen wohlsituiert.
       
       Ein begrüßenswerter, ja sogar in gewissem Sinne „progressiver“, „linker“
       Vorgang, nämlich das wachsende Augenmerk auf die Verwundungserfahrungen und
       Krisen der arbeitenden Klassen, bekam eine rechte Schlagseite, indem man
       die arbeitenden Klassen zum Bollwerk des Reaktionären stilisierte. [1][Man
       las J. D. Vance’ Bestseller „Hillbilly-Elegie“ als eine Klassenanalyse,]
       die die Augen öffnet, und wundert sich jetzt, dass der gleiche Vance zum
       völlig wirrköpfigen Running Mate von Donald Trump wurde. Womöglich steckt
       aber schon in der „Klassenanalyse“ Wirrköpfigkeit drin.
       
       Paradox ist, dass man uns bis heute erklärt, dass es Klassen gar nicht mehr
       gäbe, wenn man aber dann das Wählermilieu der Rechtsextremen analysiert,
       dann kommt „die Arbeiterklasse“ wieder, aber sie kommt nur als „enttäuschte
       Masse“, als „anonyme Unterschicht“ (Thomas Köck) vor. Die Arbeiterklasse –
       mal existiert sie nicht, mal wird sie zum Monster stilisiert.
       
       ## Wer rechtsextrem wählt, ist Rechtsextremist
       
       Halbwahrheiten werden zu Ganzfalschheiten. Im Grunde beruht die gesamte
       „Grundphilosophie“ des „Bündnisses Sahra Wagenknecht“ auf diesen richtigen
       Falschheiten oder falschen Richtigkeiten. Neue Fragwürdigkeiten werden in
       die Welt gesetzt. Es hat sich beispielsweise eingebürgert, dass die Wähler
       und Wählerinnen rechtsextremer Parteien als verwundete Vergessene
       beschrieben werden, die aufgrund ihrer Frustrationen und auch wegen ihrer
       Tölpelhaftigkeiten Faschisten wählen, aber eigentlich nicht wissen, was sie
       tun. So als wären sie nicht geschäftsfähig.
       
       Daran ist schon einmal bemerkenswert, dass dieselben Leute, die die
       Herablassung gegenüber den „einfachen Leuten“ berechtigterweise anprangern,
       sie oft schon im nächsten Satz als einfältige Kleinkinder zeichnen, die
       nicht checken, dass sie Faschos wählen. Mal soll man „Sorgen“ ernst nehmen,
       aber die Handlungen der Menschen werden nicht ernst genommen. Mir scheint
       ja, das ist die eigentliche Verachtung der Arbeiterklasse und zugleich eine
       Verniedlichung des Faschismus.
       
       Wer Leute wie [2][Björn Höcke] oder in Österreich Herbert Kickl wählt, wer
       Leute wählt, die von [3][„wohltemperierten Grausamkeiten“] schwadronieren,
       und wer bei jeder bösartigen verbalen Entgleisung und Gewaltrhetorik in
       ekstatischen Jubel ausbricht, der will das, was er kriegt. Wer
       Rechtsextremisten wählt, ist ein Rechtsextremist und in der Regel kein
       besachwalteter Depp.
       
       21 Aug 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Hillbilly-Elegie-von-JD-Vance/!6023710
   DIR [2] /AfD-Wahlkampf-im-Osten/!6027284
   DIR [3] /Reden-ueber-die-AfD/!5633314
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Robert Misik
       
       ## TAGS
       
   DIR Schlagloch
   DIR Schwerpunkt AfD
   DIR Björn Höcke
   DIR Rechtsextremismus
   DIR Schwerpunkt USA unter Trump
   DIR Social-Auswahl
   DIR Politisches Buch
   DIR Arbeiter
   DIR Hamburg
   DIR Wahlen in Ostdeutschland 2024
   DIR Schwerpunkt Landtagswahl Thüringen
   DIR Krise der Demokratie
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Buch über Politik und Gefühle: Der Stolz der Hillbillys
       
       Die Soziologin Arlie Russel Hochschild sucht in Kentucky nach den Gefühlen,
       die Menschen in die Arme von Trumps MAGA-Bewegung treiben.
       
   DIR Klimapolitik und Arbeiterklasse: „Das Klima schützen darf kein teurer Lifestyle sein“
       
       Arbeiter:innen wählen weltweit eher rechts statt grün. Karen Bell,
       Sozial- und Umweltgerechtigkeitsforscherin, erklärt warum, und was zu tun
       wäre.
       
   DIR Autor über Klassenliteratur: „Die Revolution braucht ihre Geschichten“
       
       Der Hamburger Autor Mesut Bayraktar beschäftigt sich in seinen
       Kurzgeschichten mit der Arbeiterklasse. Oldschool? Findet er nicht.
       
   DIR Rechtsextreme Netzwerke in Sachsen: Wo AfD-Politiker einen SS-Mann ehren
       
       Jenseits des Rampenlichts verbünden sich AfD-Politiker mit Neonazis,
       Hooligans und Völkischen. Eine taz-Recherche in der Oberlausitz.
       
   DIR Sachbuch „Deutschland der Extreme“: Thüringen extrem
       
       Politik in Thüringen hat seit vielen Jahrzehnten ihre eigenen Gesetze. Ein
       neues Sachbuch fragt, was die Republik daraus lernen kann.
       
   DIR Demokratiefördergesetz unter Beschuss: Kampf gegen Rechtsextremismus
       
       Die FDP blockiert das Demokratiefördergesetz. Die grüne Familienministerin
       Lisa Paus macht Druck – plant aber bereits zweigleisig.