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       # taz.de -- Nichts als die Wolken
       
       > Erzählungen über die Verstrickungen und Ambivalenzen in einer Diktatur:
       > „Waldohreule“ von Ádám Bodor
       
       Von Fokke Joel 
       
       Ádám Bodors Erzählungen in dem Band „Waldohreule“ sind vielfältig. Figuren
       und Themen reichen von der reinen Naturschilderung, wie in „Verschneite
       Fußspuren“, über die Ereignisse in einer Gefängnisküche bis zu Konflikten
       in der Familie eines Fluchthelfers. Es gibt Schilderungen von Dorffesten,
       die von einer Tragödie überschattet werden, surreale Szenen von einem
       unbestimmten „Außenposten“, auf den eine Frau namens Gizella Weisz
       „befördert“ wird, wo sie nichts vorfindet außer einem verdreckten Mann in
       einer schäbigen Hütte.
       
       Eine andere handelt von Géza Bahleda, der nach 25 Jahren Gefängnis in dem
       Gasthof auftaucht, der ihm einst gehörte. Viele der Geschichten erinnern an
       den realexistierenden Sozialismus, in dem Bodor, der in Siebenbürgen zur
       ungarischen Minderheit gehörte, in den 1950er Jahren aus politischen
       Gründen inhaftiert wurde. Es sind Erzählungen über den Alltag in der
       Diktatur, über die vielfältigen Verstrickungen und Ambivalenzen, die, weil
       selten Details erwähnt werden, eine allgemeine Bedeutung haben.
       
       Erzählungen sind ja nicht gerade populär. Im Gegensatz zum konventionellen
       Roman fällt die Identifikation mit einem Held oder einer Heldin schwer. Hat
       man sich gerade in eine Figur eingefühlt, ist die Geschichte schon zu Ende.
       Bei Bodor kommt hinzu, dass seine Protagonisten oft ambivalent sind und
       sich schon deshalb nicht für eine Identifikation eigenen. So wie bei
       Gizella Weisz, die in Moskau Klavier studiert, wie es in „Der Euphrat bei
       Babylon“ heißt, und dann in der Einöde landet, bei einem – das wird
       angedeutet – Menschen, den das System, an das sie glaubt, in diese Einöde
       verbannt hat. Oder in „Reisende“, wo Géza Bahleda, der, wie es so lakonisch
       wie krass heißt, im Krieg „Juden gefangen“ hatte, mit einem Freund nach 25
       Jahren Haft in seinen Heimatort auftaucht und sich in das Gasthaus setzt,
       das ihm einst gehörte.
       
       „Und Herrn Bahleda ist nichts geblieben“, sagt der Freund, „woran er hätte
       denken können, nur Sie sind ihm geblieben. Während der ganzen Zeit dachte
       er an Sie. Daran, dass er eines Tages herkommen würde, um geliebt zu
       werden, denn er sagte sich: Wohin sonst sollte er gehen und wo sonst wollte
       er geliebt werden als hier, wo man sich an ihn erinnert.“ Und dort, wo man
       sich mit einer Figur identifizieren kann, etwa in „Der Euphrat bei
       Babylon“, wo der Vater des Ich-Erzählers verhaftet wird, ist die Situation
       hoffnungslos.
       
       Es ist, wie es Walter Benjamin in seinem berühmten Erzähler-Aufsatz
       schreibt, dass sich diejenigen, die den Ersten Weltkrieg erlebt haben,
       „unter freiem Himmel in einer Landschaft [wiederfanden], in der nichts
       unverändert geblieben war als die Wolken“. Bodor hat in einem Interview
       einmal gesagt, was ihn die Diktatur in Rumänien habe überleben lassen, war
       die Natur. In vielen seiner Erzählungen wird sie eindrücklich geschildert,
       nicht als Ort der Hoffnung, aber als etwas verlässlich Gleichbleibendes.
       Das ist viel, wenn man daran denkt, dass es in „Ein Fuchs“ heißt: „Und am
       meisten verwunderlich daran war, dass diese Sachen einfach so, von einem
       Moment auf den anderen geschahen, ja, woher sollte man eigentlich wissen,
       was sich alles im eigenen Kopf verbirgt, nicht wahr?“
       
       Die meisten Erzählungen spielen in der sozialistischen Vergangenheit
       Rumäniens. Und doch sind sie aktuell, in einer Zeit, in der Willkür und
       Gewalt immer öfter so überraschend und sinnlos hervorbrechen wie in Bodors
       Geschichten. Gleichzeitig gelingt es ihm, in der lakonischen Schilderung
       von banalen Alltagssituationen, die ganz plötzlich zu Extremsituationen
       mutieren, zeitlose existenzielle Fragen zu stellen. Eine Antwort auf diese
       Fragen gibt er nicht.
       
       Das Disruptive, Fragmentarische, das sich auch in der Form der Erzählung
       ausdrückt, die unbeantworteten Fragen appellieren dabei an das Denken. In
       Zeiten, in denen das Gefühl in den Vordergrund gerückt wird, wo die
       Identifikation mit den Protagonisten dem Leser das Denken ersparen soll,
       sind sie eine große Wohltat. Und drücken wiederum ein Lebensgefühl aus, das
       unserer heutigen Wirklichkeit entspricht.
       
       28 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Fokke Joel
       
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