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       # taz.de -- Weltrekord-Achterbahn in Saudi-Arabien: Im freien Fall
       
       > Die Falcon’s Flight in Saudi-Arabien gilt als höchste, schnellste und
       > längste Achterbahn der Welt. Wer genau hinsieht, wird nicht nur vor Glück
       > kreischen.
       
   IMG Bild: 195 Meter ist die Falcon's Flight in Qiddiya City nahe Riad am höchsten Punkt
       
       Ich befinde mich an der westlichen Endhaltestelle Riads. An der Decke blaue
       und grüne Leuchtstoffröhren, auf dem Boden schwarze Sitzsäcke. Auf zwei
       Flachbildschirmen läuft ein Video in Dauerschleife. In schnellen Schnitten
       sieht man grüne Golfanlagen, schreiende Menschen in Achterbahnen, Ärzte,
       die über ein rotierendes Lungenhologramm diskutieren, Solaranlagen im
       Sonnenuntergang, Windräder, Familien mit VR-Brillen, illuminierte Arenen in
       einer Wüstenlandschaft.
       
       Das Video zeigt Qiddiya City oder besser gesagt die Vision von Qiddiya City
       – einem der großen Infrastrukturprojekte Saudi-Arabiens. Rund 50 Kilometer
       westlich von Riad soll auf einer Fläche von etwa 360 Quadratkilometern ein
       hochmodernes Areal entstehen, das Arbeiten, Wohnen, Kultur, Unterhaltung
       und Sport miteinander verknüpft. Qiddiya City zählt zu den
       Leuchtturmprojekten der saudischen Reformagenda, die sich „Vision 2030“
       nennt und auf die Modernisierung und Diversifizierung von Wirtschaft,
       Infrastruktur und Gesellschaft abzielt, um das Land langfristig
       unabhängiger vom Öl zu machen.
       
       Ich warte auf den Busshuttle nach Qiddiya City, genauer gesagt in den
       einzigen Teil der geplanten Megastadt, der bereits besuchbar ist: den
       Freizeitpark Six Flags. „Play to Escape“ steht in weißen Leuchtstoffröhren
       an der Wand. Ein paar Frauen stehen scherzend an einem Snackautomaten, sie
       alle tragen eine Abaya, ein traditionelles, langärmeliges Gewand. Ein
       indisches Paar fläzt auf Sitzsäcken. Zwei Asiaten betrachten die
       Bildschirme. Eine weitere Gruppe von Frauen betritt den Raum, einige davon
       stark geschminkt, mit Nasenpiercings und langem offenem Haar.
       
       Ein roter Bus fährt vor, „Experience the Power of Play“ ist auf seiner
       Seite zu lesen. Unsere Reisegruppe besteht mittlerweile aus rund 30 Leuten
       inklusive mir und meiner Begleitung, einem Achterbahnenthusiasten.
       
       Der Freizeitpark Six Flags ist in die Felslandschaft eingebettet und soll
       künftig Zentrum der geplanten Vergnügungsstadt sein. Er bietet 28
       Attraktionen, darunter 8 Achterbahnen. Am 31. Dezember 2025 wurde der Park
       eröffnet mit einem Auftritt der Sängerin Alicia Keys, als Höhepunkt des
       Abends stieg in einer Drohnenlichtshow die Silhouette eines Falken in den
       Nachthimmel auf. Der Falke steht für die Achterbahn Falcon’s Flight, die
       nun als die krasseste Achterbahn der Welt gilt. Und die wollen mein
       Bekannter und ich ausprobieren, am fünften Tag nach der Eröffnung des
       Parks.
       
       Wir fahren auf einer sechsspurigen Autobahn aus Riad hinaus. Im Bus tauscht
       eine Frau ihre Abaya gegen eine braune Lederjacke. „Wir sind hier, um mit
       der schnellsten Achterbahn der Welt zu fahren. Wir sind alle sehr
       aufgeregt“, sagt einer von drei jungen Männern, die heute schon acht
       Stunden mit dem Auto aus Mekka hergefahren sind, auf Englisch. Nach einiger
       Fahrzeit hat der Bus den Rand eines Felsplateaus erreicht.
       
       Riad befindet sich auf einem Plateau, Qiddiya City im Tal hinter dem
       Felsabbruch. Die Autobahn führt hinab ins Tal – 200 Meter. 200 Meter, die
       später auch die Achterbahn im freien Fall zurücklegen wird. Vor uns
       erstreckt sich eine sandige und nahezu leere Ebene. Ab und zu stehen kleine
       Bagger im Wüstensand. Wir fahren vorbei an den frisch eröffneten
       Playmaker-Filmstudios. Ein historischer Actionfilm von den Machern von
       „Game of Thrones“ soll die erste große Produktion werden.
       
       Ansonsten ist von einer Entertainmentmetropole noch nicht viel zu erahnen.
       Eine Weile fahren wir parallel zur Klippenkante, bis das erste Schild auf
       den Freizeitpark aufmerksam macht: „PLAY IS 4 KM AWAY“ – noch vier
       Kilometer bis zum Spielspaß.
       
       ## Spiel, Spaß und Spannung
       
       Dann halten wir endlich auf dem riesigen, verhältnismäßig leeren Parkplatz
       des neuen Freizeitparks. Mein Handy zeigt eine Warnung an: „Staubtreiben –
       aktuelle Luftqualität ist sehr schlecht.“ Am Eingang nimmt uns jede Menge
       Personal in Empfang. Die Mitarbeitenden zeigen uns den Weg mit
       freundlichen, aber bestimmten Handbewegungen. Überall sind Kameras
       installiert, jeder Millimeter scheint hier überwacht zu werden.
       
       Mein Bekannter und ich passieren drei Kontrollen, bis wir schließlich den
       Park betreten dürfen. Es ist 16.20 Uhr, 20 Minuten nach Öffnung. Ich habe
       keine Zeit, mich groß umzusehen, mein Bekannter sagt: „Renn!“ Er will
       unbedingt zur Falcon’s Flight, für die er extra aus Deutschland
       hierhergekommen ist.
       
       Er ist Teil einer speziellen Community, die bei Neueröffnungen relevanter
       Achterbahnen wie selbstverständlich um die komplette Welt reist. Der Worst
       Case für ihn wäre nun, die Falcon’s Flight gar nicht fahren zu können –
       auch das hat er in der Vergangenheit schon erlebt. „Die Wahrscheinlichkeit
       von Ausfallzeiten kurz nach der Eröffnung eines Parks ist groß – gerade bei
       technologischen Neuheiten“, sagt er.
       
       Mit Wüstenstaub in den Lungen biegen wir Haken schlagend in die „City of
       Thrills“ ein. Wir rennen durch einen eckigen blauen Torbogen mit
       Falkenmotiv, vorbei an Fontänen. Und dort steht sie: die höchste (195
       Meter), schnellste (250 Stundenkilometer) und längste (4,3 Kilometer)
       Achterbahn der Welt. Die angezeigte Wartezeit: 20 Minuten.
       
       In der Schlange unterhält sich ein Paar, beide sehen aufgeregt aus. „Unsere
       erste Achterbahn“, erzählen sie. Die Stimmung ist heiter. „Ich bin hier
       geboren und aufgewachsen, aber ich arbeite jetzt in Großbritannien. Ich bin
       extra für die Falcon’s Flight angereist“, sagt ein Mann, der mit seinen
       jüngeren Geschwistern zu Besuch ist. Wir steigen eine Treppe hinauf und
       betreten eine riesige Starthalle, die auch ein Raumschiff sein könnte.
       
       Eine Betriebsleitstelle sitzt wie auf einer Brücke oberhalb des Treibens
       hinter einer gläsernen Front. Sechs Mitarbeiter mit Headsets schauen
       konzentriert auf Monitore und überwachen die Technik. Die Abläufe sind noch
       etwas ruckelig, das Ein- und Aussteigen, das Richten der Bügel dauert.
       Trotzdem klatschen die Menschen, wenn sie wieder in die Halle einfahren.
       Und sie klatschen auch, wenn sie die Halle verlassen.
       
       Plötzlich gehen die Sicherheitsbügel eines eigentlich startklaren Zugs noch
       einmal hoch, die Betriebsleitstellenbesatzung gerät in Bewegung. Vermutlich
       handle es sich um ein übersensitives Warnsignal, fachsimpelt mein
       Begleiter. „Erst mal nichts Ungewöhnliches“, sagt er. Meine Anspannung
       steigt trotzdem.
       
       Kurze Zeit später geht es dann aber doch weiter. Unser Achterbahnzug rollt
       mit acht massiven Wagen an. Ein gelb-blau gestreifter Falkenkopf bildet die
       Front, seine strengen Augen sind in wechselnder Intensität illuminiert. Die
       Wagen sind aus Carbon gefräst, Schweißnähte wären im Wüstensand zu
       wartungsanfällig. Einer Frau hinter mir wird erklärt, wie sie sich in ihrer
       Abaya am besten platziert, dann geht es los.
       
       ## Beschleunigung auf 250 km/h
       
       Mein Blick wandert nach unten zum Boden, den wir gleich verlassen werden.
       Das Fundament der Falcon’s Flight wurde von der Tochtergesellschaft eines
       bayerischen Unternehmens, der Bauer Foundation Contractors Ltd., im Wüsten-
       und Felsgelände verankert. Auch Bayerns damaliger Wirtschaftsstaatssekretär
       Roland Weigert hatte die Baustelle besucht und das Projekt als weiteres
       „internationales Rekordbauwerk“ gelobt, das die Kompetenz seines
       Bundeslandes im Spezialtiefbau unter Beweis stelle.
       
       Kaum sind wir aus der Halle, erfolgt die erste Beschleunigung durch ein
       elektromagnetisches Antriebssystem, das sich LSM-System nennt. Es ist die
       erste von drei Beschleunigungen. Laut Daniel Schoppen von der
       liechtensteinischen Firma Intamin Amusement Rides, der am Design und Layout
       von Falcon’s Flight mitgearbeitet hat, soll sich die Fahrt „langsam“
       aufbauen, „da der Park hauptsächlich von einer demografischen Gruppe
       besucht wird, die nicht unbedingt jeden Tag Achterbahn fährt“. Aber langsam
       ist hier gar nichts.
       
       Wir werden in die Sitze gedrückt, kaum haben wir Platz genommen. Vor uns
       türmen sich die sandigen Klippen auf, auf die sich die Schienen später
       hinaufschrauben werden, um Schwung für den höchsten Achterbahnhügel der
       Welt zu holen. Wir rasen durch den Park und überqueren die Baustelle der
       neuen Formel-1-Strecke, die voraussichtlich 2027 fertiggestellt wird.
       
       Dann folgt die zweite Beschleunigung – und wir schießen auf das Felsplateau
       hinauf. Ein Setting von bisher ungekannter Dimension breitet sich vor uns
       aus. In Texas gibt es die Steinbruchwand der Achterbahn Iron Rattler mit
       einer Abschusspiste von 50 Metern, hier ermöglicht die Topografie einen
       Drop von fast 200 Metern. Mein Atem stockt.
       
       Oben angekommen, verlangsamt sich „der Flug des Falken“ erst mal. In
       weiten, eleganten Bögen steuern wir auf die Klippe zu. Am Horizont geht
       gerade die Sonne unter, eine diesige, orange Stimmung liegt über der
       sandigen Fläche. Ich frage mich, was ich hier eigentlich mache. Dann kippt
       der Zug um 90 Grad, und der Falke stürzt in die Tiefe, als stürze er sich
       auf eine Beute. Ich reiße meine Arme in die Luft. Wir schreien.
       
       Als Nächstes wird es schwarz, ein Tunnel. In der Dunkelheit beschleunigen
       wir erneut. Dieses Mal erreicht der Zug seine Weltrekordgeschwindigkeit von
       250 Stundenkilometern – fahrbar ohne Schutzbrille aufgrund aerodynamischer
       Flügel am Wagen, die einen Luftstrom erzeugen, der über die Fahrgäste
       hinweg geleitet wird, so erklärte es mir vorher der Bekannte.
       
       Wir schießen auf den höchsten Achterbahnhügel der Welt hinauf. Ich werde
       noch tiefer als zuvor in den Sitz gedrückt. Es fühlt sich fantastisch an.
       Alle Widerstände sind aufgegeben, als würde man sich einer Ohnmacht
       hingeben. Doch kurz vor der tatsächlichen Bewusstlosigkeit, weil ich bei
       dieser Geschwindigkeit tatsächlich kurzzeitig aufgehört habe zu atmen, hebt
       mich die abnehmende Steigung etwas aus dem Sitz, am Scheitelpunkt schwinden
       die wirkenden Kräfte. Alles ist leicht auf dem Gipfel des höchsten
       Schienenbogens der Welt. Und die Fahrt hält für einen Moment inne.
       
       Besäße man jetzt tatsächlich die glühenden Augen eines hoch technisierten
       Falken, könnte man von hier in etwa 50 Kilometern Luftlinie das Gefängnis
       Al Malaz inmitten Riads sehen, zwischen Zoo und dem angrenzenden
       Wohnviertel mit seinen ummauerten Villen und Parks. [1][Dort ist Manahel
       al-Otaibi inhaftiert,] eine 31-jährige Fitnesstrainerin und
       Frauenrechtsaktivistin. Am 9. Januar 2024 verurteilte das
       Sonderstrafgericht Saudi-Arabiens sie in einem geheimen Prozess zu elf
       Jahren Haft wegen angeblicher „terroristischer Straftaten“.
       
       Al-Otaibi hatte sich in den sozialen Medien für Frauenrechte eingesetzt und
       Fotos von sich im Einkaufszentrum ohne Abaya veröffentlicht. Daraufhin
       wurde ihr vorgeworfen, Inhalte zu verbreiten, die „öffentliche Sünden“
       beinhalten und gegen die Moral und Ordnung verstoßen.
       
       Mit den Augen eines Falken könnte man keine 70 Kilometer weiter Richtung
       Nordosten vermutlich auch 3.500 seiner cremefarbenen, gefiederten
       Artgenossen erspähen. Das King-Abdulaziz-Falconry-Festival, das größte
       Falkenturnier der Welt, findet alljährlich um den Jahreswechsel herum
       nördlich von Riad statt und verteilt Preise im Wert von rund 10 Millionen
       US-Dollar. Der nächste Weltrekord.
       
       Und würde man seinen Falkenblick in die Zukunft schweifen lassen, sähe man
       sicher den königlichen Yamama-Palast, wo Mohammed bin Salman und Friedrich
       Merz ein paar Wochen nach unserer Achterbahnfahrt „herzlich und offen“
       miteinander sprechen werden. Merz wird sagen, dass die „Vision 2030“ den
       einzigen G20-Staat am Golf zu einem attraktiven Markt für die deutsche
       Industrie macht. Siemens hilft zum Beispiel gerade, die neue U-Bahn in Riad
       zu bauen.
       
       Im Gegensatz zu Olaf Scholz, [2][der den Mord an dem saudischen
       Regierungskritiker Jamal Khashoggi] bei einem Besuch 2022 noch
       thematisierte, wird der Name Khashoggi in der Pressekonferenz von Friedrich
       Merz nicht mehr fallen – sondern verschwindet in einem Satz über „ungleiche
       Werte“.
       
       Die Konsequenzen dieser Werteunterschiede lassen sich auch ohne Falkenaugen
       beobachten. 2025 wurden laut der britischen Nichtregierungsorganisation
       Reprieve, die Menschen in Todeszellen vertritt, in Saudi-Arabien so viele
       hingerichtet wie nie zuvor: 356 Menschen, im Mittel beinahe eine
       Hinrichtung täglich. Zwei Drittel der Opfer wurden wegen Drogendelikten zum
       Tode verurteilt, aber auch in anderen Fällen wird die Todesstrafe weiterhin
       eingesetzt. So wurde 2025 der Journalist Turki al-Jasser hingerichtet, der
       über Frauenrechte und Korruption berichtet hatte. Von den Behörden wurde er
       deshalb des „Terrorismus“ bezichtigt.
       
       „Es scheint, als sei den Behörden egal, wen sie hinrichten, solange sie der
       Gesellschaft klarmachen, dass bei Protesten, Meinungsfreiheit oder Drogen
       null Toleranz herrscht“, sagt Jeed Basyouni, Leiterin der Abteilung für
       Todesstrafe im Nahen Osten und Nordafrika bei der NGO Reprieve.
       
       Die US-amerikanische Botschaft im Regierungsviertel von Riad könnte man von
       hier oben mit Falkenaugen ebenfalls sehen: ein monumentales
       sandsteinfarbenes Gebäude mit rautenförmigen Fassadenöffnungen, das am 3.
       März – keine zwei Monate später – von zwei iranischen Drohnen getroffen
       werden wird. Zahlreiche weitere Drohnen werden an diesem Tag über Riad
       abgefangen. Denn amerikanisch-israelische Militärschläge im Iran werden
       dazu führen, dass Teheran Gegenattacken in der Golfregion startet.
       
       In Saudi-Arabien werden unter anderem Ölanlagen und eine US-Militärbasis im
       Osten des Landes angegriffen. Zwei ausländische Staatsangehörige – ein
       Inder und ein Bangladescher – werden getötet und zwölf weitere Menschen
       verletzt. Wolodymyr Selenskyj wird auf X schreiben, dass er mit Mohammed
       bin Salman über das „Abwehren von Bedrohungen durch das iranische Regime“
       gesprochen habe und ukrainische Expertise in der Drohnenabwehr anbiete.
       
       Am 18. März 2026 wird das Königreich Saudi-Arabien ein beratendes Treffen
       der Außenminister:innen von 13 arabischen und islamischen Ländern in
       Riad ausrichten, um auf die iranische Eskalation zu reagieren. Die
       Teilnehmer werden Iran auffordern, „sofort und bedingungslos seine
       Aggression einzustellen“ und warnen vor „ernsten Konsequenzen, da die
       Völker der Region nicht tatenlos zusehen werden, wenn ihre Ressourcen
       bedroht werden“.
       
       Mit diesem Konflikt wird die Stabilität des gesamten Nahen Ostens auf dem
       Spiel stehen. Es wird weitere Einschläge geben, vor allem im ölreichen
       Osten des Landes. Bilder von brennenden Ölfeldern und zerstörter
       Infrastruktur werden in den Nachrichten zu sehen sein und die „Vision 2030“
       – Saudi-Arabien als ein sicheres, stabiles und hochmodernes Ziel für
       internationale Vergnügungssuchende, Saudi-Arabien als attraktiver Markt für
       internationale Investitionen – erst einmal überdecken.
       
       Doch der Freizeitpark wird geöffnet bleiben. Auch wenn weitaus weniger
       Tourist:innen ins Land kommen. [3][Den Verhandlungen zwischen den USA
       und Iran] wird man in Qiddiya City gebannt folgen.
       
       Aber wir haben keine Falkenaugen, wir können weder so weit in die Ferne
       noch in die Zukunft schauen, wir sind Six-Flags-Besucher und sitzen noch
       immer, gehalten von Carbonbügeln, am Gipfel der höchsten Achterbahn der
       Welt. Ich schaue kurz nach hinten, das Paar hinter mir ist ganz still. Noch
       einmal grüßt uns die Sonne, sie wird gleich untergehen, und dann schießen
       wir in die Tiefe und biegen in die letzte Schlusskurve, die bodennahe
       Helix, ein.
       
       In der Einfahrt steht ein Mann, der zum Klatschen animiert. Meine Hände
       wissen nicht, dass sie zu meinem Körper gehören, aber klatschen können sie
       noch.
       
       Nach der Fahrt werden wir sehr schnell aus der Halle herausgeleitet. Ein
       kurzer Blick auf die Wartezeitanzeige: 300 Minuten. Es hat sich eine lange
       Schlange gebildet. Ein junger Mann kommt aus dem Ausgang und schlägt die
       Hände über dem Kopf zusammen. „Ich habe keine Worte, es zu beschreiben,
       aber es war fantastisch!“ Ich frage, ob er nochmals fahren werde. Die Hände
       noch immer an seinem Kopf, als hätte er Angst, ihn zu verlieren, antwortet
       er: „Nein, niemals!“
       
       Der Park ist mittlerweile gut besucht, viele Familien, Jugendliche und
       ältere Menschen. Während sich mein Bekannter weiter auf dem Gelände
       umsieht, esse ich mit einer arabischen Frauengruppe zu Abend, sie laden
       mich zu Pepsi, Pizza und Linsensuppe in einen mensaähnlichen Imbiss des
       Freizeitparks ein. Die Freundinnen sind alle aus Riad, eine Freundin von
       ihnen arbeitet als Personal der Falcon’s Flight. Sie hoffen auf ein
       Short-Track-Ticket, um die fünf Stunden Wartezeit zu umgehen.
       
       Sie tragen dunkle, weite Kleidung, Gucci- und Chanel-Handtaschen. „Wir
       tragen, was wir wollen“, sagen sie. „Kennst du den indischen Sari? So ist
       es auch bei uns, eine traditionelle Kleidung, die du entweder tragen kannst
       oder eben nicht. Außer in den Vororten von Riad, in den Randbezirken, da
       ist es etwas anders.“
       
       ## Im Wartebereich Tumulte und Schlägerei
       
       Wir verabschieden uns vor einem riesigen Kettenkarussell, und ich
       schlendere alleine weiter durch den Park, es ist jetzt 22 Uhr und die
       Temperatur ist rapide gesunken. Die Wartezeiten der meisten Attraktionen
       betragen jetzt weniger als fünf Minuten, ein Großteil der Restaurants ist
       leer. Die Mitarbeiter davor grüßen mit „Enjoy“ – „Genieße es“. Alle sagen
       ständig „Enjoy“. Menschen sitzen auf den Bänken an ihren Handys.
       
       Ich schaue zur Falcon’s Flight, deren filigrane Stahlstruktur vor dem
       dunkelblauen, matten Nachthimmel erstrahlt. Die Felswände im Hintergrund
       sind in wechselnden Farben erleuchtet, und Scheinwerfer scheinen vom
       Plateau aus wie ein Fächer ins Tal. Die Achterbahn steht still. Ich laufe
       vor zur Halle. Die Wartezeitanzeige steht noch immer bei 300 Minuten.
       
       Plötzlich springt die Notausgangstür auf. Im Inneren gab es wohl Tumulte
       und eine Schlägerei, wie das Achterbahnpersonal erklärt. Die Stimmung ist
       aufgekratzt. Ab diesem Zeitpunkt fährt die Achterbahn gar nicht mehr. Das
       Personal reagiert nur noch mit Achselzucken, und die Schlange löst sich
       langsam auf.
       
       Ich treffe Ishan. Er sieht müde aus. Er kommt aus einer kleinen Küstenstadt
       im Süden von Sri Lanka und arbeitet seit drei Wochen hier im
       Six-Flags-Freizeitpark. Seine Aufgaben wechseln wöchentlich – mal ist er
       Rollercoaster-Operator, mal Eingangspersonal. Heute ist er Letzteres. „Es
       ist gut hier“, sagt er, „die Arbeit ist leicht, ich stehe nur herum oder
       drücke auf irgendwelche Knöpfe.“
       
       Fünf Tage die Woche arbeitet er jeweils zwölf Stunden – von 12 Uhr mittags
       bis 1 Uhr nachts, mit einer Stunde Pause. Mindestens 50 Stunden pro Woche
       für umgerechnet etwa 900 Euro im Monat. Das lange Stehen bereitet ihm
       inzwischen Knöchelschmerzen. „Wenn du Arbeit willst, musst du stark sein“,
       sagt Ishan. Untergebracht ist er in einer firmeneigenen Unterkunft, wo er
       Kost und Logis erhält.
       
       Er sagt, er habe zuvor in Katar und Dubai gearbeitet und sehr schlechte
       Erfahrungen gemacht, auch innerhalb Saudi-Arabiens seien die Bedingungen
       sonst nicht so. Das gibt es nur in Qiddiya City: „Bestes Gehalt, beste
       Örtlichkeiten.“
       
       Tatsächlich gibt es eine Vielzahl bestürzender Berichte von NGOs, die
       außerhalb von Prestigeprojekten wie Qiddiya City über fatale
       Arbeitsbedingungen in Saudi-Arabien berichten. Der Global Slavery Index
       schätzt, dass im Jahr 2021 rund 740.000 Menschen in Saudi-Arabien in
       moderner Sklaverei lebten. Damit liegt das Land regional an der Spitze und
       weltweit auf dem vierten Platz.
       
       Besonders gefährdet sind Arbeitsmigrant:innen, die den Großteil der
       Erwerbsbevölkerung stellen und im sogenannten Kafalasystem arbeiten. Dieses
       restriktive System für Arbeitserlaubnisse bindet Beschäftigte an ihre
       Arbeitgeber und schafft ein starkes Machtungleichgewicht, da Letztere
       weitreichende Kontrolle über Arbeitsbedingungen und Aufenthaltsstatus
       besitzen.
       
       Offiziell trifft Saudi-Arabien zwar Maßnahmen gegen moderne Sklaverei, doch
       der Erfolg ist gering. Das Kafalasystem besteht weitgehend fort, und
       zentrale Verbesserungen gelten nicht für alle – insbesondere
       Hausangestellte sind häufig ausgenommen.
       
       Ich frage Ishan, was er in seinen freien Stunden macht: „Viele von uns
       haben Angst, etwas falsch zu machen, was gegen ein Gesetz verstößt. Also
       machst du gar nichts. Keine Frauen, kein Alkohol. Nur essen, arbeiten,
       schlafen.“ Noch ein ganzes Jahr wird er in Qiddiya City arbeiten, bevor er
       sich von seinem Gehalt in Sri Lanka ein Haus für seine Familie bauen
       möchte.
       
       ## Softpower mit Fußballstars und Kunst
       
       Qiddiya City und der Freizeitpark sind keine einzelnen Projekte, sondern
       Teil einer nationalen Strategie. Seit Jahren investiert Saudi-Arabien
       massiv in unterschiedlichste Bereiche mit internationaler Strahlkraft, um
       seine Soft Power auszubauen. Fußballstars wie Cristiano Ronaldo und Neymar
       werden mit Millionensummen für saudi-arabische Vereine verpflichtet, und
       die Fußball-Weltmeisterschaft soll 2034 in Saudi-Arabien stattfinden.
       Investitionen in den wachsenden E-Sport-Sektor werden getätigt, und auch
       der Esports World Cup 2026 ist bereits in Planung.
       
       Zugleich wird kräftig in den Kunstmarkt investiert, mit neuen Museen und
       Kunstmessen. Kürzlich kaufte Mohammed bin Salman für 450 Millionen
       US-Dollar das teuerste Gemälde der Welt als Publikumsmagneten für das neue
       Kunstmuseum: Riads „Mona Lisa“ wird „Christus als Heiland der Welt“. Von
       Leonardo da Vinci.
       
       All diese Projekte werden in Kooperation und mit dem Know-how westlicher
       Firmen entwickelt und umgesetzt. Das Kopenhagener Architekturbüro Bjarke
       Ingels Group (BIG), das an der Entwicklung des Masterplans von Qiddiya City
       beteiligt ist, sagt: „Wir tragen dazu bei, den Weg für eine dringend
       notwendige soziale und kulturelle Reform des Landes zu ebnen.“
       
       Den einzigen Weg, den ich hier noch nehme, ist der mit einem Taxi zum
       Flughafen, mein Bekannter reist weiter. Ich trage ein Cap, als ich
       einsteige. Das erste Mal seit Beginn meines Aufenthalts werde ich von einem
       Fahrer im lockeren Plauderton gefragt, wie es mir geht: „Ich dachte, du
       bist ein Junge!“ Er arbeitet tagsüber in Qiddiya City, und abends fährt er
       noch ein paar Stunden Uber, den Eintritt für den Freizeitpark kann er sich
       trotzdem nicht leisten.
       
       Wir fahren an der Metrostation im Finanzviertel vorbei, die Teil des
       selbstfahrenden Metrosystems ist, das 2024 eröffnet wurde. Der
       futuristische Bau stammt von Zaha Hadid Architects, in der geschwungenen
       Eingangshalle steht eine monumentale Skulptur von Alexander Calder. Dann
       geht es vorbei an einem Flugzeug, das auf einem ansonsten leeren Parkplatz
       steht.
       
       Das Flugzeug war Teil einer Challenge des US-Youtubers MrBeast, für die
       eigens eine Autobahn in Riad gesperrt wurde. Hundert Piloten liefen
       kilometerlang neben dem fahrenden Flugzeug her und mussten es dabei
       durchgängig mit der Hand berühren. Die Challenge entwickelte sich zu einem
       Durchhalte- und Schlafentzugswettbewerb, wie es ihn in ähnlicher Form schon
       einmal in den 1990ern im Süden der USA gegeben hatte. Damals erlangten
       diese Wettbewerbe tragische Bekanntheit, weil sich ein Teilnehmer nach 48
       Stunden mit der Hand am Truck erschoss.
       
       Links und rechts vertrockneter Buchsbaum in der Autobahnunterführung. Und
       überall das Triptychon der drei Generationen der saudischen
       Herrscherfamilie, auch großformatig auf der Tür des Supermarkts. Mir wird
       schwindelig, ich bin erschöpft. Diese Reise fühlt sich an wie ein
       Fiebertraum.
       
       Am Flughafen habe ich bei der Passkontrolle schwitzige Hände. Die Dame
       schaut mich nur freundlich an und sagt: „Haben Sie eine gute Reise, und
       kommen Sie bald wieder.“ Ich denke an die Worte des jungen Manns mit den
       über dem Kopf zusammengeschlagenen Händen nach seiner Fahrt mit der
       Falcon’s Flight.
       
       18 Apr 2026
       
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   DIR Anna K. Seidel
       
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