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       # taz.de -- Film über sexuellen Missbrauch: Luisa lacht nicht mehr
       
       > Das Thema sexueller Missbrauch von Menschen mit geistiger Behinderung ist
       > mehrfach tabuisiert. Der Spielfilm „Luisa“ untersucht es auf Basis tiefer
       > Recherche.
       
   IMG Bild: Da ist Luisas Welt noch in Ordnung: Pfleger Fabian kämmt ihr die Haare
       
       Luisa ist ein fröhlicher Mensch. Sie lacht, wenn sie in den Bus steigt,
       wenn sie beim Essen ist, wenn sie den neuen Pfleger anpumpt. Sie kauft sich
       einen Luftballon mit Helium, saugt das Gas raus und lacht sich tot über die
       Mickey-Mouse-Stimme, die sie danach hat.
       
       Sie hat Spaß an ihrem Job, der darin besteht, Wäsche in einer Wäscherei
       zusammenzulegen. Sie fühlt sich wohl in der Einrichtung, in der sie lebt.
       Denn Luisa ist zwar eine 22-jährige Erwachsene, aber allein leben könnte
       sie nicht. Sie hat eine geistige Behinderung. Welche, erfahren wir nicht.
       Es spielt auch keine Rolle.
       
       Luisa hat einen Freund, der Anton heißt und sie besucht. Auch er hat eine
       geistige Behinderung und die beiden gehen sehr vorsichtig miteinander um.
       Sie liegen im Bett nebeneinander, Lisa imitiert Tierlaute, Anton muss
       raten, welches Tier gemeint ist. Er streichelt sie und sagt: „Du bist so
       weich.“ Lisa lacht, über das ganze Gesicht, und sagt: „Ich muss jeden Tag
       an dich denken.“
       
       Bis hierhin ist die Welt in Ordnung in diesem Film namens „Luisa“, der in
       ruhigen, dokumentarisch anmutenden Bildern erzählt von dieser Einrichtung,
       ihren Bewohner*innen und ihrem Leben. Es ist der Debütfilm der
       Hamburger Regisseurin Julia Roesler, die sich einen Namen gemacht hat mit
       dem Theaterkollektiv werkgruppe2.
       
       ## Sexualität als Teambesprechung
       
       Mit der [1][werkgruppe2] hat Roesler fast 20 dokumentarische, selbst
       recherchierte Theaterstücke gemacht, etwa zu [2][Polizeigewalt] und
       [3][Paragraph 218]. Aus dem Theaterkollektiv hervorgegangen ist 2022 eine
       gleichnamige Filmproduktionsfirma mit Sitz in Rosdorf bei Göttingen.
       „Luisa“ ist deren erster Kinospielfilm. Wie bei den Theaterstücken sind die
       Dramaturgin Silke Merzhäuser und die Musikerin Insa Rudolph Teil des Teams.
       
       Auch für „Luisa“ hat die werkgruppe2 viel recherchiert, die Besonderheit
       des Films liegt aber darin, dass die Besetzung inklusiv ist und
       Schauspieler*innen mit Behinderung tragende Rollen spielen. Gefunden
       hat Julia Roesler diese bei der inklusiven Hamburger Theatergruppe
       „[4][Meine Damen und Herren]“.
       
       Die Hauptrolle der Luisa spielt Celina Scharff, Anton wird gespielt von
       Dennis Seidel. Die Rolle des Heimleiters hat Peter Lohmeyer übernommen, die
       engagierte Pflegerin Lea gibt Trixi Strobel.
       
       Die Probleme beginnen für Luisa, als Busfahrer Horst, ein Mensch ohne
       Behinderung, anfängt, sich ihr zu nähern. Aus Freundlichkeit und
       Vorzugsbehandlung werden intime Berührungen und Sonderfahrten zu zweit.
       Luisa scheint seine Gefühle zu erwidern.
       
       Das Pflege-Team der Einrichtung diskutiert, ob man eingreift, ist sich
       uneinig. „Das geht zu weit“, sagt eine der Pflegerinnen, eine andere:
       „Luisa hat ein Recht darauf, Fehler zu machen und eigene Erfahrungen zu
       sammeln.“ Pfleger Daniel sieht das auch so. Es passiert nichts.
       
       So kann Horst Luisa sexuell missbrauchen. Bei einer ihrer Ausfahrten
       beginnt er sie zu streicheln und onaniert dabei. Luisa schaut weg und wirkt
       unbeeindruckt. Allerdings gibt es einen zweiten Missbrauch, diesmal durch
       den Pfleger Daniel, der sie während einer Nachtwache beim Zubettbringen
       penetriert.
       
       Danach ist es vorbei mit der Lebensfreude. Luisa verstummt, sinkt in sich
       zusammen, zieht sich zurück. Sie lacht nicht mehr. Was die Kamera deutlich
       zeigt, doppelt die Musik: Zu Luisa gehört jetzt ein düsteres Knarzen, das
       ihren Seelenzustand transportiert.
       
       Es ist ein schweres Thema, an das sich der Film heranwagt: Der sexuelle
       Missbrauch einer Frau, die sich schwertut, sich zu artikulieren. Das alles
       im Umfeld einer Pflegeeinrichtung, in der sich Pfleger*innen und
       Gepflegte zwangsläufig körperlich sehr nahe kommen. Die Grenze zwischen
       Zugewandtheit und Übergriff lässt sich leicht überschreiten. Zudem bestehen
       starke Abhängigkeiten und Machtgefälle. Von der Möglichkeit, seine Tat zu
       vertuschen, macht Pfleger Daniel Gebrauch. Allerdings stellt sich heraus,
       dass Luisa schwanger ist. Die Frage ist nun: von wem?
       
       ## Missbrauch bleibt oft unentdeckt
       
       Der Film findet damit zu einer Geschichte, die über das hinausgeht, was in
       der Realität die Regel ist. Im echten Leben bleibt der Missbrauch oft
       unentdeckt, selten fliegen die Täter*innen – es sind mehrheitlich Männer
       – auf. Studien zum Thema verweisen auf eine [5][enorme Dunkelziffer]. Nach
       einer 2024 veröffentlichten [6][Studie im Auftrag des
       Bundesfamilienministeriums] berichten 22 Prozent der stationär betreuten
       erwachsenen Frauen mit Behinderung davon, Opfer sexueller Gewalt geworden
       zu sein. 41 Prozent berichten von sexueller Belästigung.
       
       Höchst selten landet einer dieser Fälle vor Gericht und [7][noch seltener
       kommt es zu einer Verurteilung]. Schon die Anzeige bei der Polizei ist mit
       einem Aufwand verbunden, den Betroffene oft nicht leisten können. Von der
       Schwierigkeit, etwas zu beweisen, ganz zu schweigen.
       
       Im Fall von Luisa sieht alles danach aus, als käme der Täter davon. Obwohl
       sich die Kommissarin und auch das Personal der Einrichtung bemühen, die
       Sache aufzuklären. Ihre Hilflosigkeit und ihre Ängste vor Schließung und
       Jobverlust fängt der Film mit Empathie ein – ebenso wie Luisas Gefühle. Sie
       lässt ihnen freien Lauf, um das Erlebte zu verarbeiten. Unerwartet führt
       das auch zur Aufklärung der Täterschaft.
       
       Der Film lässt sich viel Zeit, blickt auch auf die anderen
       Bewohner*innen und erzählt von deren Sexleben. Das geschieht en passant
       oft in Form von Andeutungen und ist zugleich ein wichtiger Beitrag, mit
       einem Tabu zu brechen: Natürlich haben Heim-Bewohner*innen eine Sexualität
       und ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. In der Praxis wird darüber
       ungern geredet. Das erleichtert es Täter*innen, Missbrauch unter den
       Teppich zu kehren.
       
       ## Am Ende nur ein bisschen Trost
       
       Durch die sorgfältige Recherche und die Intensität der
       Schauspieler*innen ist „Luisa“ ein besonderer Film. Im Feld inklusiver
       Filmproduktion ist er weit vorn: Er bringt die Perspektive der
       Schauspieler*innen mit Behinderung umfassend ein.
       
       Auf kleineren Festivals hat er etliche Preise gewonnen. Die Anzahl der
       Kinos, die „Luisa“ ab 23. April zeigen, ist aber überschaubar. Hilfreich
       für die Verbreitung wird sein, dass „Das kleine Fernsehspiel“ des ZDF als
       Koproduzent dabei ist.
       
       Was der Film nicht bietet, ist eine Idee, wie es besser laufen könnte. Er
       endet trostlos mit der Kündigung des Pflegers Daniel und dem Hinweis des
       Heimleiters, dass dieser vor ein paar Jahren schon mal einer Bewohnerin „an
       die Brust gefasst“ hatte und die darauf folgende Supervision wohl nichts
       gebracht habe. Nur Luisa, das immerhin, kämmt sich zum Schluss vorm Spiegel
       die Haare, allein. Zu Beginn des Films hatte das noch ein Pfleger gemacht.
       
       20 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.werkgruppe2.de/
   DIR [2] /Polizeigewalt/!t5708537
   DIR [3] /Paragraf-218/!t5437648
   DIR [4] https://www.meinedamenundherren.net/
   DIR [5] /Einrichtungen-der-Behindertenhilfe/!5854567
   DIR [6] https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/service/publikationen/gewalt-und-gewaltschutz-in-einrichtungen-der-behindertenhilfe-241798
   DIR [7] /Sexualisierte-Gewalt/!6069257
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Klaus Irler
       
       ## TAGS
       
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