# taz.de -- Konflikt am Golf: Im Nahen Osten viel Neues
> Der Irankrieg wird nicht nur die gesamte Region verändern, sondern auch
> die Weltordnung. Aber nicht so, wie es sich Trump und Netanjahu
> vorgestellt hatten.
Es gibt historische Momente, da begreifen wir, dass etwas Bedeutendes
geschieht. Und doch werden wir Jahre später überrascht von Entwicklungen,
die wir uns nicht annähernd hätten vorstellen können. Nehmen wir die
Stationierung von US-Truppen in Saudi-Arabien 1991 zu Beginn der Operation
„[1][Desert Storm]“ gegen den Irak und Präsident Saddam Hussein, die der
frühere US-Präsident George Bush senior anordnete. Man konnte ahnen, dass
dieser Krieg ein einschneidendes Ereignis darstellen würde.
Was aber in den folgenden Jahren geschah, stand jenseits unser aller
Vorstellungskraft. Ein zu dieser Zeit vollkommen unbekannter Mann namens
[2][Osama bin Laden] erließ aus Vergeltung eine Fatwa gegen die Amerikaner,
die das Land der beiden islamischen Heiligtümer Mekka und Medina besetzt
hielten. Diese Fatwa sollte als Legitimation dienen für die willkürliche
Ermordung von Amerikanern und ihren Verbündeten – ob Kombattanten oder
Zivilisten überall auf der Welt.
Niemand ahnte zur Zeit der US-Stationierung am Golf 1991, dass diese
Truppen zehn Jahre später als Begründung für die [3][Terroranschläge am 11.
September] herhalten müsste, als 19 Al-Qaida-Terroristen Zivilflugzeuge in
das World Trade Center in New York und das Pentagon steuerten und Tausende
ermordeten. Ähnlich verhält es sich heute. Wir spüren, dass sich am Golf
etwas Großes tut. Und wieder könnte das Neue unsere Vorstellungskraft
sprengen.
Der Ausgangspunkt ist eine einfache Weisheit: Kriege enden nicht, wenn der
militärische Schlagabtausch endet. So geschehen bei den Versailler
Verträgen, die den Weg zu einem weiteren Weltkrieg ebneten, und so
geschehen bei der Jalta-Konferenz, die letztendlich in den Kalten Krieg
mündete. Das Ende von Kriegen kann eine neue Weltordnung schaffen. Das gilt
umso mehr, wenn, wie im Falle des Irankriegs, einer Supermacht Einhalt
geboten wird. Denn egal [4][wie US-Präsident Donald Trump die Angelegenheit
dreht und wendet].
## Parallelen zur Suezkrise
Das sich abzeichnende Ergebnis steht in keinem Verhältnis zum menschlichen
Leid, das weit über die Kriegsregion hinausreicht, sowie den finanziellen
und militärischen Kosten. Möglicherweise ist ein Vergleich nicht zu weit
hergeholt zwischen dem, was der Irankrieg für die USA darstellt, mit dem,
was die Suezkrise 1956, als Großbritannien, Frankreich und Israel Ägypten
angriffen, für das Vereinigte Königreich bedeutete: das Ende eines Empires.
Damals besiegelte der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser das britische
Empire, ebenfalls an einem für den internationalen Handel wichtigen
Wasserweg.
Er verstaatlichte den Suezkanal, der sich bis dato unter kolonialer
französischer und vor allem unter britischer Kontrolle befand, und
deklarierte ihn fortan als ägyptisch. Die militärisch erfolgreichen
ausländischen Truppen mussten sich nach einer massiven diplomatischen
Intervention der USA und der Sowjetunion am Ende aus der Suezzone
zurückziehen. Nasser ging als der politische Gewinner hervor und wurde weit
über Ägypten hinaus als antikolonialer Held gefeiert.
Die britische Zeitung [5][The Guardian] zitiert in einem Vergleich zwischen
der damaligen Suezkrise und der heutigen Situation den britischen
Diplomaten und späteren Botschafter in Ägypten, Harold Beeley, der das
„katastrophale Abenteuer“ als ein Zeichen sah, „dass Großbritannien nicht
mehr seinen Willen durch militärische Aktionen durchsetzen kann“. Ähnlich
könnte es den USA jetzt im Nahen Osten ergehen. Die Suezkrise wird von
Historikern oft als der Endpunkt des britischen Empires bezeichnet.
„Kriege, vor allem schlecht kalkulierte Kriege, führen dazu, sich bereits
anbahnende Änderungen zu beschleunigen“, schlussfolgert der Guardian.
Angesichts der Krise um die Straße von Hormus ist abzusehen, dass sich die
USA aus der Region auf absehbare Zeit zurückziehen werden. Eine der
spannendsten Fragen ist, wie sich die reichen arabischen Golfstaaten in
Zukunft positionieren werden. Sie haben Trump vor diesem Krieg gewarnt. Und
sie haben erlebt, dass den USA die Sicherheit Israels wichtiger ist als die
der Golfstaaten.
## USA in Nahost zunehmend passé
Sie haben in diesem Krieg feststellen müssen, dass die
US-Sicherheitsgarantien ihnen wenig geholfen haben und dass die
US-Stützpunkte sie nicht geschützt, sondern im Gegenteil – verwundbarer
gemacht haben. Welche Schlussfolgerungen werden sie daraus ziehen? Absehbar
ist schon jetzt, dass die Golfstaaten nicht an einem Strang ziehen werden.
Das zeigt allein der [6][Austritt der Emirate aus der O]pec. Ein Schritt,
der auch der Enttäuschung Abu Dhabis geschuldet ist, dass die
Nachbarstaaten sich nicht dem von den Emiraten geforderten härteren
militärischen Kurs gegen Iran angeschlossen haben.
Aber der Trend der Mehrheit der Golfstaaten wird sein, sich nicht
vollkommen von den USA abzuwenden, aber ihre Sicherheitsstrategien mehr zu
diversifizieren, also auch in Richtung China und Russland. Das wird nicht
nur lukrative Waffengeschäfte betreffen, sondern es gilt auch für den
diplomatischen Einfluss. Schon vor drei Jahren hat Saudi-Arabien mit
chinesischer Vermittlung nach Jahren der Erzfeindschaft diplomatische
Beziehungen mit Iran aufgenommen.
Diese Beziehungen sind zwar jetzt ein Scherbenhaufen, aber allein aus
pragmatischen Gründen werden beide Länder ihren Konflikt auf kurz oder lang
wieder beilegen müssen. Und [7][China bietet sich hier erneut als
Vermittler] an. Es ist wahrscheinlich auch nur eine Frage der Zeit, bis die
US-Stützpunkte am Golf hinterfragt werden. Ein kompletter Bruch mit den
US-Sicherheitsgarantien ist nicht wahrscheinlich, wohl aber eine Art
downgrading.
Schon jetzt hat die Türkei in Katar den Tareq-Bin-Zayed-Militärstützpunkt
und weitere am Horn von Afrika am Tor zum Roten Meer. Wir werden
wahrscheinlich einen Ausbau von weiteren Stützpunkten anderer
Regionalmächte erleben. Diese Regionalmächte werden mehr
zusammenzuarbeiten. Die Türkei, Saudi-Arabien, Ägypten und neuerdings auch
Pakistan kooperieren schon jetzt und bilden ein neues Bündnis für eine
regional gelenkte Sicherheitsarchitektur für die gesamte Nahostregion.
## Der Traum von Großisrael
Es ist kein Zufall, dass Pakistan, Saudi-Arabien und Ägypten derzeit als
Vermittler zwischen den USA und Iran aktiv geworden sind. Und dieses neue
regionale Bündnis weiß auch, dass das vollkommene Ausklammern einer anderen
Regionalmacht wie Iran gefährlich ist. Dieses Bündnis wird eine
entscheidende Rolle spielen, wenn es darum geht, die Beziehungen zwischen
den Golfstaaten und Iran zu reparieren.
Es wird sich als ein Paradox der Geschichte erweisen, dass die USA und
Israel in diesem Krieg versucht haben, mit Iran eine wichtige Regionalmacht
auszuschalten, nur um damit ein neues Bündnis von Regionalmächten zu
stärken, dessen Hauptziel es ist, die Region zu stabilisieren, das
US-amerikanischen Sicherheitsmonopol langsam zu ersetzen und den
israelischen Einfluss einzudämmen.
Das Problem dabei bleibt, dass das Vakuum, das durch die Schwächung der USA
in der Region entsteht, sich kaum unter öffentlicher Kontrolle befindet,
weil viele der Regionalmächte autokratisch beherrscht werden. Die Frage,
was in den nächsten Jahren „von unten“ in den arabischen Ländern passiert
und ob es erneut den Versuch eines weiteren Arabischen Frühling geben wird,
bleibt eine der großen Unbekannten.
Der große Gegenspieler der Allianz aus Regionalmächten, die sich neu
formiert, ist Israel. Regierungschef Benjamin Netanjahu und die rechte
Mehrheit des Landes träumt von einem „Großisrael“. Und sie lassen dem Traum
auch Taten folgen. Die israelische Armee hat den Gazastreifen zerstört und
teilweise erobert. Die palästinensische Bevölkerung wird immer weiter in
einen kleinen Teil des Küstenstreifens zusammengedrängt.
Im Westjordanland erlangt Israel über eine Kampagne aus Siedlergewalt,
Landenteignung und Siedlungsbau in rasanter Geschwindigkeit immer mehr
Kontrolle über das besetzte palästinensische Gebiet. Auf den Golanhöhen hat
die israelische Armee nach dem Sturz Baschar al-Assads eine Pufferzone
besetzt, die an einer Stelle bis zu 40 Kilometer vor die Stadtgrenze von
Damaskus reicht. Und nun hält die Armee noch im Südlibanon 10 Prozent des
libanesischen Staatsgebiets besetzt.
## Das Ende bleibt offen
Doch es sei falsch, das Konzept von Großisrael als rein territorial zu
verstehen, schreibt [8][Daniel Levy], einer der israelischen
Verhandlungsführer des Oslo-II-Abkommens von 1995 im Guardian. Es sollte
vielmehr als geopolitisches und strategisches Vorhaben verstanden werden.
Es gehe um „Netanjahus Wunschvorstellung von Israel als regionaler
Supermacht“. Iran war das größte Hindernis, das Netanjahu mit Hilfe des
US-Präsidenten durch diesen Krieg aus dem Weg räumen wollte.
Die geschwächten Golfstaaten würden dann weitere Normalisierungsabkommen
mit Israel unterschreiben, in der Hoffnung, dass das für sie mehr
Sicherheit schafft. All das ohne irgendwelche Zugeständnisse an die
Palästinenser, so analysiert Levy. Dass [9][die Golfstaaten] als Antwort
auf den amerikanisch-israelischen Angriff mit iranischen Drohnen und
Raketen angegriffen wurden, war für Israel „keine bedauerliche
Nebenwirkung, sondern im Design angelegt“.
Die Rechnung des israelischen Premierministers wird kaum aufgehen.
Stattdessen schwindet der Einfluss des starken Partners USA in der Region
noch schneller als bereits vor dem Krieg. Die Golfstaaten werden sich
entsprechend neu orientieren. Sie müssen sich entscheiden, welchem der
beiden sich aufbauenden Machtzentren sie sich anschließen: dem Bündnis der
Regionalmächte Türkei, Saudi-Arabien, Ägypten und Pakistan. Oder begeben
sie sich in eine Abhängigkeit des geostrategischen Projekts Großisrael, wie
das zurzeit noch die Arabischen Emirate tun?
Noch befinden sie sich in der Warteschleife, sitzen es aus, um zu sehen,
wie es mit den USA und Iran weitergeht und wie sich die Lage im Libanon, im
Gazastreifen, im Westjordanland und in Syrien entwickeln wird. Und nicht
zuletzt warten sie, ob sich die USA, deren Einfluss geringer, aber noch
nicht verschwunden ist, für das neue Bündnis der Regionalmächte oder einmal
mehr für Israel entscheidet.
Denn auch in den USA wachsen die Zweifel, ob man in diesem Krieg mit Israel
tatsächlich auf die richtige Karte gesetzt hat. So ist im Moment eigentlich
nur eines klar: Der neue Nahe Osten hat zu viele offene Enden, als dass man
heute genau wissen kann, wie sie sich in Zukunft zusammenfügen werden.
2 May 2026
## LINKS
DIR [1] /US-Invasion-im-Irak/!5920560
DIR [2] /Osama-bin-Laden/!t5025776
DIR [3] /Schwerpunkt-9/11/!t5112232
DIR [4] /Trump-im-Irankrieg/!6172038
DIR [5] https://www.theguardian.com/world/2026/apr/11/iran-trump-suez-crisis-strait-of-hormuz
DIR [6] /Arabische-Emirate-verlassen-Oel-Kartell-Die-Golfregion-zefaellt/!6174990
DIR [7] /Chinas-Interessen-im-Iran-Israel-Krieg/!6095253
DIR [8] https://www.theguardian.com/commentisfree/2026/apr/13/benjamin-netanyahu-middle-east-greater-israel
DIR [9] /Irankrieg/!6169811
## AUTOREN
DIR Karim El-Gawhary
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