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       # taz.de -- Auf dem alten Friedhof von Norderney: Nostalgie sells
       
       > Touristisch weiß die Insel ihren Charme zu nutzen. Dass es früher eher
       > brutal als pittoresk zuging, lässt sich auf dem alten Inselfriedhof
       > erfahren.
       
   IMG Bild: Auf dem alten Inselfriedhof von Norderney werden längst keine Beerdigungen mehr vorgenommen
       
       Das Bierglas auf der Fassade der Gaststätte Klabautermann in der
       Fußgängerzone weist Durstigen den Weg. Und davon gibt es reichlich, denn
       längst haben Junggesellenabschiede die zweitgrößte ostfriesische Insel
       gekapert. Im Sommer ist Norderney fest in der Hand von Partygästen und
       Touristen. Der größte Arbeitgeber der Insel, [1][die Staatsbad Norderney
       GmbH], ist stolz darauf, dass jährlich an die 590.000 Gäste kommen.
       
       Dem gegenüber stehen 6.000 Einwohner, von denen man nicht so genau weiß, ob
       sie auch den Insel-Express auf Schienen, der „Feiern rund um die Uhr“
       verspricht, gutheißen. Umgekehrt ist es nicht besonders wahrscheinlich,
       dass sich viele der Party People auf den Alten Inselfriedhof verirren.
       
       Der erzählt nichts von nicht enden wollenden Partysommern, wenn sich Kauf-
       und Saufkraft der Gäste vereinen. Eher kann man dort etwas von dem
       schwierigen Leben vergangener Generationen erfahren. Es waren nicht nur die
       üblichen Seuchen, wie Pest oder Ruhr, die die Menschen dahinrafften,
       sondern vor allem die zahlreichen Tragödien auf See.
       
       So wie die aus der Nacht vom 8. auf den 9. Juni 1722, als ein Schiff auf
       die Insel zutrieb, das fast vollständig mit Wasser vollgelaufen war. 44
       Schnitter, also Erntehelfer, konnten nur noch tot geborgen werden. Ihre 44
       Holzkreuze sind längst verrottet. Ewige Ruhe hätte es hier allerdings schon
       deshalb nicht gegeben, weil die Gräber immer wieder neu belegt wurden.
       
       ## Insulaner mit Geld domestiziert
       
       Doch die mit der Seefahrt verbundenen Tragödien mussten an den Insulanern
       abprallen, ihre Familien mussten schließlich ernährt werden, sodass die
       Männer oft mehrere Tätigkeiten gleichzeitig ausübten: Schiffer und
       Armenvorsteher, Steuermann und Krämer, Müller und Torfhändler, wählerisch
       durften sie nicht sein.
       
       Der langsame Wandel zum Urlaubsort von heute begann mit dem 3. Oktober
       1797, als die Badeanstalt „königlich-preußisch“ wurde, 1815 wurde das
       Fischer- und Seemannsdorf dem Königreich Hannover einverleibt. Sieben Jahre
       später veröffentlichte Friedrich Wilhelm von Halem seine Schrift über
       Norderney. Darin las man, dass die „650 Seelen“, die dort 1822 lebten, die
       Entwicklung hin zu etwas vermeintlich Besserem offenbar angenommen hatten:
       135 Häuser, 264 größere oder kleinere Zimmer, 343 zu vermietende Betten
       hielten sie für die Fremden bereit. Und auch die Namen der Hausvorstände
       fehlten nicht, darunter 61 Schiffer und 23 Schifferwitwen.
       
       Von Halem gab auch Ratschläge für den Umgang mit den Inselbewohnern. Man
       hatte also nicht nur die Quartiere vermessen, sondern gewissermaßen auch
       die Insulaner, um sie mit Geld zu domestizieren. War bei von Halem zwischen
       den Zeilen eine gewisse Herablassung zu lesen, wurde es bei Heinrich Heine
       1826 offen spöttisch. „Die Eingeborenen sind meistens blutarm und leben vom
       Fischfang“, zudem seien sie in einem „Zustande der Gedanken- und
       Gefühlsgleichheit“. Das war nicht nett.
       
       Gäste versus Insulaner, reich versus arm, Kultiviertheit versus Neandertal:
       Auf dem Friedhof war das vermeintliche Recht des Stärkeren längst zum Recht
       des Reicheren geworden.
       
       ## Das Meer war unerbittlich
       
       Noch zu Lebzeiten sicherten sich Begüterte mit teuren Stelen, Reliefsteinen
       oder gusseisernen Kreuzen ein dauerhaftes Erinnern. Oder mit gekreuzten
       Fackeln als Todessymbol, wie sie auf dem Grabstein des 1838 verstorbenen
       Jan Kasseboom zu sehen sind, der gleich vier Berufe hatte: Gärtner,
       Badewärter, Fischer und Schankwirt. Das Meer war unerbittlich, von seinen
       vier Söhnen blieben drei auf See.
       
       Ebenso wie Hans Jacob Six, der nur 15 Jahre alt wurde. Er war 1866 bei
       Bergungsarbeiten an einem vor Juist gesunkenen Dampfschiff ertrunken,
       seinen Grabstein ziert daher ein Schiff mit abgebrochenem Mast. Es war auch
       in diesem Jahr, als die Insel unter preußische Herrschaft gestellt wurde.
       Die rudimentären Beherbergungsbedingungen waren da schon vergessen, ab 1875
       wurden auf dem alten Inselfriedhof keine Beerdigungen mehr vorgenommen.
       
       „Schifferwitwen“ in großer Zahl gehören längst der Vergangenheit an, aber
       auch die Männer, die gezwungen waren, sich mit mehreren Jobs aufzureiben,
       um in diesen harten Zeiten zu überleben.
       
       Was sich hingegen zu wiederholen scheint, ist der elitäre Touch der
       touristischen Vergangenheit, da wird dann schon mal Currywurst mit
       Blattgold verkauft. Schaut man sich so manche Hotel- und
       Ferienwohnungspreise an, so bleiben kinderreiche Familien mit geringem
       Urlaubsbudget sowieso außen vor. Für sie gibt es kein Zimmer mit Aussicht.
       
       Egal, die Hauptsache ist, dass es endlich wieder einen „König“ gibt,
       zumindest ein Inselhotel gleichen Namens, das mit seiner vermeintlich alten
       Fassade im neogotischen Stil die Vergangenheit zelebriert. Nostalgie sells.
       Das Negative daran wird gerne ausgeblendet.
       
       12 Dec 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.norderney.de/norderney/staatsbad-norderney
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Bettina Müller
       
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