# taz.de -- 40 Jahre nach der Reaktorkatastrophe: Die Kinder von Tschornobyl
> Mehr als eine Million Kinder aus den kontaminierten Gebieten reisten seit
> den Neunzigern zur Erholung ins Ausland. Dieser Ost-West-Austausch hat
> eine ganze Generation geprägt.
IMG Bild: Für viele eröffnete sich eine neue Welt: Kinder aus dem belarussischen Gebiet Homel bei ihrer Ankunft in Hannover
Pilze. Es sind ausgerechnet Pilze, die Volha Hapeyeva gern mag und sammelt,
als sie ein kleines Kind ist. Steinpilze, Pfifferlinge, Maronenröhrlinge,
andere Arten. Mit ihrer Mutter geht sie in die Wälder am Stadtrand von
Minsk, um Tüten mit ihnen zu füllen. Wenn sie jedoch bei ihren Großeltern
in der Kleinstadt Wetka bei Homel ist, darf sie nicht in den Wald, denn
dort ist etwas nicht in Ordnung mit dem Boden. „Es gab gute Erde, und es
gab schlechte Erde“, erinnert sie sich. „Ich habe mir gemerkt: Dort, wo das
Moos wächst, ist gesunder Boden, und dort, wo es nicht wächst, ist der
Boden krank.“ Als kleines Mädchen habe sie es sich so erklärt. Dass es so
einfach nicht ist, lernt sie erst später.
Im Jahr 1986 ist Volha Hapeyeva vier Jahre alt. Ihre Umgebung verändert
sich, ohne dass sie genau versteht, was vor sich geht. Neue Dinge und neue
Wörter kommen in ihre Welt. Manche Erwachsene haben seltsame eckige Geräte
mit einer Schnur in der Hand, an deren Ende ein Zauberstab ist. Sie halten
ihn an Gegenstände, an den Boden, manchmal piept das Gerät. Geigerzähler
nennen sie das. Im Fernsehen oder in Gesprächen ist die Rede von
radyjacyjny fon, Hintergrundstrahlung. Und als ihr Großvater irgendwann
einmal auf seine Schuhe blickt, an denen ein bisschen Erde klebt, sagt er
fanic, es strahlt. Ein umgangsprachlicher Ausdruck im Belarussischen. Es
stört, kann das auch heißen.
[1][Es ist mehr als bloß ein Störfall, der sich am 26. April 1986 in
Tschornobyl in der Ukraine ereignet, es ist der erste Super-GAU]. Ein
Reaktor explodiert in Block 4 des Atomkraftwerks „Vladimir Il’ič Lenin“.
Volha Hapeyevas Großeltern leben 160 Kilometer von Tschornobyl entfernt in
der Region Homel, die mit am stärksten vom radioaktiven Fallout betroffen
ist; die Sommermonate verbringt Hapeyeva als Kind bei ihnen, auch nach der
Katastrophe. „Ich weiß noch, dass meine Musiklehrerin entsetzt war, als sie
hörte, dass ich immer noch dort hinfahre. ‚Das ist sehr schlecht für deine
Gesundheit‘, sagte sie.“ Den Rest des Jahres lebt Hapeyeva damals in Minsk
bei ihren Eltern, 340 Kilometer Luftlinie von Tschornobyl.
Belarus war das mit Abstand am meisten von Tschornobyl betroffene Land.
Etwa 70 Prozent des radioaktiven Niederschlags landet in der damaligen
Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik, nur 5 Prozent über dem
Gebiet der Ukraine und 0,6 Prozent über dem heutigen Russland. [2][Die
Wolke breitet sich zunächst vor allem über Belarus und Litauen aus, dann
Richtung Skandinavien, schließlich in Teilen Mitteleuropas]. Rund ein
Viertel des belarussischen Territoriums wird verseucht, mehr als in jedem
anderen Land.
Die Region Homel ist unter anderem mit radioaktivem Cäsium-137 verstrahlt.
Die von Volha Hapeyeva so geliebten Pilze nehmen Cäsium besonders gut auf,
die Kontamination der Gewächse lag bei bis zu 200.000 Becquerel pro Kilo.
Becquerel ist noch so ein neues Wort, das man lernen muss: die Maßeinheit
für Radioaktivität. Der EU-Grenzwert liegt heute bei 600 Becquerel pro Kilo
Pilze.
In weiten Teilen rund ums Katastrophengebiet geht das Leben dennoch
zunächst weiter, als wäre nichts gewesen. Am 29. April erscheint in der
Prawda, der größten sowjetischen Zeitung, eine kleine Meldung: „Im
Atomkraftwerk Tschornobyl hat sich ein Unfall ereignet. Einer der
Atomreaktoren ist beschädigt. Es werden Maßnahmen zur Liquidation der
Folgen des Unfalls unternommen. Den Betroffenen wird Hilfe erwiesen. Eine
Regierungskommission ist eingesetzt.“ Fünf Sätze, alle passiv formuliert.
Handelnde, Verantwortliche gibt es nicht.
Warnungen auch nicht. Volha Hapeyeva wird knapp 40 Jahre später – sie ist
nun Autorin – in ihrem Werk [3][„Wörterbuch einer Nomadin“] darüber
schreiben, wie ihre Mutter die Katastrophe erlebte: „Mama war über die
Feiertage zu ihren Eltern gereist, in den Süden von Belarus, an die Grenze
zur Ukraine […]. Die Tage waren sehr warm, und am 1. Mai gingen viele
Menschen zu den Kundgebungen für den Tag der Arbeit auf die Straße. Meine
Mutter erinnert sich noch heute an einen sehr blauen Himmel und einen
starken Wind.“ Ihre Mutter erfährt erst viele Tage später von dem Ausmaß
der Katastrophe, weil sie bei ihrer Arbeit in einem Statistikbüro in Minsk
Westradio empfängt. [4][Und ZK-Generalsekretär Michail Gorbatschow wendet
sich ganze drei Wochen nach dem GAU, am 14. Mai 1986, in einer
Fernsehansprache an die Bevölkerung.]
Zwar ist die Phase von Glasnost („Transparenz“) und Perestroika
(„Umgestaltung“) eingeläutet, doch was Tschornobyl betrifft, griff eher
noch die Politik des Verharmlosens, Verschweigens, Vertuschens. Erst im
Frühjahr 1989, ziemlich genau drei Jahre nach dem Unglück, erscheinen in
den Staatsmedien erstmals Karten, die über die Kontamination informieren.
Dabei sind die dauerhaften gesundheitlichen Folgen längst offensichtlich.
Die Raten von Schilddrüsenkrebs bei Kindern, Leukämie, anderen Krebsarten,
Atemwegserkrankungen und Immunschwächen nehmen nach dem Unglück schlagartig
zu. Eltern aus Brahin bei Homel klagen in einem offenen Brief an
Politiker:innen 1989 darüber, „wie miserabel die Gesundheit unserer Kinder
ist – die ständigen Kopfschmerzen, die Schwäche, der starke Sehverlust,
Ohnmachtsanfälle bei den Fahnenappellen nach den Ferien. […] Sagen Sie,
wann hört dieser Albtraum auf?“
Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs werden die Eltern nach und nach
erhört. Da beginnt man offener über Tschornobyl zu sprechen, da werden
großflächig Hilfsprogramme aufgelegt. Die Kinder haben ein erhöhtes
Krebsrisiko, sind anfällig für Infektions- und Stoffwechselerkrankungen –
sie sollen unbelastete Gebiete besuchen, damit das Immunsystem gestärkt
wird. Erholungsaufenthalte für betroffene Kinder werden nun vermehrt
eingeführt, Mitte der Neunziger gibt es in der Ukraine und in Belarus sogar
einen staatlichen Anspruch darauf.
Doch diese Länder können nicht alles selbst leisten. Deshalb ist die
Geschichte der kranken Kinder von Tschornobyl nicht nur die Geschichte
einer Katastrophe. Sie erzählt auch vom globalen Zusammenwachsen einer
Zivilgesellschaft. Von Austausch, Verständigung und Solidarität. Über
Grenzen hinweg.
Über eine Million Kinder aus den betroffenen Regionen reisen in andere
Länder, Familien aus aller Welt nehmen sie auf. Die Kinder gelangen nicht
nur in die (bis dato) „sozialistischen Bruderländer“ wie Kuba, sondern eben
auch in den Westen, nach Italien, Deutschland, in die USA. Dort bilden sich
NGOs und Hilfsvereine, kirchliche Initiativen. In den Neunzigern gibt es
bis zu 2.000 Tschornobyl-NGOs in Deutschland, einige von ihnen existieren
bis heute.
Man kann sich also zum 40. Jahrestag von Tschornobyl auch fragen: Wie
nachhaltig hat die Katastrophe das bürgerliche Engagement geprägt, im
Westen, aber auch im Osten?
Volha Hapeyeva ist heute 44 Jahre alt, promovierte Linguistin, prämierte
Schriftstellerin, sie hat mehrere Bücher auf Deutsch veröffentlicht und
lebt in München. Bei einem Treffen in Leipzig spricht sie über Tschornobyl.
Damals leben rund 3 Millionen Kinder in den radioaktiv kontaminierten
Gebieten, sie selbst ist zeitweise dort. Sie sieht, wie in der Stadt ihrer
Großeltern Häuser besprüht und „gereinigt“ werden, wie massenweise Kühe
geschlachtet werden. Ob sie selbst oder ihre Eltern gesundheitliche Schäden
davontragen werden, was Tschornobyl für die Kinder von Belarus bedeutet,
all das ahnt sie als kleines Mädchen nicht. „Es war erst einmal nur ein
Gefühl da, dass irgendetwas mit der Natur und der Welt nicht stimmt“, sagt
sie.
Auch Hapeyeva hat Anspruch auf einen jährlichen Erholungsaufenthalt wie
über eine halbe Million andere belarussische Kinder. Belarus hat damals
rund 10 Millionen Einwohner:innen, es gibt wohl kaum eine belarussische
Familie, die nicht Kinder, Enkelkinder, Nichten oder Neffen ins Ausland
verschickt hätte.
1993, als Hapeyeva elf Jahre alt ist, kommt sie nach Deutschland. Sie wird
mit dem Flugzeug zusammen mit anderen Kindern zunächst nach Hannover
gebracht, dann zu Familie Köhn in Heber, einem Ortsteil im
niedersächsischen Schneverdingen. Sie bleibt vier Wochen bei „Ingrid und
Heinrich“, wie sie sie bis heute nennt. Die Köhns sind gläubig, direkt
nebenan ist die Kirche, in der Heinrich Orgel spielt. „Ich durfte die
Kirchenorgel auch einmal ausprobieren“, erinnert sich Hapeyeva, „das werde
ich nie vergessen.“
Familie Köhn habe sie sehr warm empfangen, ihr eine gute Zeit ermöglicht.
„Wir fuhren häufiger ins Schwimmbad. Die Schwimmbäder waren ganz anders als
in Belarus, mit Wasserrutschen und Sprungtürmen“, erzählt sie. Sie erinnert
sich an Autofahrten, bei denen ABBA im Radio läuft, bei denen sie Proviant
verschlingt, viel lacht. „Für mich war es der erste Kontakt mit westlicher
Kultur. Es hat sich mir damals eine neue Welt eröffnet“, sagt Hapeyeva. In
Belarus sei man dagegen seinerzeit noch „sowjetischer“ mit Kindern
umgegangen. „Du musstest hart sein und eine Kämpferin.“
Alexa Hahne, die Tochter der Familie Köhn, erinnert sich daran, dass es
enorm viel Engagement in Heber gab. Sie war damals 24 Jahre alt, ihr Sohn
spielte mit Volha Hapeyeva. Fünf bis sechs Familien hätten Kinder
aufgenommen, in einem Dorf mit nur 700 Einwohner:innen. „Alle Gasteltern
wohnten dicht beieinander, daher konnten sich die Kinder jederzeit
treffen“, erzählt sie. Ihrem Vater sei als Grundschullehrer ohnehin am Wohl
der Kinder gelegen gewesen, „sein 13. Monatsgehalt ging immer an Unicef.
Als dann Gasteltern für die Kinder aus der Nähe von Pripyat gesucht wurden,
war es für meine Eltern selbstverständlich, dass wir zwei Plätze zur
Verfügung stellen.“
Das andere Mädchen, das 1993 bei den Köhns ist, heißt Lena. Ein mageres,
fast unterernährtes Kind, blass und ängstlich, wie Hahne sagt. „Sie blieb
viel in ihrem Zimmer und hat geweint, weil sie Heimweh hatte.“ Mit den
beiden Mädchen unternimmt Familie Köhn Ausflüge – ein Besuch im Heidepark
Soltau, eine Hafenrundfahrt in Hamburg. „Ich glaube, das war deren
persönliches Highlight“, erzählt Hahne. „Sie klebten an den Fenstern des
Schiffes. Als wir den Außenbereich betraten, strahlten sie mit der Sonne um
die Wette.“ An das Kind Volha erinnert Hahne sich gut: „Sie war schon
damals sehr sprachbegabt. Ich war erstaunt, dass sie schon nach wenigen
Stunden in meinem Auto ‚Super Trouper‘ von ABBA mitsingen konnte. Wir haben
viel und gerne gesungen.“
Barbara Koll heißt die Frau, die die „Hilfe für Tschernobyl-Kinder“ in
Schneverdingen und in der gesamten Landeskirche Hannover über Jahre geprägt
hat. Bereits 1991 ist Koll dabei, als die Initiative der evangelischen
Kirche sich gründet. Sie organisiert die Unterbringung von 300 Kindern aus
Belarus im gesamten Kirchenkreis, Jahr für Jahr, darunter seinerzeit auch
Volha Hapeyeva. Koll erinnert sich an ein „schlaksiges, sehr dünnes Mädchen
mit langen, geflochtenen Zöpfen“. So erzählt sie es am Telefon. Für zwei
Besuche à vier Wochen kommen die belarussischen Kinder in der Regel in die
Familien in Deutschland. „Es war natürlich auf der einen Seite
gesundheitsförderlich. Ich glaube aber auch, dass es für die Kinderseelen
etwas ganz Besonderes war.“
Barbara Koll erlebt die Jahre nach dem Fall der Mauer rückblickend als
Welle des Engagements. „Viele haben sich ehrenamtlich beteiligt, entweder
haben sie Kinder aufgenommen, Pakete mit Lebensmitteln oder Medikamenten
gepackt, oder sie sind Hilfskonvois gefahren.“ Dass so viele halfen, habe
vielleicht auch mit einem schlechten Gewissen zu tun gehabt. Nach der
Katastrophe habe man ja nicht sofort den Blick nach Belarus und in die
Ukraine gerichtet, sondern zuerst einmal auf die Folgen für die Kinder in
der BRD geschaut.
Viele Familien aus Ost- und Westdeutschland haben nun Kontakt zu Familien
aus Belarus oder der Ukraine. Wessis lernen Länder kennen, von denen sie
vorher nicht mal wussten, dass sie in dieser Form existierten. Wie groß das
Unwissen ist, bringt ein Zitat des ehemaligen Boxers Wladimir Klitschko aus
dem Jahr 2012, kurz vor der Fußball-EM in der Ukraine, auf den Punkt:
[5][„Right after the Soviet Union, people didn’t know if Ukraine was a city
or a country, the easiest way to explain was to say ,,We are the children
of Chernobyl‘“] – „Unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion wussten die
Menschen nicht, ob die Ukraine eine Stadt oder ein Land war. Am einfachsten
ließ sich das erklären, indem man sagte: ‚Wir sind die Kinder von
Tschernobyl.‘ “
Auch für Barbara Koll öffnet sich Anfang der Neunziger diese Tür nach
Osteuropa. Sie fährt mehrmals nach Belarus, besucht Familien, unter anderem
in der Region Homel. 100.000 Menschen wurden dort umgesiedelt, ein
Bruchteil der insgesamt Betroffenen. „Viele konnten und wollten nicht weg,
selbst wenn sie hätten umgesiedelt werden können. Sie hatten ihre Arbeit in
den Dörfern, ihre Häuser. Und ihre Kuh hinterm Haus, die das verseuchte
Gras gefressen hat.“ In Belarus merkte Koll, wie wenig greifbar die
Atomkatastrophe war. „Man sieht sie nicht, man riecht sie nicht, man
schmeckt sie nicht“, erinnert sie sich. „Wenn überhaupt, dann hatte man
einen leicht metallischen Geschmack auf der Zunge.“
Melanie Arndt hat wissenschaftlich untersucht, wie die Tschornobylhilfe in
Ost und West mindestens eine ganze Generation geprägt hat. [6][Arndt lehrt
als Historikerin an der Universität Freiburg], sie hat über die damaligen
NGOs und Initiativen das Standardwerk „Tschernobylkinder“ geschrieben, das
2020 erschien. Tschornobyl sei ein historischer Marker für die sozialen
Bewegungen gewesen, sagt sie. „Es gibt wohl diese singulären Zeitpunkte in
der Geschichte, in denen das Menschliche am stärksten wiegt. Tschornobyl
war so ein Moment.“
## Deutsches Engagement kam gut an
Das Sowjetsystem sei im Niedergang gewesen, das westliche Modell habe sich
als das humanistischere erwiesen. „So entstand dieser unglaubliche Schwung
in der Bewegung und die Hilfsbereitschaft. Die Familien haben sich wirklich
ins Zeug gelegt, um den betroffenen Kindern eine gute und gesunde Zeit zu
schenken.“
Mindestens erstaunlich findet sie, dass das deutsche Engagement so gut
angenommen wurde. „Ukrainische, belarussische und russische Familien haben
ihre Kinder in deutsche Obhut gegeben, obwohl das nationalsozialistische
Morden noch nicht einmal fünfzig Jahre zurücklag. Das war ein
hoffnungsvolles Signal“, so Arndt im Zoom-Gespräch. Ausgerechnet Kinder aus
den osteuropäischen „Bloodlands“ kamen nach Deutschland, potenzielle
Nachfahren der Opfer der Nazis.
Auf der anderen Seite, in Belarus, der Ukraine und Teilen des heutigen
Russlands, sei aus der Generation Tschornobyl heraus ein besonderes
zivilgesellschaftliches Engagement entstanden, dessen Potenzial sich etwa
2020 während der gescheiterten [7][belarussischen Revolution] und [8][auf
dem Maidan] in Kyjiw gezeigt habe und das auch im Ukrainekrieg eine Rolle
spiele. „Mit anderen Kulturen, mit fremden Menschen zu interagieren, andere
Sprachen zu hören und zu lernen – das macht etwas mit einem Menschen“, sagt
sie.
Es habe sich ein transnational agierendes Netzwerk von nichtstaatlichen
Organisationen und Privatpersonen bilden können, wie es das so zuvor nicht
gegeben habe. „Man kann von einer Globalisierung der NGOs durch Tschornobyl
sprechen“, sagt Arndt, „die Bürger:innen ausländischer Staaten haben die
Fürsorge übernommen, die die Nationen selbst nicht leisten konnten.“
Italien war damals das Land, das die meisten Kinder aus den verstrahlten
Gebieten aufgenommen hat. Rund 600.000 Kinder allein aus Belarus kamen ins
Land. Historikerin Melanie Arndt hat erforscht, warum das so war, ohne
eindeutiges Ergebnis. „Es gab und gibt in Italien zwei große
gesellschaftliche Strömungen, den Eurokommunismus und den Katholizismus“,
erklärt sie. „Beide legen viel Wert auf internationale Solidarität. Das
dürfte eine Erklärung sein.“ Zudem hätten Kinder in Italien möglicherweise
eine andere Position in Familie und Gesellschaft als in anderen Ländern.
Igor Bialiayeu war als Kind mehrmals in Lucca in der Toskana. Bialiayeu ist
ebenfalls Belarusse, er stammt aus der Region Homel. Was für Volha Hapeyeva
Ingrid und Heinrich waren, waren für ihn Luigi und Mariangela. „Ich bin
1993 mit 14 Jahren zum ersten Mal als ,Tschornobylkind‘ nach Italien
gekommen“, sagt er im Telefongespräch. „Das Programm war offen für alle
Kinder, nicht nur für die, die erkrankt waren aufgrund der Katastrophe.“
## "Eine ganz wunderbare Familie"
Luigi und Mariangela Viviani, ein Kunstprofessor und eine Lehrerin, hatten
selbst keine Kinder. „Eine ganz wunderbare Familie“, sagt Bialiayeu. „Wir
machten Spaziergänge durch die wunderschöne Stadt Lucca. Ich erinnere mich
noch an die Radtouren entlang der breiten Stadtmauern.“ Eis essen, ans Meer
fahren, shoppen – Bialiayeu blickt zurück auf unbeschwerte Sommer als
Teenager. „Luigi und Mariangela haben mir auch eine sehr schöne Uhr und
eine Polaroid-Kamera gekauft. Damals war das so – wow!“ Insgesamt war er
fünf Mal als Jugendlicher in Lucca. Mit den Vivianis blieb er in Kontakt,
bis sie vor einigen Jahren starben.
Bialiayeu ist heute 47, er lebt als Arbeitsvermittler und Schauspieler in
Warschau. Die Aufenthalte in Italien hätten ihn nachhaltig geprägt, sagt
er, erst im Februar sei er wieder dort gewesen. Viele italienische Vokabeln
habe er vergessen, an das Wort mangiare aber erinnere er sich gut und
gerne: „In der Sowjetunion war es schwer, Feinschmecker zu sein. In Italien
habe ich Meeresfrüchte und Pizza kennengelernt. Die italienische Küche
gehört bis heute zu meinen Lieblingsküchen.“
Bialiayeu betont auch die Entlastungsfunktion, die die Kuraufenthalte für
die Eltern in Belarus bedeutet hätten. „Es waren schlechte Zeiten damals in
der ehemaligen Sowjetunion. Meine Eltern waren froh, dass ich in Italien
glücklich war und dass ich dort meine Sommerferien verbringen konnte.“
Ein bisschen Belarus blieb in Italien, ein bisschen Italien blieb in
Belarus. Viele italienische Familien haben belarussische Kinder mit
Behinderung adoptiert. Austauschprogramme wie das Jahr der Italienischen
Kultur oder das Italy-Belarus Business Forum on the Green Economy
entstanden. Es gab ein Commitment zwischen beiden Ländern, zumindest so
lange, bis das Lukaschenka-Regime immer brutaler agierte und die Revolution
im Jahr 2020 niedergeschlagen wurde.
Und was ist insgesamt geblieben von der Welle des Austauschs und der
Hilfsbereitschaft?
Einerseits: Enttäuschung. Das meint zumindest Historikerin Melanie Arndt.
Die internationalen Netzwerke hätten über Jahre gehalten, bis tief in die
zehner Jahre hinein. Doch inzwischen bröckelten sie. „Die in der
Tschornobylhilfe Engagierten sind inzwischen oft weit in ihrer zweiten
Lebenshälfte“, erklärt sie und meint etwa Gastfamilien und
Organisator:innen in Deutschland, Italien und den USA. „Der
Generationenwechsel gelingt oft nicht, deshalb gibt es inzwischen weniger
Initiativen, der transnationale Austausch wird weniger.“ Es zeige sich,
dass das Modell ehrenamtlicher Arbeit heute so nicht mehr funktioniere. Ein
weiterer Grund sei die veränderte politische Lage.
Doch es sei auch viel Positives geblieben. „Eine durch Tschornobyl
politisierte Generation hat in den betroffenen Ländern maßgeblich eine
Zivilgesellschaft mit aufgebaut“, sagt sie. „Das wirkt bis heute nach.“ In
Belarus habe sich zudem ein neues Kinder- und Menschenbild entwickeln
können. „Kinder mit Behinderung galten dort etwa bis ins 21. Jahrhundert
hinein als ‚idioty‘, die man nicht in die Öffentlichkeit ließ. Das hat sich
zum Glück geändert.“ Der West-Ost-Austausch von Pflege- und
Erziehungskonzepten habe einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet.
Barbara Koll aus Schneverdingen hält den Kontakt nach Belarus bis heute.
Bis zur Coronazeit sind jährlich neue Kinder nach Niedersachsen gekommen.
Bedarf gebe es immer noch eine Menge, heute sind es die Kinder der
Tschornobylkinder, die ein erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen oder
Immunschwächen vererbt bekommen haben.
Koll selbst fährt heute nicht mehr nach Belarus. Nach der Niederschlagung
der Revolution durch Lukaschenka, nach Beginn des russischen Angriffskriegs
komme das für sie nicht mehr infrage. „Die belarussischen Familien
verstehen das manchmal gar nicht“, sagt sie. „Sie fragen uns: ‚Wann kommt
ihr wieder? Wir haben den Birkensaft jetzt fertig.‘ “
Volha Hapeyeva hatte den Kontakt nach Heber eigentlich längst verloren, das
niedersächsische Städtchen war irgendwo in ihrem Unterbewusstsein
verschwunden. Bis sie vor zwei Jahren in einem Radiointerview von ihrer
Zeit als Tschornobylkind erzählte. Ein Einwohner aus Schneverdingen hörte
die Sendung. Er erzählte Barbara Koll davon.
Im Jahr 2024 kommt es zu einem Wiedersehen. Ingrid und Heinrich sind
inzwischen gestorben. Doch Hapeyeva trifft Alexa Hahne, die Tochter der
beiden, sowie Barbara Koll. Sie gehen in die Kirche in Heber, singen
„Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott“. Das Lied, das Volha als Kind immer
so gerne gesungen hat.
Das andere Mädchen, Lena, ist damals kurz nach ihrem Besuch in Heber
gestorben, ihre Eltern und ihre drei Schwestern ebenfalls. Sie alle sollen
Schilddrüsenkrebs gehabt haben, sagt Alexa Hahne.
Aus den betroffenen Regionen in Belarus, der Ukraine und Russland wurden
von 1986 bis 2015 [9][fast 20.000 Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern
und Jugendlichen] gemeldet. Greenpeace geht davon aus, dass ein Drittel der
Kinder, die zum Zeitpunkt der Katastrophe unter fünf Jahre alt waren,
[10][im Laufe ihres Lebens an Schilddrüsenkrebs erkranken] werden. Nur 15
Prozent aller Kinder der Region gälten als gesund, schrieb die
Umweltorganisation vor vier Jahren. Um die Zahlen gab und gibt es heftige,
zum Teil ideologisch motivierte Debatten.
Auch Volha Hapeyevas Mutter hatte Schilddrüsenkrebs, sie hat ihre
Schilddrüse inzwischen entfernen lassen. Ihr Großvater hatte Nierenkrebs.
Viele andere aus ihrem Umfeld hätten ebenfalls Krebserkrankungen gehabt,
erzählt sie.
Volha Hapeyeva selbst hat Glück gehabt. Sie ist gesund geblieben. Sie
schwärmt von ihrer neuen Heimat München, der Natur, den Seen der Umgebung.
Bayern war vor 40 Jahren von der Strahlung in Deutschland am stärksten
betroffen. Beim Pilzesammeln könnte Hapeyeva dort noch heute auf Exemplare
stoßen, die stark belastet sind.
25 Apr 2026
## LINKS
DIR [1] /40-Jahre-Tschernobyl-Atomkraft-Immer-wieder-Nein-danke/!6168257
DIR [2] https://www.base.bund.de/de/nukleare-sicherheit/nukleare-unfaelle/tschernobyl/tschernobyl-unfall.html
DIR [3] https://www.droschl.com/buch/woerterbuch-einer-nomadin/
DIR [4] https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:episode:97bb45d591a90701/
DIR [5] https://www.nytimes.com/2012/06/13/sports/soccer/a-visit-to-chernobyl-which-some-athletes-can-recall-firsthand.html
DIR [6] https://www.wsu.geschichte.uni-freiburg.de/personen/arndt
DIR [7] /5-Jahre-Revolution-in-Belarus/!6102663
DIR [8] /Maidan/!t5009320
DIR [9] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11252555/
DIR [10] https://www.greenpeace.de/klimaschutz/energiewende/atomausstieg/tschernobyl-folgen-super-gau?utm_source=chatgpt.com
## AUTOREN
DIR Jens Uthoff
DIR Gaby Coldewey
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