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       # taz.de -- Roman „Real Americans“: Aus dem Leben echter Amerikaner
       
       > Ein Generationenroman, der so langatmig wie didaktisch daherkommt: Rachel
       > Khongs „Real Americans“ erscheint mit viel Marketingtamtam.
       
   IMG Bild: Die Schriftstellerin Rachel Khong, hier vor florentinischer Kulisse
       
       Die Frage, die dem Wesen der USA zugrunde liegt, stellt dieser Roman
       implizit bereits im Titel: Was macht „Real Americans“ aus? Bei einem Land,
       das historisch gesehen fast ausschließlich aus Immigrant:innen besteht
       (je nach Statistik leben in den USA nur rund 3 Prozent Native Americans)
       und in dem sich Menschen auch in der dritten oder vierten Generation noch
       etwa als „Irish“ oder „Italian“ bezeichnen, ist diese Frage gar nicht so
       leicht zu beantworten.
       
       Noch komplizierter wird es, wenn man den Grundsatz des American Dreams
       beachtet, laut dem jeder seines Glückes Schmied sei. Kann man ungeachtet
       der Herkunft sein eigenes Schicksal bestimmen?
       
       Im ersten der drei Teile von Rachel Khongs Roman lernt Lily Chen, Tochter
       chinesischer Einwanderer:innen, im Jahr 1999 den reichen, blonden Matthew
       kennen. Mit ihm zusammen zu sein, bedeutet für Lily eine Art permanente
       Selbstreflexion. Sich im Spiegel betrachtend, „sah ich einen typischen
       amerikanischen Mann mit einer ausländischen Frau, obwohl ich genauso
       typisch amerikanisch war“.
       
       Wie stark das eigene Selbst im Spannungsverhältnis zur äußeren Wahrnehmung
       steht, erlebt im zweiten Handlungsstrang auch Nick, der Sohn von Matthew
       und Lily im Teenageralter, der, obwohl halb Chinese, seinem weißen, ihm
       unbekannten Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Der dritte Teil
       führt erst ins China unter Mao, aus dem Lilys Mutter May flieht, und später
       ins Jahr 2030 nach San Francisco, wo sich May mit ihrem Enkel Nick
       anfreundet.
       
       ## Ungewöhnlicher Genremix
       
       Khong, in Malaysia geboren und in den USA aufgewachsen, hat mit ihrem
       zweiten Roman große Ambitionen. In „Real Americans“ erzählt sie nicht nur
       eine Generationen umfassende Geschichte, die die Frage aufwirft, wer
       eigentlich „echte Amerikaner“ sind, sie bemüht sich darin auch um einen
       ungewöhnlichen Genremix.
       
       Die Story rund um Lily und Matthew ist wie eine Art Rom Com angelegt samt
       schmonzettenhafter Momente, etwa als beide bei ihrem allerersten Date
       spontan beschließen, von New York nach Paris zu fliegen. Später steht als
       Mystery das Familiengeheimnis im Fokus, auf das Nick wegen seines nicht
       asiatischen Aussehens gestoßen wird und das bis in die Großelterngeneration
       zurückreicht. Und es gibt auch ein Fantasyelement, weil May, Lily und Nick
       in der Lage sind, die Zeit zu verlangsamen.
       
       Leider wird Khong ihren eigenen Ansprüchen kaum gerecht. Der dritte Teil
       über May ist dank seiner zwei Zeitstränge und Länder sehr viel tiefer
       erzählt, während die anderen im Vergleich stark abfallen. Im Roman häufen
       sich Unwahrscheinlichkeiten und unrealistische Begegnungen, die hinzunehmen
       auf Dauer schwerfällt. Auch die Tatsache, dass die Chens die Zeit dehnen
       können, ist innerhalb der Geschichte zwar stringent erläutert, aber
       erstaunlich irrelevant – der Handlung würde wenig fehlen, gäbe es dieses
       Element nicht.
       
       Ärgerlich ist der enge Fokus allein auf die drei Protagonist:innen. Die
       anderen Figuren sind schematisch nur angerissen und dienen allein als
       Motivator für die Protagonist:innen. Auch die politischen Ereignisse rücken
       in den Hintergrund: Wo [1][Maos Kulturrevolution] noch eine gewisse
       Relevanz hat, werden 9/11 und das Tian’anmen-Massaker in wenigen Sätzen
       abgehandelt.
       
       ## Degradierung der Nebenfiguren
       
       Als Nicks Freundin ein Praktikum in New York bekommt, erfahren die
       Leser:innen nicht einmal in einem Halbsatz, um welches Unternehmen es
       sich dabei handelt; wichtig ist auf der Handlungsebene ausschließlich, dass
       Nick dadurch ebenfalls nach New York geht, wo sein Vater wohnt. Diese
       Degradierung der Nebenfiguren ist besonders im zweiten Teil eklatant, als
       Lily, die zu Beginn als Protagonistin noch agency hatte, in Nicks Storyline
       zum reinen Pappaufsteller ohne eigene Interessen verkommt.
       
       Auch stilistisch glänzt „Real Americans“ nicht, der Roman ist in einer
       widerstandslosen Sprache erzählt, die keinerlei Finessen bietet. Im
       gesamten Text gibt es ärgerlich viele Gedankenstriche (kein Problem der
       Übersetzung von Tobias Schnettler, sondern so auch im Original), auf die
       statt tieferer Erkenntnisse lediglich Banalitäten folgen: „Auf dem
       Sofakissen war ein wolkenförmiger schwarzer Fleck – mein Mascara“, „Jeden
       Abend redeten wir, bis einer von uns einschlief – meist war er es“ oder „Es
       war gegen meinen Willen geschehen – ohne meine Zustimmung“.
       
       „Real Americans“ schneidet immer wieder interessante Themen an – wenn Lily
       etwa auffällt, dass sie und ihre Asian-American Freundinnen allesamt mit
       weißen Männern zusammen sind –, verfolgt für den literarischen, breit
       angelegten Gesellschaftsroman, der er sein will, diese Gedanken aber nicht
       konsequent genug. Zusammen mit eingestreuten plumpen Aussagen („Wir sehen
       vielleicht chinesisch aus, aber wir haben keine Loyalität gegenüber China.
       Wir wollen Amerikaner sein.“) ist der Roman nicht nur streckenweise
       langatmig, sondern auch noch didaktisch.
       
       Genügend Leser:innen wird „Real Americans“, in den USA übrigens ein
       großer Erfolg, dennoch finden. Hierzulande hat der KiWi Verlag bei
       Erscheinen eine Leseaktion ins Leben gerufen, um „Real Americans“ zu
       pushen. Der großspurige Name davon: „Deutschland liest ein Buch“. Ja, dann!
       
       29 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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