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       # taz.de -- Dokumentarfilm „Wir Erben“: So ein Bauernhof ist ein echtes Privileg
       
       > Der Dokumentarfilm „Wir Erben“ von Simon Baumann fragt nach dem Prinzip
       > des Erbens. Sichtbar wird so die materielle Bedingtheit im Kapitalismus.
       
   IMG Bild: Idyllisch gelegen: Der Hof La Oueyte in „Wir Erben“. Die Ländereien drumherum sind allesamt im Privatbesitz der Familie Baumann
       
       „Maximum height reached“, meldet das System der Kameradrohne. Doch die
       erreichten 500 Metern Höhe sind nicht genug, um die Fläche des zum Hof „La
       Oueyte“ gehörenden Geländes zu erfassen. Erst nach einem Kipp der Drohne in
       die Schräge lassen sich die ganzen in den verschiedensten
       Grünschattierungen prunkenden 70 Hektar überblicken: „Soweit man sieht, ist
       alles uns“, proklamiert der Vater von Regisseur Simon Baumann, der die
       Drohne über der weiten Hügellandschaft der Gascogne steuert.
       
       „Ich habe mich für sie geschämt und ich habe sie bewundert“, sagt der
       Filmemacher (ebenfalls im Schweizerdeutsch) über seine Zeit als Teenager
       mit seinen Eltern. Die mischten damals in der Schweiz neben ihrer Arbeit
       als Landwirte auch in der Politik mit: Stephanie Baumann-Bieri war
       Nationalrätin für die sozialdemokratische SP, Ruedi Baumann irgendwann zu
       den Grünen gewechselt.
       
       Die beiden kleinen Söhne des landesweit bekannten Polit-Paares mussten die
       vielen kämpferischen Auftritte ihrer Erzeuger in TV-Talkrunden vom
       Wohnzimmersofa anschauen. Im Jahr 2001 verließen Ruedi und Stephanie
       Baumann dann die Politik und übersiedelten für ein größeres Projekt im
       ökologischen Landbau auf neu erworbenes Land im französischen Südwesten.
       
       Neben einer ganzen Palette an Nutzpflanzen und Gehölzen pflegen sie auf
       ihrem Land dabei auch große Magerwiesen mit 27 unterschiedlichen
       Orchideenarten wie der [1][Schnepfen-Ragwurz]. Zu denen reisen Liebhaber
       von weither an.
       
       Doch nach über 20 Jahren Bauernleben ist das Paar nun in dem Alter, in dem
       sich die Frage nach der Zukunft noch einmal neu in Hinblick auf den Verlust
       der Kräfte und das nahende Ende stellt. „Wie lang kann ich das noch?“,
       fragt Stephanie, als sie von der Leiter aus die hohen Fenster putzt.
       
       Ruedi nennt die große Zugmaschine der Traditionsmarke Massey Ferguson zwar
       verniedlichend „Traktörli“. Er hat aber sichtlich Mühe, nach einem
       Arbeitseinsatz die hohen Stufen vom Fahrersitz herabzusteigen.
       
       Doch Weizen, Kartoffeln, Salat und Nüsse müssen weiterhin gesät, gepflegt
       und geerntet werden. Und durch die extrem niedrige Bevölkerungsdichte in
       der Region sind Ärzte und Krankenhäuser weit entfernt.
       
       Was also tun? Im Unterschied zu anderen Familien wurden die Fragen nach der
       Zukunft des Hofs und der beiden dort lebenden Menschen von den Baumanns
       offen angesprochen, auch gegenüber den beiden Söhnen, die sich längst ein
       eigenes Leben anderswo aufgebaut haben. Simon nennt das nahende Erbe im
       Kommentar des Films sogar eine Bedrohung seiner Autonomie.
       
       Doch dann schlägt die professionelle Prägung durch. Konkret heißt das:
       „Gut, wir können reden. Aber ich mache einen Film darüber.“ Jetzt liegt
       dieser Film vor – und greift nach einer ersten Kennenlernrunde mit Hilfe
       des Familienalbums tief in den familiären Hintergrund von Stephanie und
       Ruedi zurück.
       
       ## Die Eltern und ihr Aufstieg
       
       Beide waren in der Nachkriegszeit hinsichtlich Bildung die ersten
       Aufsteiger ihrer Familien. Während die Baumanns seit Generationen als
       selbständige Bauern im Berner Seeland wirtschafteten, waren Stephanies
       Vorfahren besitzlose Verkäuferinnen oder Hausierer.
       
       Aus dieser Situation heraus machte Ruedi als erster seiner Familie im
       Abendgymnasium die Matura. Dann studierte er [2][an der ETH Zürich].
       Stephanie besuchte erst die Handels- und dann die Kunstgewerbeschule in
       Bern und verdiente Geld im Büro. Gemeinsam war ihnen der Kampf gegen den
       Vietnamkrieg und für sozialen Wandel, erzählt Sohn Simon.
       
       Ruedi gehörte zwar zu der Generation von Bauern, die den technischen
       Wechsel vom Pferd zu Traktor und Landmaschinen als elementaren Fortschritt
       begrüßten. Doch wie Stephanie war auch er schon früh ein Verfechter der
       ökologischen Landwirtschaft.
       
       Zurück zur Gegenwart, wo Interessen und Positionen der Beteiligten in
       Sachen Erbschaft nicht feindselig, aber auch nicht deckungsgleich sind.
       Ruedi ist in seinem von [3][Tradition und familiärer Vergangenheit
       gesättigten „Buurenstolz“] der Überzeugung, ein Hof mit Land in der Familie
       sei „ein wahnsinniges Privileg“, auch wegen der Möglichkeit zur Kontrolle
       des Raums um den eigenen Wohnort herum.
       
       Stephanie denkt an eventuell aufkommende Kosten für Krankenhaus und Pflege.
       Und der ältere Sohn [4][Kilian ist zwar als Grünen-Politiker und Landwirt]
       in den elterlichen Fußstapfen unterwegs, hat aber mit dem schon früher
       übernommenen ehemaligen Hof der Eltern im schweizerischen Suberg genug zu
       tun.
       
       ## Ackerland, Einsamkeit und Langeweile
       
       Filmemacher Simon Baumann selbst interessiert sich trotz frühkindlichen
       Beeinflussungsversuchen für [5][Kletten-Labkraut] oder anderes Grünzeug
       höchstens durch das Objektiv der Kamera, im ländlichen Refugium seiner
       Eltern sieht er nur „Ackerland, Einsamkeit und Langeweile“.
       
       Vom elterlichen Sinn für gesellschaftliche Verantwortung und Gerechtigkeit
       ist – zumindest nach eigener Einschätzung – dennoch etwas bei ihm
       angekommen. Auch seine jetzige Wirkungsstätte im Dokumentarfilm gilt ja als
       Instanz möglicher politischer Wirksamkeit.
       
       Interessant ist, dass Simon Baumann den Umstand thematisiert, dass erst die
       materielle Absicherung durch den familiären Hintergrund ihm die
       ökonomischen Risiken des prekären Selbständigen-Lebens erlaubt. Auch sonst
       ist sein Vorgehen erfreulich selbstreflexiv, etwa, wenn es bei der Frage
       nach dem Umgang mit dem elterlichen Erbe mehr und mehr auch um die
       persönliche und gesellschaftliche Verantwortung der Erben geht.
       
       Bei einem angesetzten Großfamiliengespräch über die Optionen zwischen
       Verkauf und Einrichten einer karitativen Stiftung sind es dann die
       angeheirateten Ehefrauen, die mit kritischen Fragen die innerfamiliäre
       Doppelmoral zwischen beschworener „sozialer Verantwortung“ und intendierter
       Steuervermeidung ansprechen.
       
       ## Eine der großen sozialen Ungerechtigkeiten
       
       In einem schönen anderen Erben-Dokumentarfilm aus der Schweiz („Die große
       Erbschaft“, 2010) nutzten die Filmemacher-Brüder Fosco und Donatello Dubini
       die Hinterlassenschaften des alten Hauses ihrer Großeltern im Tessin für
       die Auseinandersetzung mit der Geschichte italienisch-schweizerischer
       Arbeitsmigration. „Wir Erben“ blickt anhand des Erbens aus eher
       privilegierter Position auf die materielle Bedingtheit im Kapitalismus,
       ohne dass dieser Begriff im Film je fiele.
       
       Doch die Institution der Erbschaft ist eine seiner Grundvoraussetzungen –
       und bleibt eine der großen sozialen Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft.
       [6][Sie vergrößert und zementiert die Ungleichheit]. Während
       Riesen-Erbschaften dabei immer wieder im Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit
       stehen, bleibt die innerfamiliäre Weitergabe normaler Wohn-Immobilien meist
       unter dem Radar, ist in Zeiten extremen Mangels an Mietwohnungen aber
       durchaus brisant.
       
       Das konkrete Schicksal des französischen Bauernhauses bleibt im Film offen.
       Doch kurz vor Ende sehen wir auch die materielle Absicherung von Simon
       Baumanns Filmemacher-Existenz in einer schönen alten Ölmühle aus dem
       Familienbesitz im Heimatort. Sie sei ihm als Basis für viele weitere Filme
       von Herzen gegönnt.
       
       21 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Schnepfen-Ragwurz
   DIR [2] /Forscherin-ueber-Epigenetik/!5744430
   DIR [3] /!vn5967431/
   DIR [4] /Streit-ueber-Umweltgesetze-in-der-Schweiz/!5778403
   DIR [5] https://de.wikipedia.org/wiki/Kletten-Labkraut
   DIR [6] /Philosoph-ueber-Abschaffung-von-Erbe/!5936644
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Silvia Hallensleben
       
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