# taz.de -- Schau über eine frühe Frauenkunstschule: Frauen am Rande der Wahrnehmung
> Eine Ausstellung in Stade erinnert an eine frühe private Kunstschule für
> Frauen. Ab Ende des 19. Jahrhunderts ermöglichte sie professionelle
> Ausbildung.
IMG Bild: Exkursion der Malschule Röver 1897 nach Neustadt in Holstein. Vorn sitzt Ernst Eitner
Es war ein Geschenk mit Symbolkraft: Zwei riesige Wandbehänge hat 1897 ein
„Damencomité“ für das neue Hamburger Rathaus gefertigt und gestiftet. Sie
bekamen prominente Plätze: Im Senatsgehege, also dem für die Spitzen der
Stadtregierung reservierten und [1][mit einem kunstvoll geschmiedeten
Gitter abgegrenzten Bereich des Gebäudes], und im Präsidium der
Bürgerschaft, dem Hamburger Parlament, [2][hängen seither] die Tuche mit
Wappen und Pflanzenmotiven.
Stilistisch und thematisch sind sie nicht gerade revolutionär, politisch
dagegen schon: Frauen sollten sichtbar werden an dieser Schaltstelle der
Macht. Also wurde „Gestiftet von Hamburgs Frauen“ an den Rand gestickt.
Schade nur, dass das meist verdeckt ist, weil bei den Sitzungen stets
jemand davor Platz nimmt.
Entworfen hat die Paneele Valesca Röver, in Berlin und Paris ausgebildete
Malerin. Künstlerisch war sie mäßig bedeutend, gesellschaftspolitisch umso
mehr. 1891 – 28 Jahre bevor sich Frauen an staatlichen Akademien
einschreiben durften – eröffnete sie gegenüber der Hamburger Kunsthalle
eine private Kunstschule für Frauen. Der widmet sich jetzt eine Schau in
Stade.
Es war nicht die erste, aber eine bedeutende Schule, die Frauen eine
professionelle künstlerische Ausbildung bot. Der Beruf der Künstlerin war
bis dato nicht vorgesehen gewesen. Im Gegenteil: Quasi wissenschaftlich
suchte man Schwäche und Unterlegenheit der Frau zu belegen.
## Die Wissenschaft vom erhaltenden Sinn des Weibes
Der Anthropologe Karl Ernst von Baer befand 1824: „Des Mannes Sinn ist
schaffend, des Weibes Sinn erhaltend und bewahrend.“ Und noch 1904
bescheinigte der Neurologe Paul Julius Möbius der Frau „den Mangel an
Vermögen zu combinieren“.
Und wer nicht fähig ist – so die patriarchale Logik –, den braucht man
nicht auszubilden. Frauen durften also Zeichen- oder Gewerbeschulen
besuchen, um Lehrerin zu werden, solange sie unverheiratet blieben. Wer
mehr wollte, wurde als „Malweib“ abgetan. Und Valesca Röver wollte mehr.
Nicht für sich, sondern für ihre Schülerinnen. Sie lud der Moderne
verpflichtete Hamburger Maler wie [3][Ernst Eitner], [4][Arthur Illies] und
Friedrich Ahlers-Hestermann, Mitglieder des reformorientierten
Hamburgischen Künstlerclubs von 1897, ein. Dem von Hamburgs bürgerlichem
Publikum anfangs wütend abgelehnten farbenfrohen Impressionismus
verpflichtet, lehrten sie neben Freilichtmalerei auch Aktzeichnen und
Modellieren.
Der Lehrplan erweiterte sich stetig. Röver-Nachfolgerin Gerda Koppel führte
ab 1904 Reklamezeichen und Fotokolorierung ein. Und es fruchtete: Nicht nur
bekannte Künstlerinnen wie Gretchen Wohlwill und Alma del Banco, 1919
Mitbegründerinnen der Hamburgischen Sezession, gingen aus Rövers Schule
hervor.
Auch Minna Schwerdtfegers und Gabriele Stock-Schmilinskys ins Abstrakte
reichende Landschaften und Gabriele Schweitzer-Daubes expressive Porträts
sind versierte Zeugnisse der Moderne. „Als ich in Biografien immer wieder
auf die Kunstschule Röver stieß, begriff ich, wie bedeutend diese
Einrichtung war“, sagt Ausstellungskuratorin Regina Wetjen. Röver musste
sich und die Schule selbstständig finanzieren. Dadurch waren die Kurse
teuer. Die Schülerinnen entstammten sämtlich der Oberschicht.
Lange habe sie auf eine Hamburger Ausstellung über diese zu Unrecht
vergessene Schule gewartet, so Wetjen. Als die ausblieb, wurde sie selbst
aktiv. Stieg in die Archive, betrieb Grundlagenforschung, fand wenige
Dokumente und kaum Werke in öffentlichen Sammlungen.
Fündig wurde sie bei Privatiers wie der Hamburger Kunsthistorikerin und
Sammlerin [5][Maike Bruhns]. Die hat 2001 ein erstes [6][Standardwerk] über
Hamburger Kunst im Dritten Reich vorgelegt und kürzlich den
[7][Ausstellungsort Parabel] eröffnet, der sich unter anderem einst
verfemter Kunst widmet. Die Urenkelin von Minna Schwerdtfeger wiederum
brachte gleich einen ganzen Kofferraum voller Bilder mit.
## Flucht, Zwangsarbeit und Mitläuferinnentum
Dass die Lehrer an Rövers Schule männlich waren, spiegelte im Übrigen die
gesellschaftlichen Verhältnisse wider: Röver suchte Leute, die an
Akademien, in Paris, bei renommierten Lehrern studiert hatten. Und das war
Frauen ja verwehrt.
Die Einrichtung bestand bis 1954. Im NS-Regime konnten einige der Jüdinnen
unter ihren Schülerinnen sich gerade noch retten: Lore Feldberg emigrierte
1938. Gerda Koppel wurde nach 34 Jahren Tätigkeit als Schulleiterin im
selben Jahr aus dem Amt entfernt. Sie wanderte, wie auch Gretchen Wohlwill,
1940 aus. Emma Israel musste in der NS-Zeit Zwangsarbeit leisten. Alma del
Banco dagegen entschied sich gegen die Flucht. Sie nahm sich 80-jährig das
Leben, als sie 1943 den Deportationsbescheid bekam.
Dass Harriet Wolf 1933 dem NS-Lehrerbund und 1937 der NSDAP beitrat,
verschweigt die Ausstellung nicht. Gabriele Stock-Schmilinsky wiederum,
seit 1938 Schulleiterin, wurde qua Amt NS-Zwangsmitglied der
Reichskulturkammer, nicht aber Parteimitglied.
Doch solche Verwerfungen stehen nicht im Fokus der Ausstellung. Sie bietet
zunächst – und weitere Recherche ist geplant – Grundlagenforschung, holt
Vergessenes ans Licht und verweist auf die dem zugrunde liegenden
politischen Strukturen. Dass die Schau nicht in Hamburg stattfindet,
sondern in Stade – und damit erneut an der Peripherie der Wahrnehmung –,
macht sie selbst zum Politikum.
22 Apr 2026
## LINKS
DIR [1] /So-wird-2024-gewesen-sein/!5978460
DIR [2] https://www.hamburg.de/resource/blob/146320/0a27e8242287ef359c3b16d298bb6804/einsichten-rathaus-frauenrundgang-data.pdf
DIR [3] /Spaete-Ehre-fuer-Maler-Ernst-Eitner/!5417709
DIR [4] /Ausstellung/!5152050
DIR [5] /Hamburger-Ausstellungsort-Parabel/!5872608
DIR [6] http://www.kunst-in-der-krise.de/
DIR [7] /Kirche-wird-Ausstellungsort/!6112975
## AUTOREN
DIR Petra Schellen
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