URI: 
       # taz.de -- Neuer Roman von Elias Hirschl: Die schweigende Sekte vor deiner Haustür
       
       > Die Verschriftlichung der Verschriftlichung der Verschriftlichung: Elias
       > Hirschls Roman „Schleifen“ ist eine humorvolle Tour de Force durch die
       > Sprachphilosophie.
       
   IMG Bild: Autor and Poetry Slammer Elias Hirschl
       
       Franziska Denk hatte die Pest. Wieder war sie allein wegen der Erwähnung
       des Wortes krank geworden. Irgendwer hatte es gesagt, und sie hatte es
       gehört. Vorher war ihr das bereits mit anderen Krankheiten so ergangen,
       weshalb sie im Wien der 1930er Jahre von ihren Eltern „nur vorab
       kontrollierte, medizin- und krankheitsfreie Bücher zu lesen“ bekam.
       
       Ihre Eltern sind in Elias Hirschls Roman „Schleifen“ die fiktiven
       Sprachforscher Carl Stonebrook und Margarete Denk, Anhänger des ominösen
       mittelalterlichen Philosophen Francesco Savogini, der glaubte, vor dem
       Turmbau zu Babel und der Aufsplitterung in viele Sprachen hätte es eine
       einzige göttliche Universalsprache gegeben. Auf der Suche nach dieser
       ursprünglichen Sprache findet Carl Stonebrook auf einer kleinen Insel im
       Pazifik das Volk der Wanna. „Sie erzeugen Nahrung und Werkzeuge aus bloßen
       Wörtern. Als könnte der flüchtige Lehm der Luft auf ihren Zungen zu fester
       Materie werden.“
       
       Doch nicht alles in „Schleifen“ ist so fantastisch und fiktiv. In dem von
       Franziska Denks Eltern organisierten privaten Savogini-Lesekreis in Wien
       nehmen in Hirschls Roman auch historisch verbürgte Gestalten wie [1][der
       Philosoph Ludwig Wittgenstein] und der Mathematiker Kurt Gödel teil.
       Letzterer sah „das fundamentale Problem der Welt darin […], dass jede
       Erkenntnis über die Welt letzten Endes verschriftlicht werden musste und
       man letztendlich also die Verschriftlichung selbst verschriftlichen müsse,
       weil sie Teil der Welt sei“.
       
       Die Verschriftlichung der Verschriftlichung der Verschriftlichung wird
       dabei zu einem unendlichen Prozess, den man sich als Möbiusschleife
       vorstellen könnte, die Hirschls Roman den Titel gegeben hat. Immer wieder
       kehrt man auf dem scheinbar nur aus einer Kante und einer Fläche
       bestehenden, um sich selbst gedrehten Streifen an den Ausgangspunkt zurück.
       Gödel, der nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland ins
       US-amerikanische Exil gehen musste, verlor sich offenbar zu sehr in seinen
       abstrakten, unendlichen Welten. Er wurde immer paranoider und starb an
       Unterernährung, weil er Angst hatte, vergiftet zu werden.
       
       ## Der steinige Weg zum Nonverbalismus
       
       Auch die Geschichte von Franziska Denk nimmt kein gutes Ende. Nachdem sie
       alle möglichen Krankheiten überstanden hat, versucht sie wie ihre Eltern
       die Welt über die Sprache zu verändern. Allerdings glaubt sie nicht an eine
       Universalsprache hinter all den existierenden und ausgestorbenen Sprachen.
       Stattdessen sieht sie das Problem im Repräsentationscharakter von Sprache
       und setzt darauf, die Dinge selbst sprechen zu lassen. Denn die Dinge sind
       ja für alle gleich, im Gegensatz zu den sie jeweils von Sprache zu Sprache
       unterschiedlich bezeichnenden Wörtern.
       
       Doch der Weg zum Nonverbalismus, zur endgültigen Überwindung des
       babylonischen Sprachenwirrwarrs, der Weg zu Frieden und Gerechtigkeit, ist
       von verschiedenen scheiternden Versuchen gepflastert, die Denk und ihre
       Anhänger immer mehr in die Radikalität treiben. Am Ende wird ihre Bewegung
       zur Sekte, deren Missionare an Wohnungen klingeln und „dann einfach so
       lange schweigend vor den Menschen [standen], bis diese sich der Bewegung
       anschlossen“.
       
       Dem Humor steht diese literarische Tour de Force durch die
       Sprachphilosophie nicht fern. Sie lockert beim Leser den Glauben an die
       Herrschaft des Diskurses über das Leben. So stellt sich zum Beispiel die
       Frage, ob es sinnvoll ist, die Menschen per Gesetz oder Verordnung zu einer
       anderen Sprache zu zwingen. Und ob damit reale Probleme gelöst werden oder
       nicht einfach nur neue entstehen.
       
       Zwar hat [2][Elias Hirschl] mit „Schleifen“ keinen Roman für Freunde des
       literarischen Rausches und der Identifizierung mit dem Helden einer
       Geschichte vorgelegt; aber für die, die wie der alte Brecht im Parkett
       sitzen und die Geschichte, die auf der Bühne gespielt wird, die Konflikte
       und die Entwicklungen als Anregung zum Denken genießen, für die ist
       „Schleifen“ eine große Freude.
       
       22 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Buch-ueber-den-Philosoph-Ludwig-Wittgenstein/!5742200
   DIR [2] /Schriftsteller-Elias-Hirschl/!5985620
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Fokke Joel
       
       ## TAGS
       
   DIR Roman
   DIR Philosophie
   DIR Mathematik
   DIR Österreich
   DIR Literatur
   DIR Klagenfurt
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Schriftsteller Elias Hirschl: Malochen und dabei absaufen
       
       In dem irren Roman „Content“ geht es um Klimawandel, digitale
       Selbstauflösung und prekäre Arbeit im 21. Jahrhundert. Wer ist der Autor
       dahinter?
       
   DIR Neuer Roman von Clemens Setz: Mondblasen und Ehedramen
       
       Clemens J. Setz erzählt vom Außenseiter Peter Bender. Der Roman stellt die
       Frage, wie eine offene Gesellschaft mit kruden Theorien umgehen soll.
       
   DIR Bachmannpreis für Ana Marwan: Ist das noch zu fassen?
       
       46. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Es ging um
       unwirkliche Welten. Ausgezeichnet wurde die Autorin der Erzählung
       „Wechselkröte“