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       # taz.de -- Jahresbilanz der taz-Chef:innenredaktion: Für Menschen, die Rückgrat zeigen
       
       > Das Jahr 2025 war dystopisch, 2026 verspricht kaum Besserung. Ist die
       > Hoffnung also am Ende? Nein, denn es gibt noch viele Menschen mit
       > Rückgrat und Mut, glaubt die taz-Chef:innenredaktion.
       
   IMG Bild: 2026 kommt: Wozu die Flinte ins Korn werfen, wenn man auch mit Kraft und Humor dagegenhalten kann?
       
       [1][Aus der taz] | Eine Frau hat sich eine neue Matratze gekauft. Sie
       platziert das noch fest zusammengerollte und -vakuumverschweißte Stück auf
       dem Lattenrost ihres Bettes. Sie beginnt, die Folie langsam mit einem
       Teppichmesser aufzuschneiden – bis die gestauchte Matratze auf einmal aus
       der Verpackung platzt und, sich ausrollend, die Frau unter sich begräbt.
       Überschrift: So fühlt sich der Dezember an.
       
       Gesehen haben wir diese Szene auf Social Media und darüber herzlich in der
       Chefinnenredaktion gelacht, natürlich davon ausgehend, dass die Frau
       unverletzt blieb. Ein Comic Relief war das, eine Erleichterung durch Komik.
       Unsere Titelseiten funktionieren auch so: wenn die große Politik und der
       kleine Alltag kaum auszuhalten sind, es aber jemandem gelingt, einen Witz
       zu machen, und wir trotz allem lachen können.
       
       Die Mischung aus Weltkrisen und Weihnachtsrummel erschlägt uns am
       Jahresende wie die raumgreifende Matratze.
       
       ## Friedrich und Jens
       
       Eingebogen waren wir in dieses Jahr mit der Aussicht auf eine schwarz-rote
       Koalition, die sich erst einmal eine Billion Euro sicherte. Noch mit den
       Stimmen des alten, abgewählten Bundestags wurde die Schuldenbremse
       aufgeweicht, die Friedrich Merz bis zur Wahl noch als Heiligtum
       emporgehoben hatte.
       
       Betrogen sah sich aber, wer nun dachte, Schwarz-Rot würde damit wenigstens
       das Versprechen einlösen, geräuschlos zu arbeiten. Handwerkliche Fehler vor
       allem in der Unionsspitze ebenso wie der Hang des Kanzlers zu schwer
       begründbaren Spontanreaktionen führten selbst beim geneigten Publikum zum
       Eindruck, hier werde wieder nicht die ersehnte professionelle Souveränität
       einkehren.
       
       ## „Wir aber wollen unsere Aufmerksamkeit noch viel mehr den vielen
       Menschen schenken, die auch im nächsten Jahr wieder Rückgrat zeigen werden“
       
       Und das eher nicht geneigte Publikum, wir in der taz zum Beispiel, konnte
       sich noch nicht einmal nur auf Kritik dieses Treibens konzentrieren. Die
       Zeiten sind nicht danach. Denn dieser Kanzler Friedrich Merz ist ja
       immerhin ein führender Unionspolitiker, der noch glaubhaft macht, keine
       Koalition mit der AfD anzustreben, was man schon von seinem Fraktionschef
       und offensichtlichen Möchtegern-Nachfolger Jens Spahn nicht behaupten kann.
       
       ## Alice und Viktor
       
       Respekt verlangte Merz seinen linken KritikerInnen auch ab, als er es
       offenbar in der Diskussion über die Zukunft der Ukraine schaffte, Donald
       Trump und der US-Regierung wenigstens eine gewisse Anerkennung der
       Bedeutung Europas abzuringen.
       
       Wie haltbar das ist, muss leider dahingestellt bleiben – Willkür gehört
       auch beim neuen Faschismus zum Konzept.
       
       Wir könnten an dieser Stelle nun einen Ausblick auf die Landtagswahlen 2026
       werfen und vermelden, dass sowohl in Sachsen-Anhalt als auch in
       Mecklenburg-Vorpommern die AfD mit großem Abstand die Umfragen anführt.
       Oder auf die Wahl in Ungarn im April verweisen, in der Europas
       erfolgreichster Autokrat Viktor Orbán, den selbst Donald Trump bewundert,
       chancenreich zur Wiederwahl antritt. Denn ja, es ist beunruhigend, dass der
       weltweite Reigen der AntidemokratInnen immer dichter und schwungvoller zu
       werden scheint.
       
       ## Kevin und Gergely
       
       Wir aber wollen unsere Aufmerksamkeit noch viel mehr den vielen Menschen
       schenken, die auch im nächsten Jahr wieder Rückgrat zeigen werden.
       
       Denn überall dort, wo Krieg und Krise ist, sind immer auch Menschen, die
       sich wehren. Die nicht auf die dystopische Erzählung einstimmen, dass
       früher oder später die AfD regieren wird. Sondern die sich
       zusammenschließen, um im nächsten Jahr so laut dagegen zu protestieren wie
       noch nie zuvor. Die Initiativen gründen, sich Organisationen anschließen,
       Kampagnen mitmachen, damit deutlich wird, was Demokratie kann und warum es
       sich lohnt, sie immer und immer wieder zu verteidigen.
       
       Wir werden im nächsten Jahr mehr Menschen wie Gergely Karácsony in Ungarn
       kennenlernen, den Bürgermeister von Budapest, der dieses Jahr trotz
       nationalem Verbot die größte Gay Pride Parade des Landes zugelassen hat.
       
       Wir werden beobachten, ob Kevin Kühnerts kommunikative Talente bei der
       Bürgerbewegung Finanzwende voll zur Geltung kommen. Wir werden von Frauen
       weltweit erfahren, die internationale Solidarität leben und überall für die
       Gleichberechtigung der Geschlechter kämpfen. Freuen Sie sich auf unsere
       Frauentags-Ausgabe!
       
       Wir werden in der taz von diesen Menschen und Bewegungen berichten, denn
       sie sind überall und sie bewirken so viel! Und wir werden auch im nächsten
       Jahr versuchen, auf unserer täglichen Titelseite immer wieder den Comic
       Relief zu schaffen, den Lacher, der die Schrecklichkeiten erträglicher
       macht. Denn auch wenn uns die Weltlage manchmal entmutigt und fast umhaut –
       es findet sich immer viel mehr, für das es sich zu kämpfen lohnt.
       
       Danke, dass Sie an unserer Seite sind.
       
       🐾 Ulrike Winkelmann, Barbara Junge und Katrin Gottschalk bilden die
       Chef:innenredaktion der taz.
       
       🐾 Lesen Sie weiter, mit den Rück- und Ausblicken 2025 von
       [2][taz-Geschäftsführung] und [3][taz-Aufsichtsrat].
       
       29 Dec 2025
       
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