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       # taz.de -- 40 Jahre Tschornobyl: Aus Komplizenschaft mit der Atomindustrie
       
       > Viel zu lange wurde die Bevölkerung nach dem Super-GAU von Tschornobyl in
       > Unwissenheit gelassen. Das Versagen der Behörden führte zu Protesten.
       
       Es gibt Sätze, die brennen sich ins Gedächtnis ein. Friedrich Zimmermann,
       1986 Innenminister der damaligen Regierung von Helmut Kohl, hat so einen
       gesagt. In einem legendären Auftritt in der „Tagesschau“ erklärte er drei
       Tage nach der [1][Havarie von Tschornobyl] voller Überzeugung, eine
       Gefährdung der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland sei „absolut
       auszuschließen“. Und fuhr fort: „Eine Gefährdung besteht nur im Umkreis von
       30 bis 50 Kilometern um den Reaktor herum.“
       
       Sein Kollege, der bayerische Umweltminister Alfred Dick (wie Zimmermann
       CSU), schaffte es ebenso in mein Langzeitgedächtnis, indem er ein Jahr
       später vor laufenden Kameras von seinem Finger strahlenverseuchte Molke
       schleckte, um ihre Ungefährlichkeit zu demonstrieren. Statt für den Schutz
       der Bevölkerung zu sorgen und „Schaden vom deutschen Volke zu wenden“ – wie
       Zimmermann bei seinem Amtsantritt geschworen hatte –, spielten sie Gefahren
       herunter oder leugneten sie ganz.
       
       Tschornobyl ist – wie 25 Jahre später das japanische Fukushima – zum
       Sinnbild für die Hybris von Technokraten geworden, der Meiler in der
       Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik auch zu einem Beispiel des
       Versagens ideologiegetriebener staatlicher Akteure im Osten wie auch im
       Westen. Dies geschah in Komplizenschaft mit der Atomindustrie. Die 1970er
       und 1980er Jahre waren die Hochzeit der Atomwirtschaft – aber auch der
       [2][Anti-AKW-Bewegung].
       
       Zur Zeit des Reaktorunfalls in Tschornobyl sind in Deutschland mehrere AKWs
       im Bau, und auch die atomare Wiederaufbereitungslage in Wackersdorf wurde
       gerade errichtet – begleitet von heftigen Auseinandersetzungen. In diese
       Atmosphäre platzt die Nachricht von der Havarie in der fernen Ukraine. Der
       Wind treibt die bei der Explosion am 26. April entstandene radioaktive
       Wolke aus Jod und Cäsium in der Nacht vom 29. auf den 30. April vor allem
       nach Österreich und Bayern.
       
       ## Im radioaktiven Regen stehengelassen
       
       Mit einem später einsetzenden Regen eskaliert das Problem und mit ihm das
       Behördenversagen auf deutscher Seite. In der Nacht schlagen die amtlichen
       Messgeräte an bayerischen Atomkraftwerken Alarm. Die Radioaktivität draußen
       ist höher als in den Kontrollbereichen der Reaktoren. Zu ihrer Schicht
       eintreffende Arbeiter werden wieder heimgeschickt, weil sie auch nach
       Dekontaminierungsmaßnahmen noch zu stark strahlen. Davon erfährt die
       Öffentlichkeit aber erst mehr als einen Monat später.
       
       Er habe – so ein leitender Mitarbeiter – nach dem Anstieg der radioaktiven
       Jodbelastung in der Außenluft sofort seine Mutter gewarnt: Schnittlauch und
       Feldsalat abschneiden und in die Mülltonne, Schuhe vor der Wohnungstür
       ausziehen, möglichst nicht mehr ins Freie gehen! Auf Nachfragen verteidigt
       er sich: „Wir hatten von der Aufsichtsbehörde die Anweisung, von uns aus
       die Öffentlichkeit nicht zu informieren.“ Diese Aufsichtsbehörde ist das
       bayerische Umweltministerium unter Minister Alfred Dick.
       
       Der 30. April und der 1. Mai, so wird man später resümieren, sind in Bayern
       die Tage mit der höchsten radioaktiven Belastung der Bevölkerung, weil vor
       allem am Maifeiertag wegen des herrlichen Wetters viele Menschen unterwegs
       sind – und dann in die Regengüsse der aufziehenden Gewitter geraten. In
       Landshut ist beispielsweise am 1. Mai die Jodkonzentration in der Luft
       120-mal höher als normal. Dennoch gibt es keine Warnungen, keine
       Verhaltensempfehlungen.
       
       Sowohl die Bundesregierung wie die Bayerische Staatsregierung, die man
       getrost zynisch nennen kann, lassen die Bevölkerung buchstäblich im
       radioaktiven Regen stehen. Die Behörden hätten ab dem 29. April vor dem
       Aufenthalt im Freien warnen müssen und spätestens nach den ersten
       Regenfällen vor dem Verzehr von Milch und Blattgemüsen.
       
       ## Sinkendes Vertrauen in staatliche Stellen
       
       Stattdessen ignorieren sie ihre eigenen Messwerte, die so hoch sind wie nie
       zuvor und nie wieder danach – Bodenkontaminationen von bis zu 300.000
       Bq/m², Milch belastet mit bis zu 1.700 Bq/l, Salat mit bis zu 12.000 Bq/kg.
       Es wird weiter verharmlost, heruntergespielt, beschwichtigt. Vor dem
       Unglück von Tschornobyl gab es in Deutschland keine festen gesetzlichen
       Grenzwerte für die radioaktive Belastung von Lebensmitteln in Bq/kg.
       
       Nachdem die Verunsicherung in der Bevölkerung steigt, ringt sich die
       Strahlenschutzkommission (SSK) zu einer Empfehlung durch. Frischmilch mit
       weniger als 500 Bq/l könne für den Verzehr freigegeben werden – ein Wert,
       der „nach vernünftigen Maßstäben“ einzuhalten sei. Das rot-grüne Hessen
       setzt dagegen wesentlich strengere 20 Bq/l an. Kaum vorstellbar, dass
       während der Zeit der oberirdischen Kernwaffenversuche in den 1960er Jahren
       bereits 7 Bq/l als bedenklich galten.
       
       Das lange Ausbleiben von Information und Beratung, die späten und oft
       widersprüchlichen Empfehlungen erschüttern das Vertrauen in staatliche
       Stellen. Die Menschen beginnen, sich selbst im Dickicht von
       Halbwertszeiten, Millisievert und Becquerel zu organisieren. Der
       Wissensdurst in der Bevölkerung ist enorm. Glücklich, wer jetzt Fachleute
       im persönlichen Umfeld hat. Institutionen wie das Darmstädter Öko-Institut
       werden mit Anfragen überrannt.
       
       „Traditionelle“ Anti-AKW-Gruppen und der Bund für Umwelt und Naturschutz
       organisieren neben Protestaktionen auch Infoveranstaltungen. Ein kleines
       Energie- und Umweltbüro in [3][Garching] beginnt, in großem Umfang
       Lebensmittel zu messen und die Werte zusammen mit Verhaltensempfehlungen zu
       veröffentlichen. Unter Mitwirkung von vielen Freiwilligen entsteht daraus
       schnell das Umweltinstitut München e. V., heute eine der wenigen
       unabhängigen Messstellen für Radioaktivität in Lebensmitteln.
       
       ## Berichterstattung in der taz
       
       Anfragen aus der Bevölkerung und den Medien lassen die Telefondrähte
       glühen. Informationen über radioaktive Gefahren kann man 1986 nicht einfach
       im Internet recherchieren. Die Welt der Kommunikation ist noch
       weitestgehend analog. Die taz spielt mit ihrer kompetenten
       Berichterstattung eine wichtige Rolle und umgekehrt Tschornobyl für das
       Wachsen der taz.
       
       Auch ganz praktisches Handeln ist jetzt gefragt. Von Kiel bis München
       entstehen Elterninitiativen – von manch eingefleischtem Anti-AKW-Kämpfer
       anfangs spöttisch „Becquerelis“ genannt –, um für ihre Kinder und sich
       selbst unbelastete Lebensmittel zu beschaffen. Milchpulver und H-Milch aus
       der Zeit vor der Tschornobyl-Wolke stehen hoch im Kurs. Eine Katastrophe
       wie Tschornobyl ist noch nie da gewesen.
       
       Milchbauern sollen ihre Kühe nicht auf die Weide treiben, kein frisches
       Gras verfüttern, während das Winterfutter, Heu und Silage, zur Neige geht.
       Zu stark strahlende Milch muss sogar entsorgt werden. Frisch geernteter
       Salat landet kistenweise auf Deponien, erntereifer Spinat wird
       untergepflügt. Kinder sollen nicht mehr im Freien spielen. Das Vertrauen in
       staatliche Stellen ist erschüttert, das beispiellose Versagen der Behörden
       sorgt für Aufruhr – gerade im besonders betroffenen Bayern.
       
       Die Zahl der Proteste steigt nach dem 30. April sprunghaft an. Unter dem
       Motto „Sand ins Getriebe der Atomwirtschaft“ kippen in München Eltern
       zusammen mit ihren Kindern verstrahlten Sand vor die Staatskanzlei, vor die
       Siemens-Zentrale und vor die sowjetische Luftfahrtgesellschaft Aeroflot.
       Aus einer Muttertagsaktion – Frauen legen mit Blumen das mittlerweile
       bekannte Strahlensymbol am Münchner Marienplatz aus – entsteht der Verein
       [4][Mütter gegen Atomkraft].
       
       ## Aufwind für die „Anti-AKW-Chaoten“
       
       Mit weiteren Gruppen unter anderem in Hamburg, Berlin, Lüneburg und Münster
       werden die „Mütter“ für viele Jahre zu einer der wichtigen Kräfte der
       bundesweiten Antiatombewegung. Der Protest auf den Straßen und vor den
       Atomanlagen kommt das ganze Jahr über nicht zur Ruhe, Menschen, die noch
       nie in ihrem Leben demonstriert haben, treibt es aus dem Haus. Er
       kulminiert in der Auseinandersetzung am Bauzaun der atomaren
       Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf.
       
       Nach der Reaktorkatastrophe kommt es dort zur sogenannten Pfingstschlacht,
       bei der die Polizei Tränengas aus Hubschraubern gegen friedliche
       Demonstrant*innen einsetzt und damit den Hass der Bevölkerung noch
       schürt. Die Menschen in der Oberpfalz fühlten sich schon vorher vom
       bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß verhöhnt: „Eine WAA ist
       nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichenfabrik.“
       
       All das führte zur Akzeptanz der „Anti-AKW-Chaoten“ und der von Strauß als
       „apokalyptische Narren der eigenen Dummheit“ diffamierten Atomkraftgegner
       bis tief in bürgerliche Kreise hinein. Die Eskalation in Wackersdorf und
       die Tschornobyl-Katastrophe, in der sich die Grünen als verlässliche
       Partner und kompetente Berater der Bürgerinitiativen erwiesen, öffnet der
       Partei bei den Wahlen im Herbst 1986 endlich auch die Tür in den
       Bayerischen Landtag.
       
       Die Katastrophe von Tschornobyl wurde zur großen Stunde der
       Zivilgesellschaft, mit eigenen Infokanälen in Zeiten, bevor es Internet,
       Social Media und 24-Stunden-Nachrichtensender gab. Mit Selbstermächtigung
       zur Versorgung in einer Krisensituation, die auch zum Erstarken der
       ökologischen Landwirtschaft beitrug, bis hin zum Aufbau eigener
       Messkapazitäten, weil man den staatlichen Institutionen nicht mehr traute.
       
       Mit dem Ende aller Neubaupläne für AKWs und dem folgenden Aus für die WAA
       Wackersdorf erzielte die Bewegung einen schnellen Erfolg, mit der
       Abschaltung der Atomkraftwerke und dem Ausbau der erneuerbaren Energien
       einen späten. Eine vergleichbare Mobilisierung der Zivilgesellschaft und
       Schaffung von Strukturen gab es später bei [5][Castortransporten nach
       Gorleben] und in der [6][Klimabewegung].
       
       Anders als bei der Explosion des ukrainischen Reaktors handelt es sich bei
       der ökologischen Katastrophe und der Aushöhlung der Demokratie um
       schleichende Entwicklungen. Der Kampf dagegen stellt uns alle vor eine
       ungleich schwierigere, aber meines Erachtens nicht gänzlich unlösbare
       Aufgabe.
       
       26 Apr 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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