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       # taz.de -- Wer beichtet denn heute noch in Berlin?: „Genau wie beim Therapeuten, nur dass es nichts kostet“
       
       > Die Suche nach Bußfertigen führt zu einem Beichtstuhl in der
       > Herz-Jesu-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg. Eine Ortsbegehung der
       > besonderen Art.
       
   IMG Bild: So eine Szene kennen die meisten BerlinerInnen nur aus Filmen
       
       Wenn das Festnetztelefon klingelt, was ja nur noch selten vorkommt, sollte
       man eigentlich nicht abheben, denn es könnte der Redakteur mit originellen
       Themenvorschlägen sein, der anruft. Das ist auch diesmal so: „Hast du Lust,
       mal einen Beichtstuhl zu besichtigen und was über die Beichte zu
       schreiben?“, fragt er so fröhlich, dass mir nicht gleich eine schlagfertige
       Ablehnung einfällt.
       
       Ich bin weder katholisch noch andersgläubig veranlagt, und Beichtstühle
       kenne ich nur aus Filmen. Gibt’s das denn noch, gehen Menschen in Berlin
       zur Beichte?
       
       Keine Ahnung, sagt der Redakteur, aber das gehöre eben zu den Dingen, die
       ich herausfinden solle. Er habe sich sagen lassen, dass in der
       [1][Herz-Jesu-Kirche in Prenzlauer Berg] ein besonders schöner Beichtstuhl
       stehe, den könne ich mir ja mal ansehen …
       
       ## Eine Art Missionstätigkeit
       
       Ich stelle den Festnetzhörer zurück in seine verstaubte Station und greife
       nach dem Handy, um O. anzurufen, der früher mein Nachbar war und von dem
       ich weiß, dass er ein überzeugter katholischer Kirchgänger ist. O. ernährt
       seine Familie mit dem Malen von modernistischen Heiligenbildern, die
       tatsächlich so etwas wie Beseeltheit ausstrahlen. Ja, klar kenne er sich
       aus mit der Beichte, sagt er auf meine Frage und scheint begeistert, den
       sachkundigen Begleiter spielen zu dürfen. Bestimmt sieht er das als eine
       Art Missionstätigkeit.
       
       Um sechs Uhr abends treffen wir uns vor dem Eingang der Herz-Jesu-Kirche in
       der Fehrbelliner Straße in Berlin-Prenzlauer Berg. Wie alle katholischen
       Kirchen in Berlin ist der historistische Bau, der Ende des 19. Jahrhunderts
       in nur 16 Monaten (!) erbaut wurde, in die Häuserzeile eingepasst. Nur
       evangelische Kirchen dürften in preußischen Landen freistehend sein.
       
       O. hatte sich vorab erkundigt: Jeden Abend um 18 Uhr werde die Kirche zur
       „stillen Andacht“ geöffnet. Und jeden Donnerstag um dieselbe Zeit gebe es
       Gelegenheit zur Beichte – aber so weit muss man die Recherche nun auch
       nicht treiben.
       
       Innen erweist sich der Kirchenbau als ungewohnt prächtig ausstaffiert.
       Anders als in den nüchternen protestantischen Gotteshäusern sind die Wände
       überzogen mit großdimensionierten Darstellungen von Heiligenfiguren und
       Bibelszenen. Eine warme, freundliche Farbigkeit bestimmt die Atmosphäre.
       Über dem Hauptaltar ist nur ein winziges Kruzifix angebracht, und kein
       leidender Gekreuzigter hängt daran. Stattdessen füllt das gigantische Bild
       eines sehr lebendigen, von gleißendem Gold umstrahlten Jesus die Wand
       darüber. Ja, schon kitschig.
       
       ## Von Angesicht zu Angesicht
       
       Den hölzernen Beichtstuhl finden wir im hinteren Bereich der Kirche, ein
       tatsächlich eindrucksvolles Stück voller intrikater Schnitzereien. In die
       beiden Türen sind Fenster eingelassen, hinter denen es momentan dunkel ist.
       Heute keine Sprechstunde.
       
       „Meinst du, wir können mal reingucken?“, flüstere ich. „Na ja …“, zögert O.
       kurz, greift dann aber doch zum Knauf der rechten Tür und öffnet sie ein
       wenig, sodass wir durch den Spalt linsen können. Innen gibt es einen
       schmucklosen Stuhl und ein niedriges Bänkchen. Früher, hatte ich gelesen,
       mussten die PönitentInnen im Beichtstuhl knien – die Beichte im Sitzen
       wurde erst im 20. Jahrhundert üblich.
       
       In der Trennwand zwischen den beiden Seiten des Beichtstuhls ist, ganz wie
       im Film, ein Fensterchen aus durchbrochenem Holzgitterwerk zu erkennen.
       „Das kann man heutzutage meist wegschieben“, erklärt O.; er persönlich
       finde es viel angenehmer, direkt von Angesicht zu Angesicht mit seinem
       Priester zu sprechen.
       
       ## Unverzichtbare Formalitäten
       
       „Der Anfang ist immer gleich“, flüstert mein ehemaliger Nachbar, „das muss
       so sein, damit das Sakrament beginnen kann. Die Beichte gehört zu den
       sieben Sakramenten, durch die Gott sozusagen verkörperlicht oder spürbar
       gemacht wird. Also, der Priester legt die Beichtstola um. Wir bekreuzigen
       uns beide …“ und O. demonstriert es, „und ich sage, wann meine letzte
       Beichte war. Das sind die unverzichtbaren Formalitäten. Danach ist es ein
       ganz normales Gespräch. Das Beste dabei ist, dass der Priester ja dem
       Beichtgeheimnis verpflichtet ist. Ich kann dem Dinge erzählen, die darf
       sonst niemand über mich wissen!“
       
       „Genau wie beim Therapeuten“, flüstere ich zurück. – „Nur dass es nichts
       kostet“, grinst O.
       
       Lautlos schließt er die hölzerne Tür wieder. „Am Ende spricht der Priester
       die Formel: 'So spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters
       und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.’ Und mir geht’s nachher
       wirklich jedes Mal deutlich besser als vorher.“
       
       Wie schön für ihn, denke ich vielleicht ein kleines bisschen neidvoll.
       Leise schleichen wir hinaus, um die paar anderen Anwesenden nicht in ihrer
       Andacht zu stören. „Wäre so ein kleiner Neid eigentlich schon eine
       beichtenswerte Sünde?“, frage ich O., als wir wieder draußen sind. Und er
       lacht: „Tja, was glaubst du?“
       
       1 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Herz-Jesu-Kirche_(Berlin-Prenzlauer_Berg)
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Katharina Granzin
       
       ## TAGS
       
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