# taz.de -- Kriminologin über ungerechte Justiz: „Mich gucken Ladendetektiv:innen nicht an“
> Vor Gericht sollen alle gleich sein. Tatsächlich kommen Menschen ohne
> Geld in der Justiz schlechter weg als solche mit mehr Ressourcen.
IMG Bild: Ungerechter Blick: Nicht alle geraten im Supermarkt gleichermaßen in den Fokus der Kontrolle
taz: Inwiefern ist die deutsche Strafjustiz ungerecht, Frau Bögelein?
Nicole Bögelein: Das Ergebnis von Gerichtsverfahren und überhaupt der
Kontakt mit der Strafverfolgung ist für Menschen, die weniger Geld haben,
schlechter als für diejenigen, die mehr Geld haben.
taz: Warum ist das so?
Bögelein: Diese Menschen kommen vermehrt in Kontakt mit der Polizei, weil
die Polizei verstärkt diejenigen kontrolliert, die beispielsweise auf der
Straße leben. Oder Jugendgruppen, die da vielleicht rumhängen, weil sie zu
Hause keinen großen Wohnraum haben [1][oder weil sie anders aussehen],
Stichwort Racial Profiling. Hingegen werden andere Bereiche seltener
kontrolliert, gerade wenn wir auf [2][Wirtschafts- und
Unternehmenskriminalität] gucken.
taz: Die Erwartung an die Gerichte ist, dass es zumindest dort ohne Ansehen
der Person weitergeht.
Bögelein: Studien zeigen, dass [3][Menschen, die anwaltlich vertreten
werden], eher eine Einstellung der Klage erreichen oder vor Gericht besser
wegkommen. Eine solche Vertretung haben aber eher Menschen, die über mehr
Geld verfügen.
taz: Spielt es eine Rolle, dass die Richter:innen und
Staatsanwält:innen meist aus sozial besser gestellten Familien stammen?
Bögelein: [4][Ich forsche zum Thema institutioneller Rassismus vor
Gericht]. Uns ist aufgefallen, dass in den Gerichtssälen eine
Strafentscheidung immer vor dem Hintergrund eines typischen weißen,
durchschnittlichen Lebensverlaufs getroffen wird: Was für eine Ausbildung
hat jemand, wie hat der Mensch seine Schule abgeschlossen? Ist der Mensch
gerade in Arbeit? Das ist eine sehr bildungsbürgerliche Idee von Leben, die
viele Menschen, die nicht so einen leichten Einstieg ins Leben hatten,
nicht erfüllen können.
taz: [5][Sie schreiben in einem Aufsatz, dass es nur einen schwachen
Zusammenhang gibt zwischen Armut und Kriminalitätsrate]. Ich fühlte mich
ertappt, weil ich das Gegenteil angenommen hatte.
Bögelein: Unser Bild ist, dass Armut zu Kriminalität führen muss, weil
Menschen versuchen, Geld zu erhalten, auf welchen Wegen auch immer.
Tatsächlich ist es aber so, dass die allermeisten Menschen versuchen,
einigermaßen normangepasst zu leben. Und doch gibt es, wenn wir zum
Beispiel auf Ladendiebstähle gucken, große Unterschiede.
taz: Nämlich?
Bögelein: Wir sehen, dass bei denjenigen, die verurteilt werden, ganz
niedrige Tagessätze bei den Geldstrafen verhängt werden. Aber nur zwei
Prozent aller Ladendiebstähle werden überhaupt entdeckt. Was wir sehen,
hängt ganz wesentlich davon ab, was wir erwarten, wie Kriminalität
aussieht.
taz: Was bedeutet das für die Ladendiebstähle?
Bögelein: Das heißt, dass Ladendetektiv:innen mich zum Beispiel nicht
angucken, wenn ich durch den Laden gehe und etwas klauen würde. Aber
jemand, der aussieht, als würde er auf der Straße leben oder etwa
Jugendliche, die unangenehm auffallen. Und dann finden wir diese Gruppen in
der Strafverfolgung. Aber es wird eher andersrum ein Schuh draus:
Kriminalisierung beschäftigt sich stark mit Gruppen, die arm sind.
taz: Sie fordern, bestimmte Tatbestände aus dem Strafrecht herauszunehmen,
unter anderem das Schwarzfahren. Doch ein entsprechender Vorschlag der
Bundesjustizministerin hat sofort zu Protesten geführt.
Bögelein: Ich gebe Ihnen einen Vergleich: Wenn Sie eine Rechnung bei einem
Handwerksbetrieb nicht bezahlen, ist das keine Straftat. Das Geld ist
abgesichert, weil man es im Rahmen des Zivilrechts einfordern kann. Warum
aber ist es eine Straftat, schwarzzufahren?
taz: Würden in der Justiz dann Kapazitäten frei?
Bögelein: Wenn Sie einmal einen Vormittag in die Verfahren am Amtsgericht
gehen, sehen Sie: Das sind immer Menschen, die eine Suchtbelastung haben,
langzeitarbeitslos sind, Schwierigkeiten haben. Wenn wir das der Justiz,
aber auch der Polizei abnehmen, könnten sie sich mit wichtigeren Dingen
beschäftigen: Umweltverbrechen, Wirtschaftskriminalität, Menschenhandel.
21 Apr 2026
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