# taz.de -- „Die drei Tage des Condor“ im Kino: Wer erschießt wen und warum?
> Als man begann, dem Staat nicht mehr zu trauen: In Sydney Pollacks
> Paranoiathriller „Die drei Tage des Condor“ hat die CIA noch die Würde
> des Bösen.
IMG Bild: Joseph Turner (Robert Redford) ist in „Die Drei Tage des Condor“ einer Verschwörung im Inneren des Behördenapparats auf der Spur
Eine Killertruppe marschiert durch den Vordereingang eines klandestinen
CIA-Büros und bringt alle um. Ein bebrillt-belesener CIA-Angestellter
überlebt ein Massaker an seinen Kollegen nur, weil er, Kind der
Sechzigerjahre mit andeutungsweise freigeistiger Frisur, zur Mittagspause
wieder mal die unerlaubte Abkürzung durch den Keller nimmt.
Dienstweg gleich Holzweg. Der Bücherwurm heißt Joseph Turner, Deckname
„Condor“, ist nun auf der Flucht und muss versuchen, am Leben zu bleiben
und zugleich herauszubekommen, wer und warum und so weiter. Bald stellt
sich heraus: Es waren die eigenen Leute.
Der [1][kürzlich verstorbene Robert Redford] spielt Condor als jungen und,
weil es Robert Redford ist, sehr hübschen Intellektuellen ohne
Außendiensterfahrung. Sein Job: aktuell erscheinende Romane, vor allem
Krimis, aus aller Welt zu lesen und für die CIA auszuwerten, auf der Suche
nach neuen Methoden für Anschläge, Tötungsmethoden, generell Inspirationen.
„Wer denkt sich solche Jobs aus?“, fragt Turner ganz richtig und etwas
resigniert. Da haben seine Vorgesetzten schon dreimal versucht, ihn zu
töten.
## Wirklichkeiten antizipieren
In einer Hinsicht tut Turner in seiner Analysearbeit im Prinzip das Gleiche
wie der Film, der ihn in Szene setzt: Er beschäftigt sich mit Imaginärem,
um mögliche Wirklichkeiten zu verstehen und zu antizipieren. Und es gab in
den Imaginationen des Spionagethrillers der Siebzigerjahre sehr gute
Gründe, mit einem ausdauernd misstrauischen Blick durch die Welt zu gehen.
Der Hintergrund des Paranoiakinos der Dekade nach dem Ende des [2][Sommers
der Liebe 1967] war massiver Vertrauensbruch: tödliche Polizeigewalt gegen
Studentinnen und Studenten, die Ermordung zentraler Figuren der
Bürgerrechtsbewegung, die Lügen über den Vietnamkrieg, Watergate natürlich
und die mit alldem verbundene Wahrnehmung, dass keiner, der mit der Macht
und ihren Apparaten verbunden ist, vertrauenswürdig sein kann.
Das Kino schickte der westlichen Welt New Hollywood zur Klärung der Lage.
Der amerikanische Traum wurde in „Easy Rider“ in voller Fahrt von der
Harley geschossen. Es folgten gedeckte Farben, Alltagsnähe, Abbau des
Heldentums, Ambivalenz, Desillusioniertheit.
## Vom Bücherwurm zum Helden
Heldentumdekonstruktion findet man in „Die drei Tage des Condor“ allerdings
nicht. Turner wächst in kürzester Zeit über sich hinaus, entwickelt
MacGyver-artige Züge, handelt fokussiert, analytisch und tatkräftig und
verprügelt einen der Killer, die auf ihn angesetzt worden sind,
formvollendet. Letzteres mithilfe eines Entführungsopfers, einer
Fotografin, die depressiv gestimmte Landschaften fotografiert. Eine weitere
Figur in diesem Film, die sich ständig ein Bild machen muss.
Der Bücherwurm jedenfalls wird zum schlagkräftigen Tatmenschen, und um die
Heldenkonstruktion komplett zu machen, muss diese Kombination natürlich
unwiderstehlich sein. Die von Faye Dunaway gespielte Kathy Hale wird von
Turner mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen, ihn in ihrer Wohnung zu
verstecken. Er fesselt und knebelt sie über Nacht und kommt ihr auch sonst
unangenehm nahe. Kathy verliebt sich umgehend und schläft mit Turner,
nachdem sie ein paar Filmminuten zuvor damit gerechnet hatte, von ihm
vergewaltigt zu werden.
So etwas muss im Kino der Siebzigerjahre als Männerfantasie wohl noch
irgendwie plausibel gewirkt haben, gelernt durch Wiederholung. Die Zahl der
Frauenfiguren, die im Laufe der amerikanischen Filmgeschichte von
Männerfiguren im buchstäblichen oder übertragenen Sinne an die Wand
geworfen werden, um ihnen dann zu verfallen, ist groß.
Verschwörung, Angst und Gegenwehr
Von dieser eher idiotisch-virilen Sequenz abgesehen ist „Die drei Tage des
Condor“ augenöffnend auch in Hinblick auf die Gegenwart, also die Zukunft
der Welt, in der er spielt. Die finstere Paranoiafantasie von einst
erscheint heute im Vergleich zum aktuellen Treiben würdevoll und stimmt
deswegen nostalgisch. Verschwörung, begründete Angst und Gegenwehr waren
1975 noch insofern miteinander verbunden, als alle drei eine gemeinsame
Logik und Rationalität hatten.
Es gab etwas zu analysieren, Kausalitäten und Interessen zu identifizieren,
Muster herzustellen und die eigenen Erkenntnisse als Ausgangsbasis für die
eigenen Aktionen auszuwerten. In einer der vielen signifikanten Szenen
hackt Robert Redford sich sozusagen analog in die Telefonzentrale der Stadt
ein, um verschiedene Gesprächspartner ohne ihr Wissen miteinander zu
verknüpfen, sodass er an die Informationen kommt, die er braucht, um zu
verstehen, was los ist. Wer ist Gegner, wer ist Verbündeter, wer ist Feind?
Wer erschießt wen und warum?
In einem Film von 2026 hingegen würde ein Plotverlauf wie der von „Die drei
Tage des Condor“ und die dazugehörige Paranoiaatmosphäre eher irreal
wirken. Wir haben in den letzten zehn Jahren lernen müssen, dass es sich
beim delirierenden Gefasel eines aller Wahrscheinlichkeit nach an Demenz
Erkrankten, auf jeden Fall aber mit einer pathologisch narzisstischen
Vollmeise gestraften Präsidenten um eine wirkmächtige Form der politischen
Rede handelt.
Auch könnte man gerade keinen in der Jetztzeit spielenden
[3][US-Spionagethriller] über das FBI drehen, der die Institution auch in
ihrem Gewaltpotenzial ernst nimmt und ihr wenigstens die Würde des Bösen
verleiht, während dem Laden ein sagenhaft lächerlicher Chef vorsteht.
Die Würde in der Schweinehaftigkeit
1975 war der filmische Blick auf die eigene Gesellschaft finster, aber klar
strukturiert (und Sydney Pollacks ruhig-nüchterne, das Geschehen eher
aufzeichnende als dramatisierende Inszenierung trägt dazu wesentlich bei).
Im Abgleich zu dem Bild, das die Apparate der Herrschaft in den USA
momentan abgeben und dem man sich nur durch eine Totalverweigerung des
Medialen entziehen könnte, also gar nicht, strahlte das Bild der Macht
damals, 1975, bei aller Bedrohlichkeit und Schweinehaftigkeit so etwas wie
Würde aus.
2 May 2026
## LINKS
DIR [1] /Nachruf-auf-Robert-Redford/!6110525
DIR [2] /Feuerkatastrophe-von-Los-Angeles/!6064204
DIR [3] /Neue-Spionagethriller-auf-Wow-und-Prime/!6150881
## AUTOREN
DIR Benjamin Moldenhauer
## TAGS
DIR wochentaz
DIR Agentenfilm
DIR Robert Redford
DIR Spionage
DIR CIA
DIR Thriller
DIR Held
DIR Film
DIR Nachruf
DIR Robert Redford
DIR wochentaz
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Kurzfilmtage Oberhausen: Aus Licht Magie machen
Bei den 72. Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen gewinnt „Opera“ von
Igor Zelić gleich mehrere Preise. Im Themenprogramm wurde über KI
diskutiert.
DIR Nachruf auf Robert Redford: Für sein Amerika muss man weiter kämpfen
Der Schauspielstar Robert Redford war auf uneitle Weise blendend und
politisch engagiert. Von ihm hätte man sich gern kidnappen lassen.
DIR Robert Redford gestorben: Schauspieler, Regisseur und Aktivist
Der Schauspieler Robert Redford ist mit 89 Jahren gestorben. Er war über
Jahrzehnte eines der prägenden Gesichter Hollywoods.
DIR Autobiografie von Barbra Streisand: Ungefilterter Rückblick
Eine Karriere gegen Misogynie und Antisemitismus: Sängerin und
Schauspielerin Barbra Streisand hat mit 81 Jahren ihre Memoiren
veröffentlicht.