# taz.de -- Freikirche in Leipzig: Unbezahlter Dienst an Gott
> Die Zeal Church inszeniert sich als Kirche für Junge. Doch hinter der
> modernen Fassade erleben Mitglieder teils Ausbeutung und
> Queerfeindlichkeit.
IMG Bild: „Pinterest-Vibe“: Bildsprache der Kirche auf Social Media
Und dann gehen die Hände hoch, die Leute singen mit der Band, manche
tanzen. Junge Menschen mit Mullets – vorne kurz, hinten lang – tummeln sich
in dieser abgedunkelten Halle im Leipziger Osten, tätowierte Arme sind zu
sehen, Doc Martens, manche tragen einen Ring in der Nasenscheidewand. Laute
Musik erfüllt den Raum. Doch wer hier zum Beat wippt, wartet nicht auf den
nächsten DJ, sondern auf den Heiligen Geist. Hier findet ein Gottesdienst
statt.
Ein Café zwei Kilometer weiter südlich. „Einmal weiße Schokolade mit Zimt
und ein Stück Karottenkuchen, bitte“, sagt jemand, im Hintergrund läuft
„Someday“ von The Strokes. Das Café Stay hat sehr gute Onlinebewertungen,
„ausgezeichnet“, „geschmackvoll eingerichtet“, heißt es da. Im Fenster aber
fällt ein Riss auf. Vor wenigen Wochen haben Unbekannte ein Loch in die
Scheibe geschlagen und einen halben Liter Buttersäure ins Café geschüttet.
Der Geruch hängt nach Tagen noch im Raum. Es war der 24. Angriff in zwei
Jahren. In einem anonymen Bekennerschreiben ist von
„[1][Queerfeindlichkeit]“ und „Misogynie“ die Rede.
Café und Gottesdienst gehören zusammen. Hinter beidem steht die Zeal
Church, eine Freikirche. Während die katholische Kirche und [2][die
Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) stetig an Mitgliedern verlieren],
werden evangelikale Freikirchen wie die Zeal Church in Leipzigs Osten
hierzulande immer präsenter. Schätzungen zufolge haben ihre deutschen
Gemeinden mittlerweile an die 1,5 Millionen Mitglieder. Manche Freikirchen
unterscheiden sich theologisch kaum von der EKD, andere lehnen
Homosexualität, Scheidungen und Sex außerhalb der Ehe strikt ab, manche
bezweifeln sogar die Gültigkeit der Evolutionstheorie.
## Sonntage, die um 4 Uhr morgens beginnen
Acht Personen, die die Zeal Church in der Vergangenheit regelmäßig
besuchten, haben mit der taz gesprochen. Sie haben nichts mit den Angriffen
auf die Kirche zu tun, sagen sie. Aber sie sprechen darüber, warum die
Kirche in der Kritik steht und warum sie selbst kein Teil der Zeal Church
mehr sind. Um ihre Identität zu schützen, haben wir einige Personen
unkenntlich gemacht. Ihre echten Namen sind der Redaktion bekannt.
Jana war Anfang 20, als sie 2018 begann, sich in die Zeal Church, damals
noch Third Place Church, einzubringen. Sie kam in einer Phase der
Unsicherheit zur Gemeinde: ohne klare Perspektive, mit dem Gefühl
festzustecken. „Das ist in einer [3][Lebenskrise] genau das Richtige“, sagt
sie heute. Erst half sie gelegentlich in der Gemeinde mit, später arbeitete
sie im Café der Kirche, übernahm immer mehr Verantwortung.
Die Sonntage begannen in Janas Anfangszeit bei der Zeal Church um 4 Uhr
morgens mit dem Beladen eines Transporters, danach folgten Aufbau, Technik,
Gottesdienst – gegen 17 Uhr hatte Jana dann Feierabend. Dazu kamen unter
der Woche noch Planungstreffen. „Alles Ehrenamt“, sagt Jana. Im Zentrum
habe dabei vor allem die geistliche Dimension gestanden: „Leute sind dann
sehr, sehr gute Christen, gehen die Extrameile für Gott.“
Die Freikirche professionalisierte sich in den folgenden Jahren, bezog eine
neue Immobilie, in der das Bühnenequipment dauerhaft stand. Auch wenn ihre
Schichten deshalb nicht mehr um 4 Uhr morgens anfingen, merkte Jana immer
mehr, wie schwer es war, sich der ehrenamtlichen Arbeit bei der Zeal Church
zu entziehen. „Wenn man den kleinen Finger reicht, wird irgendwann die
ganze Hand genommen“, sagt sie heute.
## Babysitten für das Pastorenpaar
Harald Lamprecht, der Beauftragte für Weltanschauungsfragen der
Evangelischen Landeskirche Sachsen, sagt, diese Art von freiwilliger Arbeit
sei typisch für Freikirchen wie die Zeal Church. Die Gemeindemitglieder
handelten dabei primär aus einer geistlichen Motivation heraus. Sie seien
überzeugt, das Reich Gottes aufzubauen und das Evangelium zu verkündigen.
Gleichzeitig bergen derartige Strukturen auch immer die Gefahr, eine Grenze
zur Ausbeutung zu überschreiten: Entscheidend in der Bewertung sei letzten
Endes immer die Frage wie gut man aus einem solchen Ehrenamt wieder
herauskomme, „ob es sozusagen einen internen Druck gibt, der da was
fordert“.
Nina gestaltete die Kirche ab 2015, kurz nach ihrer Gründung, mit: Sie war
zunächst in Kleingruppen aktiv und als Teil des sogenannten Worship-Teams
für die Musik während der Gottesdienste zuständig. Später übernahm sie auch
eine Assistenzposition für René und Deborah Wagner, die beiden leitenden
Pastoren und Gründer der Zeal Church – regelmäßig gehört dazu sogar das
Babysitting für die Kinder des Paares. Nina schätzt, dass sie 20 Stunden
die Woche für die Gemeinde investierte – zusätzlich zu ihrer
Vollzeitausbildung.
Heute sagt sie, ein solches Engagement sei zwar nicht aktiv verlangt
worden, aber zumindest gewünscht. In der Kirche habe man von „Ownership“
gesprochen: Man müsse die Zeal Church wie sein eigenes Unternehmen
begreifen, Verantwortung übernehmen und auch mal die Extrameile gehen. Das
ging so weit, dass es Auswirkungen auf ihr soziales Leben hatte: „Dein
gesamtes Umfeld ist dort. Deine gesamte Zeit wird so sehr eingenommen, dass
du gar nicht mehr anders kannst.“ Eine Bezahlung oder Aufwandsentschädigung
bekam Nina für ihre Tätigkeiten in der Zeal Church nie.
In gleich mehreren Bereichen parallel arbeitete Sara, neben dem Studium,
teilweise bis tief in die Nacht: „Ich hatte tausend Gespräche, in denen ich
gesagt habe: Das ist zu viel.“ Auf ihre Klagen habe man ihr in der Gemeinde
gesagt: „Guck bitte in dich hinein, wo kommt diese Negativität her?“
Mehrere Personen berichten, dass sie Studium oder Jobs vernachlässigt
hätten – Grenzen zu ziehen, sei schwer gewesen. Überforderung sei nicht als
strukturelles Problem verhandelt worden, sondern als persönliche Haltung.
## „Du arbeitest nicht, du dienst Gott“
Julian war zur gleichen Zeit wie Sara in der Gemeinde aktiv. Er sagt, dass
Arbeit für die Kirche als Ausdruck des Glaubens verstanden worden sei:
„Alle arbeiten kostenlos, weil, du arbeitest ja nicht, sondern du dienst
Gott.“
Die Zeal Church bezieht auf Anfrage Stellung. Einzelne Fälle sehr langer
Einsatzzeiten seien bekannt. Die Freikirche arbeite an Abläufen und
Strukturen, um solche Situationen künftig zu verhindern.
Musik, Licht, Social Media – die Außendarstellung spielt eine zentrale
Rolle für die Zeal Church. Julian zum Beispiel arbeitete im
Social-Media-Team und half, die visuelle Identität der Kirche im Netz
aufzubauen: „Das war dieser Pinterest-Vibe – modern, divers, urban.“ Für
Fotos seien gezielt Menschen ausgewählt worden, die Vielfalt symbolisieren
sollten, etwa Persons of Color. „Auf den Bildern wurde etwas gespiegelt,
was intern gar nicht existierte“, sagt er. Mit dem Wachstum der Gemeinde
habe sich die Atmosphäre verändert. „Plötzlich war das kein Gottesdienst
mehr“, sagt Julian, „es war ein Konzert.“
Der Theologe Martin Fritz, Referent der Evangelischen Zentralstelle für
Weltanschauungsfragen, nennt das eine Paradoxie: ein modernes
Erscheinungsbild mit traditionalistischem Gehalt. Typisch seien
popkulturelle Gottesdienste, moderne Musik und jugendliche Ansprache, die
auf die Gruppe junger Erwachsener in Städten zielen.
## „Als ob ich atmen könnte“
Katharina kam während der Pandemie zur Zeal Church. In der Folge wollte
auch sie in das Worship-Team einsteigen und den Gottesdienst auf der Bühne
musikalisch mitgestalten. Daraufhin erhielt sie ein internes Dokument, das
der taz vorliegt. Darin wird „sexuelle Reinheit“ als Voraussetzung für
Leitungspositionen aufgeführt. Katharina sagt, ihr sei erklärt worden, das
betreffe auch gleichgeschlechtliche Beziehungen – Katharina ist bisexuell.
„Mir wurde gesagt, dass Menschen wie ich solche Positionen nicht übernehmen
können“, sagt sie. Als sie sich später im Kindergottesdienst engagiert,
habe ihr eine Pastorin erklärt, sie solle den Kindern nicht vermitteln,
dass queere Identitäten normal seien. „Das war der Moment, in dem ich
dachte: Das geht zu weit“, sagt Katharina.
Weltanschauungsexperte Harald Lamprecht bezeichnet dieses Phänomen als
„gläserne Decke“: Wer nicht in das moralische Weltbild passe, könne
bleiben, aber nicht mitgestalten. „Gottesdienst besuchen okay, Lieder
mitsingen auch, aber keine Verantwortung in den Strukturen“, sagt er. Diese
Begrenzung von Aufstieg und Mitbestimmung sei kein offenes Verbot, sondern
eine implizite Regel. Sie werde theologisch begründet mit der Auslegung der
Bibel, nach der Homosexualität als Sünde gelte.
Anna habe als Kleingruppenleiterin die Vorschriften der Kirche durchsetzen
müssen. Auch ein Mitglied ihrer Kleingruppe identifizierte sich als
bisexuell. Als dieses Mitglied selbst die Leitung einer Kleingruppe
übernehmen wollte, musste Anna der Person mitteilen, dass sie für dieses
Amt nicht geeignet sei. Daraufhin verließ die betreffende Person die Zeal
Church. Ein Vorgang, der Anna bis heute nahegeht: „Das ist auf jeden Fall
das Beschämendste, was ich je in meinem Leben getan habe, das zu
unterstützen oder da nicht ganz klar dagegen zu sein.“
Zum Vorwurf der Queerfeindlichkeit nimmt Zeal-Church-Gründer René Wagner
auf Anfrage nur indirekt Stellung: „Wir respektieren unterschiedliche
Überzeugungen und persönliche Meinungen. Gleichzeitig haben wir als Kirche
eine klare theologische Grundlage, Lehre und Ausrichtung. Jeder Mensch
entscheidet selbst, ob er Teil unserer Kirche sein möchte oder nicht.“
## Schmerzhafter Austritt
Für die Gläubigen, die Teil der Kirche bleiben, sei es laut Harald
Lamprecht häufig gerade diese klare theologische Grundlage, die sie
anspreche. Autoritätspersonen innerhalb solcher Freikirchen vermittelten
die Botschaft: Ich weiß, was Gottes Wille ist. Das habe eine stark
entlastende Funktion für die Besucher:innen der Gottesdienste, weil es
helfe, sich in der Welt zurechtzufinden.
Der Austritt aus der Zeal Church war für einige der Personen, mit denen die
taz für diese Recherche gesprochen hat, schmerzhaft, für viele war die
Freikirche ein wichtiger Teil des Soziallebens. Dennoch bereut niemand von
ihnen, der Kirche den Rücken gekehrt zu haben. Auf die Frage, wie er sich
fühlte, nachdem er die Gemeinde verlassen hatte, antwortet Julian: „Als ob
ich atmen könnte.“
24 Apr 2026
## LINKS
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