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       # taz.de -- Schloss Rheinsberg geht neue Wege: Ganz neue Töne
       
       > Zeitgenössische Musik elitär und kopflastig? Mit dem partizipativen
       > Projekt Musiktheater 360° beweisen Jugendliche von Förderschulen das
       > Gegenteil.
       
   IMG Bild: Irgendwo zwischen Schauspiel, Musik und Selbstermächtigung: Kinder auf der Bühne in Schloss Rheinsberg
       
       Ein zartes Rauschen füllt den Raum, als ein halbes Dutzend Schüler:innen
       zwischen 11 und 16 Jahren bunt bemalte Stäbe zu schütteln beginnt. „Rain
       Maker“ heißen diese mit Kieseln gefüllten Rasseln. Sie klingen wie frischer
       Nieselregen. Viele der Kinder stehen heute zum ersten Mal für eine
       einmalige Aufführung auf der Bühne. Im Publikum sitzen Eltern,
       Lehrer:innen und Geschwisterkinder.
       
       Der Regen schwillt an zu einer hybriden Klanglandschaft, angereichert mit
       elektronischen Einspielern aus verzerrten Wassergeräuschen und Vogelstimmen
       und wird zur Begleitmusik einer düsteren szenischen Traumsequenz: Ein
       Entenmensch mit schwarzen Flügeln und Schnabelmaske macht Jagd auf ein
       Mädchen und frisst es.
       
       Sogleich kippt die Szene ins Komische. Durch einen goldenen Vorhang
       schlüpft ein „Tagesschau“-Sprecher namens „Ente kross“: Zeugen sollen bitte
       anrufen, die Telefonnummer endet auf den Ziffern 6 und 7. „Six Seven!“
       johlt es begeistert aus dem Publikum. Was genau [1][dieses beliebte
       Jugendwort] bedeutet, weiß keiner so genau, aber der Wiedererkennungswert
       ist offensichtlich groß – auch bei den Erwachsenen.
       
       Diese anarchisch anmutenden Szenen sind Teil des Projekts [2][Musiktheater
       360<sub>o</sub>] der Musikakademie Rheinsberg, eine Stückentwicklung mit 32
       Kindern von Schulen aus dem ländlichen Raum mit Förderschwerpunkt Lernen.
       Mit Expert:innen verschiedener Sparten – von Kostüm über Tanz bis hin zu
       Sounddesign – haben sie einen musikalischen Theaterabend erarbeitet. Der
       Titel: „Kings* and Queens* – eine musikalische Machtübernahme“. Vorbereitet
       wurde das Ganze in einer intensiven Probenwoche auf Schloss Rheinsberg.
       
       ## Wenn sie Königin oder König wären …
       
       Mit dabei waren auch Fieby und Helene von der Clara-Zetkin-Schule: Obwohl
       sie am Vormittag noch eine Deutschprüfung schreiben mussten, erscheinen sie
       überpünktlich zur Probe, um weiter am Text zu arbeiten. Sie hätten viel
       darüber geredet, was sie tun würden, wenn sie Königin oder König ihrer
       Stadt wären: „Bei uns würde es überall Koalas geben und kostenloses Eis für
       alle“, sagt Fieby.
       
       Jetzt geht es dann aber eher um die Basics der Bühnenarbeit: „Sprich nach
       vorne“, ermutigt Projektleiterin Nathalie Himpel. Auch an den Dialogen wird
       gefeilt: In einer kurzen Improvisation entsteht ein hitziger Wortwechsel
       zwischen Königin und Prinzessin (gespielt von Helene in Tutu und
       Glitzerkrone), der in einem vernichtenden „Mama, du bist scheiße“ gipfelt.
       Eine andere Gruppe produziert derzeit kurze Videos auf dem Gelände: Sie
       rennen ausgelassen durch den sonnigen Schlosspark und erobern schließlich
       durch offene Fenster kletternd das Gebäude.
       
       Musiktheater 360o gibt auch Lehrkräften die Chance, ihre Schüler:innen
       neu kennenzulernen: „Eine Schülerin, mit der ich mich oft zoffe, erlebe ich
       hier auf einmal als liebebedürftig und weich“, erzählt Anke Scheunemann,
       Leiterin der Max-Lindow-Schule und mehrfache Teilnehmerin. „Man darf jetzt
       nicht erwarten, dass sie danach alle sofort zur Musikschule rennen“, meint
       sie. „Aber sie denken lange daran und erinnern sich gegenseitig: Weißt du
       noch, damals? Als Kinder von der Förderschule kriegen sie viel
       Stigmatisierung mit. Hier lernen sie, dass sie nicht falsch sind. Sie
       dürfen Regeln aufstellen und mitbestimmen.“
       
       Der Einfall für ein Musiktheater-Projekt mit Brandenburger Jugendlichen kam
       ursprünglich von den Musiker:innen des [3][Ensemble Quillo aus
       Falkenhagen], das seit über 20 Jahren Neue Musik in den ländlichen Raum
       bringt. Anfangs hieß das Projekt auch einfach „Werkstatt Quillo.“
       
       ## Wissend nickende Zuhörer in Rollkragenpullovern
       
       Begriffe wie Neue Musik und zeitgenössische Musik werden schließlich oft
       mit urbaner Avantgarde in Verbindung gebracht. Man denkt an lärmende
       Dissonanzen, Instrumente, die mehr quietschen als singen, und an wissend
       nickende Zuhörer in schwarzen Rollkragenpullovern, die aus der Enträtselung
       eines entrückten Kunsterlebnisses einen selbstgefälligen Sport machen.
       
       Dabei war die Absicht berühmter Vertreter der Neuen Musik alles andere als
       elitär. Bei [4][John Cages] „4’33“ von 1952 etwa – ein dreisätziges Stück,
       in dem kein einziger Ton gespielt wird – geht es um den Klang der Stille.
       Was auf den ersten Blick wie Arbeitsverweigerung aussieht, ist eine
       Einladung, den Klängen der Umgebung zu lauschen: dem Räuspern und Husten
       des Publikums oder dem eigenen Atem.
       
       Auch [5][Karlheinz Stockhausen] trieb die Emanzipation des Geräuschs auf
       durchaus inklusive Weise voran: Die Uraufführung von „Gesang der Jünglinge“
       (1956), wo er als einer der Ersten die menschliche Stimme mit Elektronik
       mischte, sang ein 12-jähriger Junge, der keine Noten lesen konnte. Was und
       wie er singen sollte, machte ihm der Komponist vor.
       
       Diese Arbeit mit Mitteln, die jedem von uns zur Verfügung stehen, führt das
       Ensemble Quillo fort: „Zeitgenössische Musik ist oft voraussetzungsloser
       und partizipativer, das Gegenüber spielt schon in der Ursprungsidee eine
       Rolle“, erklärt Quillo-Gründerin Ursula Weiler. 2007 bauten die Quillos
       einen traditionellen Vierseithof zu einer kulturellen Begegnungsstätte um:
       Das ehemalige Bauernhaus wurde zum Konzertsaal, und dort, wo früher ein
       Pferdestall war, gibt es einmal im Monat Kino mit Popcorn.
       
       ## Vom Europäischen Sozialfonds gefördert
       
       Für Werkstatt Quillo erhielt das Ensemble 2025 den Musikpreis Opus Klassik.
       Erst danach gab Quillo Projekt und Know-how an die Musikakademie Rheinsberg
       ab, wo es nun vom Europäischen Sozialfonds gefördert wird und jährlich
       stattfinden soll.
       
       Im Fokus standen von Anfang an sozial benachteiligte Kinder mit
       sonderpädagogischem Bedarf. „Wir wollten im ländlichen Raum etwas anbieten
       für Kinder mit einem etwas schwereren Rucksack“, so Weiler. Die Aufgabe,
       mit Jugendlichen ohne Notenkenntnisse Musiktheater zu entwickeln und zu
       Papier zu bringen, mag auf den ersten Blick gigantisch wirken, doch Weiler
       meint: „Ich habe da nie Herausforderungen gesehen, sondern immer nur
       Möglichkeiten.“
       
       Um ihre Klangvorstellungen umzusetzen, könnten Schüler:innen Melodien
       zum Beispiel in gemalte Bilder übersetzen oder mit Worten aufschreiben –
       eine Notationspraxis, die auch in der Welt der zeitgenössischen und Neuen
       Musik verbreitet sei: „Partituren von Helmut Lachenmann haben ja auch immer
       seitenlange Legenden, wo genau beschrieben ist, wie welche Klänge zu
       spielen sind.“
       
       Für „Kings* & Queens*“ greift mit Andreas Völk diesmal ein Berufsmusiker
       den Jugendlichen unter die Arme. Er hat eine triumphale und höchst tonale
       Ouvertüre und einige Zwischenspiele geschrieben. Weihevolle Bläsermotive
       gemahnen an höfische Musik – und treffen auf Klänge aus der jugendlichen
       Lebenswelt: Eine Schülerin in Reifrock gib einen Song aus „Die Schule der
       magischen Tiere“ zum Besten und eine andere mischt von Schüler:innen
       gesammelte Geräusche – sogenannte field recordings – an einem DJ-Pult mit
       bassigen Techno-Beats.
       
       So mündet die Vorführung in eine große Party: Gelöst und vorsichtig
       selbstbewusst tanzen die Jugendlichen über die Bühne – mit Gesichtern, die
       aussehen, als hätte jemand darin das Licht angeknipst.
       
       2 May 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://theacademyadvocate.com/22808/news/whats-the-deal-with-six-seven/
   DIR [2] https://musikakademie-rheinsberg.de/schwerpunkt-artikel/musiktheater360/
   DIR [3] https://quillo.net/
   DIR [4] /Freunde-in-der-Kunst-und-im-Leben/!6116542
   DIR [5] /Buchessay-ueber-Krautrockband-Can/!6130295
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Anna Schors
       
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