URI: 
       # taz.de -- Künstlerin D’Ette Nogle in Braunschweig: Mit dem Käfer in die Villa
       
       > Künstlerin D’Ette Nogle nutzt für ihre Soloschau „Let it R.I.P“ in
       > Braunschweig Abzweigungen der Geschichte Europas. Bonbonpapiere helfen
       > ihr dabei.
       
   IMG Bild: Fürstliches Sitzungetüm in Plaste: D’Ette Nogle „Let it R.I.P.“, Ausstellungsansicht Kunstverein Braunschweig 2026
       
       Ein ungewöhnlicher Name: D’Ette Nogle. Aber so heißt sie wirklich, die 1974
       in La Mirada, USA, geborene Künstlerin. Sie lebt und arbeitet in Los
       Angeles, ist in Deutschland jedoch nicht gänzlich unbekannt.
       
       Sie wird von der Berliner Galerie Sweetwater vertreten und nahm auch in den
       vergangenen Jahren an Gruppenausstellungen im Kunstverein Bonn oder der
       Halle für Kunst Lüneburg teil. Nun richtet ihr der Kunstverein Braunschweig
       die erste institutionelle Einzelausstellung in Europa aus und überließ ihr
       dafür die rund 15 Räume seiner imposanten Villa, die Remise sowie den
       Eingangshof.
       
       Das ist [1][ein Novum für den Kunstverein], sagt Direktorin Cathrin Mayer.
       Ihre Vorgängerinnen hatten auf dialogische Formate gesetzt, zwischen zwei
       oder mehreren Künstler:innen oder durch Themenausstellungen. Und
       natürlich ist das schon quantitativ eine Herausforderung: Ein Jahr hat
       D’Ette Nogle an ihrer Ausstellung gearbeitet.
       
       Sie hat in der Region recherchiert und viele neue, vor allem
       ortsspezifische Arbeiten geschaffen, so Kuratorin Junia Thiede. Dabei
       bediente sich Nogle auch diverser materieller wie ideeller
       Hinterlassenschaften aus der lang zurückliegenden, großbürgerlichen
       Wohnnutzung der heutigen Kunstvereinsvilla.
       
       Entstanden ist so im Spiegelsaal des Erdgeschosses eine mehrteilige
       Installation, ganz offensichtlich eine Karikatur der früheren Funktion für
       Fest und Diner. Zwei lange Tischreihen im Biergartenlook sind von grauen
       Klappstühlen, wie sie die US-Armee nutzt, begleitet. Man darf sich setzen.
       Angeboten werden aber lediglich Werther’s Original-Bonbons, auch in den USA
       beliebt, und eine Gemüsebrühe aus dem Suppenkessel.
       
       Am Kopf des Tisches protzt ein trashig-bunter Thron. Er ist dem
       Repräsentationssessel nachgebildet, der einst den Welfenherzogen im
       Braunschweiger Schloss diente und nun Prunkstück ist in der 2007
       rekonstruierten Immobilie, die neben einem Shoppingcenter [2][auch
       nachempfundene Privaträume der Herrscherfamilie beherbergt]. Nogle hat
       dieses Sitzungetüm mit hölzernen Zierelementen der Villa neu komponiert.
       Goldfolie und Flitter kam hinzu, auch ein krönendes Wappen.
       
       Lässt man sich auf diese Art doppelbödiger Kombinatorik ein, erschließt
       sich D’Ette Nogles Gedankenwelt. Die oszilliert zwischen dem Faszinosum
       europäischer Geschichte, ihrem Niederschlag in den USA und der Kritik an
       politischen und gesellschaftlichen Zuständen.
       
       Da wären etwa die zwei [3][verhüllten historischen VW-Käfer] an der
       Zugangstreppe im Hof, die das Wolfsburger Unternehmen zur Verfügung
       stellte. Das Ur-Modell [4][repräsentierte die NS-Ideologie]. In den USA
       avancierte später der „Beetle“ zum Statement alternativer Motorisierung.
       
       ## Stimmen aus dem Kraft-durch-Freude-Wagen
       
       Aus den zwei Käfern ertönen allerlei Texte. Nogle nutzt sie als
       Ausgangspunkt, um konkret Bezug auf frühere Ausstellungen des
       Braunschweiger Kunstvereins zu nehmen. Eine Projektion wiederholt den
       Slogan „You want Art“ ihres Landsmannes Mike Kelley, der 1999 im Haus
       vertreten war. Ihre pinkfarbene, zweiteilige Malerei „Schrank“ greift auf
       [5][Gleichnamiges von Sigmar Polke zurück]: Er nahm 1967 hier an einer
       Gruppenschau teil.
       
       In der Remise seziert D’Ette Nogle per 50-minütiger Videocollage dann noch
       den Klerikalismus der USA, eine Auswucherung des aus Europa importierten
       Christentums. Auch der Ausstellungstitel „Let it R.I.P.“ darf kommemorativ
       verstanden werden – oder als „let it rip“: „lass es krachen!“.
       
       22 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Ausstellung-A-Feminine-Thought/!6096110
   DIR [2] /Konjunkturpaket-Thronsaal/!303789
   DIR [3] /Kaefer-zertruemmern/!6112547
   DIR [4] /die-sache-ist/!6110428&s=Benno+Schirrmeister+VW+sache/
   DIR [5] /Ausstellung-Vulture-in-Berlin/!6106568
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Bettina Maria Brosowsky
       
       ## TAGS
       
   DIR Ausstellung
   DIR Konzeptkunst
   DIR Rekonstruktion
   DIR Schloss
   DIR Deutsche Geschichte
   DIR Braunschweig
   DIR Fotokunst
   DIR Ausstellung
   DIR Berliner Schloss
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Fotografinnen Brotherus und Platen: Der Altmeister im fiktiven Raum
       
       Elina Brotherus und Angelika Platen inszenieren in ihrer Fotografie eine
       jüngere Kunstgeschichte – mit Twist. Das zeigt eine Braunschweiger
       Doppelschau.
       
   DIR Mike-Kelley-Retrospektive in Düsseldorf: Der Geist der Adoleszenz
       
       Ein Anarchismus wie ihn nur die USA hervorgebracht haben: Dem 2012
       verstorbenen Künstler Mike Kelley gilt eine sehenswerte Retrospektive in
       Düsseldorf.
       
   DIR Palast der Republik im Berliner Schloss: Knochen und Lampen
       
       Die Ausstellung über den Palast der Republik in Berlin ist nicht
       uninteressant. Doch warum läuft sie im Humboldt Forum? Ist das nicht
       Siegerzynismus?