# taz.de -- Auf Jobsuche: Wir, jene Kinder aus Hartz IV
> Wir müssen ständig arbeiten für das, was andere schon immer haben. Die
> Erschöpfung gräbt sich in unsere Körper ein.
IMG Bild: Mal wieder zu viel Geld ausgegeben?
Würde Friedrich Merz wissen, wie viel Zeit ich in den letzten Monaten in
die Jobsuche investiert habe, würde er mir ein anerkennendes Kopfnicken
schenken. Ich habe zeittechnisch gesehen gerade eine Vollzeitstelle in
Indeed und Stepstone nach Jobs abgesucht. Mein Treibstoff ist
Existenzangst.
Gut, sagt da Friedrich, die soll ich auch haben, [1][um meine Sünde der
Erwerbslosigkeit reinzuwaschen]. Arme schämen sich endlich wieder für ihre
Armut! Erst, wenn ich mich voll verausgabe, besitze ich in der Merz´schen
Logik das Recht, ohne Scham zu existieren.
Social Media Werkstudent:in gesucht, ich schicke eine Bewerbung.
Kassierer:in gesucht, ich schicke eine Bewerbung.
Rezeptionist:in gesucht, ich schicke eine Bewerbung.
Am nächsten Tag vier automatisierte Absagen von Noreply-Emails:
Für den weiteren Bewerbungsprozess können wir sie leider nicht
berücksichtigen, wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei ihrer weiteren Suche
(sic!)
## Eisdiele muss absagen
Mit meinem Rad klappere ich die Läden im Leipziger Süden ab. Bei einer
Eisdiele angekommen, sagt mir die Chefin, dass sie täglich mehrere
Bewerbungen bekommt und sie mir absagen muss. Das Problem: In Leipzig
herrscht eine Leere an Jobangeboten.
Auf der verzweifelten Suche nach einer Arbeit öffnen sich in etwa genauso
viele Tabs aus Ängsten, wie ich Bewerbungen im letzten Monat schrieb.
Ich habe keinen Job, aber ich arbeite die ganze Zeit. Ich schreibe diese
Kolumne, ich mache die Öffentlichkeitsarbeit für ein Festival, ich kümmere
mich um jemanden, mache Papierkram für eine Gewerkschaft, helfe hier und
dort bei Ladenprojekten aus.
Anspannung durchzieht meinen Körper, die Erschöpfung begleitet mich durch
die Tage. Wie eine zweite Schicht legt sie sich über mich und schiebt sich
über die simplen Dinge. Wenn ich Essen kaufe, frage ich mich: Habe ich zu
viel Geld ausgegeben? Wenn ich mir was gönne, habe ich Schuldgefühle.
Ich bin überzeugt davon, dass niemand in Deutschland arm sein muss. Ich
muss nicht händeringend nach einem Job suchen. Es gibt genug zu tun.
Überall müssen wir uns umeinander kümmern. Es gibt genug soziale Räume,
denen eine Arbeitskraft mehr helfen würde.
## Ungleichheit ist kein Naturgesetz
Sozialab- und der Rüstungsaufbau ist eine Entscheidung. Mieten nicht zu
regulieren ist eine Entscheidung. Es gibt kein Naturgesetz, das diese
politischen Bedingungen erzwingt und dafür sorgt, dass Maßnahmen zur
Umverteilung nicht einmal debattiert werden.
Die Auswirkungen davon zeigen sich an unseren Körpern. Wir, jene Kinder aus
Hartz4-Bürgergeld-Grundsicherung ([2][name after your Politikperiode])
sitzen irgendwo in Deutschland und schlafen nachts nicht ein, weil wir
Hunger haben.
Wir, jene Kinder, haben Angst vor einer Mieterhöhung, die uns weiter an den
Stadtrand drängt. Wir, jene Kinder, schämen uns, wenn wir nicht nur das
Nötigste begehren. Wenn wir einen Job absagen, der unsere Körper
verschleißt. Und wir denken, das gute Leben stünde uns nicht zu.
Dabei sind wir, jene Kinder, die, die ganze Zeit arbeiten, um das zu
erreichen, was andere von Anfang an schon haben. Wir schreiben, wir helfen
in den Supermärkten unserer Eltern, wir rappen. Unsere Hände produzieren
stetig, anders könnten wir nicht überleben.
Viele von uns können das nicht in ihren Lebenslauf schreiben, wir werden
für all diese Arbeit nicht bezahlt. Wer in diesen Zuständen keine
Lohnarbeit verrichten will, verstehe ich. Es gibt genug Anderes,
Wichtigeres zu tun.
19 Apr 2026
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## AUTOREN
DIR Jona Rausch
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