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       # taz.de -- 40 Jahre Tschornobyl: Untergepflügter Salat und gesperrte Sandkästen
       
       > Junge Eltern sind verunsichert, als 1986 die Strahlenwolke aus der
       > Sowjetunion Westdeutschland erreicht. Nach einiger Show reagiert die
       > Politik.
       
   IMG Bild: Kein Bock auf radioaktive Lebensmittel: Anti-Atom-Aktivisten bei der AKW-NEE-Demo am 10. Mai 1986 in Essen
       
       Die Schlagzeilen am Kiosk sind dramatisch an diesem Dienstag. Es ist der
       29. April 1986, und in großen Lettern liest man „Atomkatastrophe“. In
       Finnland und Schweden haben Wissenschaftler am Vortag erhöhte
       Radioaktivität in der Luft gemessen, deren Herkunft sich anhand der
       Windströmung errechnen lässt.
       
       So bricht [1][die Mauer der Geheimhaltung]: Die Sowjetunion kommt nicht
       mehr umhin, einzugestehen, dass sich am 26. April in „Tschernobyl“ –
       selbstredend benutzen damals alle den russischen Namen dieser ukrainischen
       Stadt – ein Atomunfall ereignet hat. Die amtliche Nachrichtenagentur der
       UdSSR, TASS, lässt nun den Westen wissen: „Maßnahmen werden ergriffen, um
       die Folgen des Unglücks zu beseitigen.“ Man habe „eine Regierungskommission
       eingesetzt“.
       
       Auch am folgenden Tag sind die Zeitungen voll von Berichten über das
       „Höllenfeuer“. Wer an diesem 30. April einen Geigerzähler zur Hand hat,
       kann zumindest in Süddeutschland messen, wie im Tagesverlauf die
       Strahlenwerte in der Luft ansteigen. Denn man ist in Deutschland, je nach
       Standort, nur zwischen 1.050 und knapp 1.700 Kilometer Luftlinie von
       Tschornobyl entfernt. Vor allem in Bayern und im Südosten
       Baden-Württembergs geht mit Regenfällen auch Strahlung nieder.
       
       Nun herrscht Ausnahmezustand. In Baden-Württemberg beschlagnahmt die
       Polizei Freilandgemüse, Kühe dürfen nicht mehr auf die Weide. In
       Nordrhein-Westfalen empfiehlt das Gesundheitsministerium, man möge nicht
       ohne Schutzkleidung in den Regen gehen, Kinder von Sandkästen fernhalten
       und Hautkontakt mit dem Boden vermeiden.
       
       ## Becquerel-Tabellen und Politik-Show
       
       Der Sommer ist geprägt von Becquerel-Tabellen; die Einheit der radioaktiven
       Strahlung ist in Zeitungen und Nachrichten so präsent wie die Temperatur in
       der Wetterprognose. Salat wird untergepflügt, belastete Milch zu
       Milchpulver verarbeitet, ohne dass es einen Plan gäbe, was später damit
       passieren soll.
       
       Politik verkommt zur Show: Bayerns Umweltminister Alfred Dick steckt im
       Jahr nach der Katastrophe vor laufender Kamera den Finger in verstrahltes
       Molkepulver, leckt ihn ab und sagt: „Des tut mir nix.“
       
       Gleichwohl sorgen sich Eltern seit dem Eintreffen der Strahlung um ihre
       Kinder. Darf man Babys noch stillen in diesen Tagen? Oder nimmt man besser
       H-Milch, die noch abgefüllt wurde, bevor die Wolke übers Land zog? Viele
       drängende Fragen.
       
       Natürlich hat der Atomunfall auch Folgen für die Bundespolitik. Weil das
       bislang zuständige Innenministerium sich gänzlich überfordert zeigt,
       gründet die Bundesregierung unter Helmut Kohl Anfang Juni das Ministerium
       für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Walter Wallmann wird der
       erste Minister.
       
       ## Die Strahlenbelastung in der Luft hat sich normalisiert
       
       Im August beschließt die SPD, sich für einen [2][Ausstieg aus der
       Atomenergie] innerhalb von zehn Jahren einzusetzen, während
       Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber den Etat für die Erforschung der
       erneuerbaren Energien deutlich aufstockt. Anschließend lässt er bei
       Solarforschern anfragen, ob sie spannende Projekte hätten – man habe Geld
       zu verteilen. Eine durchaus ungewöhnliche Situation.
       
       Die Bevölkerung lernt zugleich, was radioaktive Isotope und Halbwertszeiten
       sind. Das Jod-131, das nach Deutschland kam, zerfällt schnell; seine Menge
       halbiert sich alle acht Tage und ist heute praktisch nicht mehr vorhanden.
       
       Das Cäsium-137 aus dem sowjetischen AKW ist mit seiner Halbwertszeit von 30
       Jahren hingegen noch zu einem guten Teil existent: Rund 40 Prozent der
       Mengen, die damals in Deutschland ankamen, stecken noch heute irgendwo in
       den Böden. In der Luft immerhin hat sich die Strahlenbelastung Anfang Juni
       1986 wieder normalisiert.
       
       24 Apr 2026
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Bernward Janzing
       
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