# taz.de -- Iryna Fingerova und ihr Roman „Zugwind“: „Sie vermeidet negative Emotionen“
> Die auf den Tresen springt: Iryna Fingerova, in Dresden lebende
> ukrainische Schriftstellerin, über Arztgeheimnisse und Perspektiven der
> Migration.
IMG Bild: Medizinerin und Autorin: Iryna Fingerova. Sie ist schon vor dem jetzigen Krieg von Odessa nach Deutschland ausgewandert
taz: Iryna Fingerova, Sie stellen dem zweiten Teil Ihres Buches „Zugwind“
ein Zitat von Mascha Kaléko voran: „Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.“
Warum?
Iryna Fingerova: Sie war eine sehr gute Dichterin. Bekannt wurde sie im
Berlin der 1920er Jahre. Als jüdische Schriftstellerin emigrierte sie nach
New York und überlebte den Holocaust. Danach veröffentlichte sie weiter,
kehrte sogar nach Deutschland (West) zurück. Mascha Kaléko gehörte zur
Avantgarde und hatte auch eine Perspektive der Migration. Und dieser Satz …
taz: „Zur Heimat erkor ich mir die Liebe“ …
Fingerova: … den hatte ich beim Schreiben für „Zugwind“ plötzlich wieder im
Kopf. Ich hatte ihre Gedichte in Odessa gelesen, als ich noch Studentin
war. Etwa 2017. Dann habe ich in Dresden, wo ich seit einigen Jahren lebe,
Texte von ihr bei einer Performance erneut gehört. Und mich wieder mit ihr
beschäftigt. Und dieser Satz stand intuitiv wie ein Graffiti vor meinen
Augen.
taz: Dem Zitat von Mascha Kaléko stellen Sie wiederum eines von Michajlo
Semenko gegenüber: „Nicht der Tod bringt mich um, sondern das Leben.“ Wer
war er?
Fingerova: Er gehörte zur ukrainischen Avantgarde, fast die gleiche Zeit
wie Kaléko. Ein Revolutionär, der künstlerisch der Richtung des Futurismus
zugerechnet wird. Wir bezeichnen es als Phase der entschlossenen
ukrainischen Renaissance, die Unabhängigkeitsbewegung in den 1920er Jahren.
Er wurde 1937 vom russisch-sowjetischen Geheimdienst ermordet, vernichtet
wie so viele der prominenten ukrainischen Dichter und Schriftsteller.
Später von den deutschen Nazis oder heute vom russischen Militär w[1][ie
etwa Victoria Amelina und Wolodymyr Wakulenko].
taz: Die „ukrainische Renaissance“ in den 1920er und 1930er Jahren, wofür
stand sie?
Fingerova: Es sollte eine Art kulturelle Wiedergeburt einer unabhängigen
Ukraine werden. Doch die Träger dieser Renaissance wurden wie Semenko
vernichtet. Ähnlich, wie das Russland heute wieder versucht.
taz: Sie sind in der Ukraine, in Odessa, geboren und aufgewachsen. Haben
Sie sich damals schon mit den klassischen Avantgarden auseinandergesetzt?
Welche Literaturen beeindruckten Sie in Ihrer Jugend in der
postsowjetischen Phase der Ukraine?
Fingerova: Das ist schwer, knapp zu sagen. Wir haben viele russische
Autorinnen und Autoren gelesen. Dissidenten und Avantgardisten etwa wie
Daniil Charms. Natürlich auch Majakowski. Doch die imperialistische
Russifizierung der Ukraine war ein großes Thema. Ab einer gewissen Ebene
war man in der früheren Sowjetunion gezwungen, Russisch zu sprechen. Es gab
große Unterschiede und permanent Konflikte.
taz: Wie drückte sich dies in der Literatur aus?
Fingerova: In der ukrainischen Literatur geht es oft um die Geschichte, den
Kampf für Freiheit. In der russischen häufiger um innere Reflexion,
menschliche Beziehungen, Liebe und Moral. Ukrainisch war als Sprache nie
wirklich anerkannt, teilweise verboten. Ukrainisch galt generell als
rückständig. Es gab das Klischee, man komme vom Dorf. In sowjetische Filmen
wurden ukrainischsprachige Protagonisten als einfältig dargestellt.
Als ich geboren wurde, nach dem Zerfall der Sowjetunion, hat man auch in
Städten wie Odessa zumeist Russisch gesprochen. Ich selber bin bilingual
aufgewachsen. In der Schule sprachen wir Ukrainisch. Das Fernsehen ist auf
Ukrainisch. Und ich habe dann mein Staatsexamen in Medizin, ukrainischer
Sprache und Literatur bestanden. Auch für Medizin muss man zusätzlich
Ukrainisch und Literatur studieren.
taz: Medizin plus Literatur?
Fingerova: Cool, nicht? Das gilt auch für alle anderen Studiengänge, um die
ukrainische Sprache und Literatur zu stärken. Neben Charms hat mich aber
auch der magische Realismus von Borges oder Márquez sehr beeindruckt.
taz: Sie waren Gründerin des Theaters der Ohren in Odessa. Was hat es damit
auf sich?
Fingerova: Open Mikes und Poetry-Slams in Bars waren atmosphärisch
unbefriedigend. Ebenso die im Theater. Oft kamen nur Angehörige und enge
Freunde. Und in den Pubs tranken sie Bier und hörten nicht zu. Einmal bin
ich in einer Bar richtig wütend geworden und auf den Tresen gesprungen. Ich
habe laut geschimpft und die Leute ausgelacht. Zufällig war die junge
Programmdirektorin von einem Museum aus Odessa anwesend, und wir sprachen
miteinander.
taz: Wie ging es weiter?
Fingerova: Ich war es leid, dass uns niemand zuhört. Und wir haben dann in
ein jüdisches Zentrum in Odessa eingeladen, zum Theater der Ohren, und den
Leuten die Augen verbunden. Da waren sofort 200 Leute im Publikum. Die
Menschen fanden es aufregend, geheimnisvoll. Und hörten uns nun zu. So
entwickelte es sich zu einer funktionierenden Plattform für moderne
Autorinnen und Autoren in Odessa.
taz: Sie verließen schon vor dem jetzigen Krieg die Ukraine, um als Ärztin
in Deutschland zu arbeiten. Warum gerade hier?
Fingerova: Es gibt eine Freundin hier. Und ich wollte einfach eine Weile in
einem anderen Land leben, selbstständig sein, neue Erfahrungen machen. Mein
Mann, damals mein Freund, lernte Deutsch und ließ sich darauf ein. Ich
wollte entweder nach Israel oder Deutschland. Ich war 24 Jahre alt. Es war
nicht einfach. Und dann wurde ich schwanger, wir bekamen eine Tochter.
Inzwischen leben auch meine Eltern in Dresden.
taz: Ihre literarische Hauptfigur in „Zugwind“, Mira Zehmann, ist wie Sie
Ärztin, eine jüdische Ukrainerin aus Odessa, die in einer deutschen Stadt
in Deutschland lebt. Aus ihrer Perspektive schildern Sie Erlebnisse aus
Deutschland und der Ukraine.
Fingerova: Ich finde, man sollte über das schreiben, was man gut kennt. Und
ob ich nun eine 30-jährige Ukrainerin oder einen 50-jähriger Mann zum
Ausgangspunkt der Erzählung mache, es bleibt immer ein Spiel mit
Perspektiven. Vieles bei „Zugwind“ ist ausgedacht. Und auch wenn ich mit
dem Autobiografischen spiele, natürlich ist darin neben Spaß auch eine
Metaebene von Ideen und Literaturgeschichte enthalten.
taz: Sie verbinden in Ihrer Prosa Alltagsbetrachtungen einer Medizinerin
aus ihrem Privat- mit dem Berufsleben. Eine ukrainische Frau Anfang 30, im
Ausland, während sich die alte Heimat gegen den russischen Aggressor wehrt.
Wo ist Ihre Figur eigentlich mehr zu Hause, in der Ukraine oder in der
Bundesrepublik? Die deutsche Stadt bleibt namenlos, wird nicht genannt.
Fingerova: Es kann jede deutsche Stadt sein. Ein bisschen wie bei Gogol,
der übrigens auch ein ukrainischer Schriftsteller war. Die Figur ist für
sich selber eine Art Zuhause. In dem metaphorischen Sinne des Zitats von
[2][Mascha Kaléko], über das wir eingangs sprachen.
taz: In „Zugwind“ thematisieren Sie den Zwiespalt von Menschen, die in
Sicherheit sind, während es die anderen in der Ukraine nicht sind. An einer
Stelle schreiben Sie, man lebe mit einer „Kraft auf Kredit“. Und die eigene
Existenz verpflichte, das Leben zu feiern. Also nicht alles negativ auf
sich zu beziehen oder in Selbstmitleid zu ergehen.
Fingerova: Der Krieg zerstört so vieles. Er darf uns [3][nicht noch die
Freude am Leben nehmen]. Er dauert schon so lange und wird noch länger
andauern. Selbstfürsorge ist sehr wichtig. Und wenn man etwas für andere
tun will, dann sollte man auf jeden Fall handeln wie bei einem Notfall im
Flugzeug: zuerst die Sauerstoffmaske sich selber aufsetzen, um dann anderen
helfen zu können. Einfach dasitzen und leiden, es hilft niemanden.
taz: Da spricht neben der Schriftstellerin die Medizinerin.
Fingerova: Viele Ärzte haben ein Helfersyndrom. Und ignorieren sehr gerne
die eigenen Probleme. Das macht meine Figur der Mira auch. Und sie
vermeidet negative Emotionen, weil sie einfach keine Zeit dafür hat. Doch
irgendwann bemerkt sie diesen Zugwind. Die fragile Welt und die
vergängliche Weltordnung. Die Gefühle, die sie weggeschoben hat, treten nun
umso intensiver hervor.
taz: Sie haben als Medizinerin in der Allgemeinmedizin, aber auch in der
Psychiatrie gearbeitet. Die Geschichten, die Sie aus der Perspektive von
Miras Arbeitsalltag erzählen, wie dokumentarisch sind sie?
Fingerova: Ich habe sie nicht erfunden, aber verfremdet und
fiktionalisiert. Viele Ukrainerinnen kamen zu mir als Ärztin wegen
medizinischer Probleme, aber in Wirklichkeit hatten fast alle seelische.
Sie haben schlechtes Gewissen, Sorgen über die Zukunft, um ihre Freunde und
Verwandten, zu wenig Austausch, typische Probleme der Migration oder des
Exils. Viele schämen sich, weil sie hier in Deutschland sind und nicht in
der Ukraine.
taz: Wenn Sie schreiben, „eine Frau saß erschöpft auf dem Boden. Die Frau
war ich“, könnte man meinen: Da betrachtet das lyrische Ich sich selbst.
Einige Passagen in „Zugwind“ haben mich [4][an die Lyrics von Popsongs
erinnert]. So beginnen Sie vier fast gleich lange Absätze nacheinander
jeweils mit „Kaputte Erwachsene“. Eine Assoziation führt rhythmisch zur
nächsten?
Fingerova: Also, ich verstehe selber nicht, wie das funktioniert. Ich höre,
wie die Poesie des Alltags flüstert. Wir leben in einer sehr absurden,
komischen und traurigen Welt – sie hat ganz bestimmt ihre eigene Melodie.
25 Apr 2026
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