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       # taz.de -- Queerer Film: Rein in die Kinos, raus aus der Trance
       
       > Politische Einflussnahme, mangelnde Vielfalt: „Cinema of Disobedience“
       > sieht die Filmindustrie am Kipppunkt – und will das Publikum aus der
       > Trance holen.
       
   IMG Bild: Filmstill aus „Beautiful Thing“, einem Film von Hettie MacDonald, Großbritannien 1996
       
       Die einst „faszinierendste aller Künste“ ist zu trivialer Langeweile
       verkommen – so jedenfalls die Einschätzung des revolutionären queeren
       Kollektivs „Cinema of Disobedience“ (Kino des Ungehorsams). „Die modernen
       Filmmärkte schließen alternative Ansätze aus ihrem Angebot aus und
       schränken damit sowohl die Kreativität der Filmemacher*innen als auch
       die Neugier des Publikums ein“, sagt Filmemacher Amir Ovadia Steklov.
       
       Der Israeli und Wahlberliner ist Teil des 14-köpfigen Kollektivs aus
       Filmschaffenden und Künstler*innen, unter anderem aus Thailand, Polen oder
       Argentinien. Gegründet hat sich die Gruppe 2025 im Anschluss an das
       International Film Festival Rotterdam, eines der experimentelleren
       internationalen Festivals. Geeint hatte sie das Gefühl: Die Filmindustrie
       befindet sich an einem Kipppunkt.
       
       „Die Märkte werden unerträglich und verengen, was gemacht, gezeigt oder
       überhaupt noch gedacht werden kann“, so das Kollektiv. Steklov kritisiert:
       „Queerness wird in Schubladen gesteckt und wir werden als Tokens benutzt.
       Es gibt nur begrenzte Plätze für queere Filme. Das erzeugt einen starken
       Wettbewerb innerhalb der Szene und zwingt uns, gegeneinander zu kämpfen
       statt miteinander.“ Dem wollen sie sich widersetzen. Ihr Ziel: Debatten
       anregen und das Publikum „aus dieser zombiehaften, induzierten Trance der
       Unternehmensnarrative aufzuwecken und es wieder intelligent zu machen“.
       
       Zum Missstand der Industrie trage auch die zunehmende Kommerzialisierung
       von Filmfestivals bei, so das Kollektiv. Auch „[1][während der Berlinale
       gilt die gesamte Medienaufmerksamkeit den Wettbewerbsfilmen] und dem roten
       Teppich“, kritisiert Steklov. „Alle anderen Filme, die unabhängiger,
       komplexer und nicht für ein Mainstream-Publikum gedacht sind, finden sehr
       wenig Beachtung.“ Deshalb präsentiert das Kollektiv während der Berlinale
       seine Indie-Filme im Moviemento-Kino in Kreuzberg – als Gegenpol.
       
       ## Keine edgy Low-Budget-Filme mehr auf der Berlinale
       
       Ebenfalls Teil des Kollektivs ist der Filmproduzent Jürgen Brüning, der
       seit vielen Jahren auch Teil des beratenden Auswahlgremiums der Sektion
       Panorama der Berlinale ist. Initiator Wieland Speck machte die Reihe zur
       Plattform für queere Filmemacher*innen.
       
       „Die Berlinale hat die Anzahl der gezeigten Filme in den letzten Jahren von
       circa 450 auf 230 Filme reduziert. Dies hat meiner Meinung nach zur Folge,
       dass marginalisierte Perspektiven noch weniger im Festivalprogramm präsent
       sind.“ Brüning kennt die Szene: Seit Anfang der 1980er Jahre ist er als
       Regisseur und Filmproduzent zwischen explizitem Experimentalfilm und
       kommerziellem Hardcoreporno aktiv. Der gebürtige Rheinländer ist
       Mitbegründer des Eiszeit-Kinos, des schwul-lesbischen Filmfests und des
       Porn Film Festivals.
       
       „Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, sich global zu vernetzen“, glaubt Brüning.
       „Queere Menschen geraten immer stärker unter Druck, die Repräsentation
       marginalisierter Gruppen schwindet.“ Steklov und ihm bereitet vor allem der
       Rechtsruck Sorgen: „Die AfD will die Finanzierung von Projekten kürzen“,
       sagt Brüning. „Es soll keine Unterstützung mehr geben für queere Filme.“
       Steklov warnt: Faschistische Regime würden versuchen, das Kino „für
       Propaganda zu instrumentalisieren und seine Freiheit sowie seine kritische
       Rolle in der Gesellschaft zu unterdrücken“.
       
       Als „nicht -zionistischer Jude“ sieht er sich selbst von diesen
       Entwicklungen betroffen. Sein Film „The New Jews“ handelt von israelischen
       Jüd*innen, die nach Berlin ziehen, weil sie wegen ihres linken, friedlichen
       Aktivismus in Israel verfolgt werden. Der Film zeigt unter anderem
       Interaktionen auf Dating-Apps, in denen Deutsche ihre jüdische Identität
       fetischisieren. „Dies ist Ausdruck eines jüdischen Fetischs, der durch die
       Institutionalisierung der sogenannten ‚besonderen Beziehung‘ zwischen
       Deutschland und Israel entstanden ist“, erklärt Steklov. „Es ist kein Film,
       den ein deutsches Publikum leicht anzusehen findet – aber genau deshalb ist
       er wichtig.“
       
       Doch sein Film sei bundesweit und international bei zahlreichen Festivals
       abgelehnt worden – nur beim Queer Film Festival in Turin sowie beim
       Diaspora Film Festival in Südkorea fand er eine Bühne. „In Deutschland gibt
       es eine starke Zensur und einen Boykott gegenüber allem, was mit Israel
       oder Palästina zu tun hat“, kritisiert Steklov. Der Berlinale wirft er vor,
       politische Risiken zu meiden: „Sie wollen den Dialog und die politische
       Diskussion nicht.“ Die Aussage von Berlinale-Jurypräsident Wim Wenders,
       „die Berlinale ist nicht politisch“, dürfte diesen Eindruck noch verstärkt
       haben.
       
       ## Filmfestivals unter politischem Druck
       
       Auch Steklovs Eindruck, dass Festival-Leiterin Tricia Tuttle unter massiven
       politischem Beschuss stehe, wurde bestätigt. Nach Abdallah al-Khatibs
       Dankesrede, in der der Filmemacher der Bundesregierung Mitverantwortung am
       israelischen Genozid in Gaza vorwarf, stellte der Kulturstaatsminister
       Wolfgang Weimer sofort die Festival-Leitung infrage. Ein Neustart sei
       nötig, nachdem Linke und Palästina-Aktivisten die Festivalbühne für „krasse
       antisemitische und propagandistische Zwecke missbraucht hätten“, so der
       CDU-Politiker. [2][Nach erheblichem Gegenwind darf Tuttle nun doch bleiben
       – vorerst.]
       
       „Viele Filmfestivals stehen unter so großem politischem Druck, dass echte
       Meinungsfreiheit kaum möglich ist“, sagt Steklov. Dieser Druck zensiere
       Filmemacher*innen unterschwellig. „Wenn ich möchte, dass mein Film bei
       der Berlinale gezeigt wird, muss ich diesen politischen Druck schon beim
       Drehbuchschreiben berücksichtigen“, sagt er. „Mein Publikum sind die
       Politiker. Das ist ein Problem.“
       
       Todd Verow, ein Kollektivmitglied aus den USA, fasst es so zusammen: „Jeder
       Cent, den du bekommst, hat einen Haken.“ Soll heißen: Filmemacher*innen,
       die um Finanzmittel werben, müssen ihre Erzählungen an künstliche
       Marktanforderungen anpassen, statt sich authentisch auszudrücken.
       
       Diese Kompromisse nehmen auch Mitglieder von Cinema of Disobedience teils
       in Kauf, um eine Finanzierung zu bekommen und ihre Filme bei den großen
       Festivals zu zeigen. Steklov erklärt: „Das ist kein Widerspruch. Wir wollen
       mit den großen Festivals zusammenarbeiten, wir wollen sie verbessern.“ Sie
       seien keine Anarchisten und würden den Kapitalismus nicht abschaffen
       wollen. „Wir wollen bloß, dass er offen ist für unerwünschte Optionen.“
       
       Die Jurys der Förderagenturen würden sich um Vielfalt bemühen, sagt Steklov
       – doch es stehe nur begrenzt Geld zur Verfügung. Er fordert daher mehr
       Transparenz: „Filmfestivals und Förderinstitutionen sollen offenlegen, nach
       welchen Kriterien sie über Förderungen entscheiden.“ Angesichts der
       politischen Situation müssten zudem innerlinke Grabenkämpfe vermieden
       werden. Sein Appell: „Wir müssen unsere Kräfte bündeln. Gemeinsam sind wir
       stärker.“
       
       5 May 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Pressekonferenz-der-Berlinale/!6147194
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       ## AUTOREN
       
   DIR Lilly Schröder
       
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