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       # taz.de -- Transnationale Repression: Wie Hanoi gegen Trung Khoa Lê in Berlin vorgeht
       
       > Der von Berlin aus publizierende deutsch-vietnamesische Chefredakteur
       > von Thoibao.de muss sich ständig gegen Angriffe der Regierung in Hanoi
       > wehren. Ein Tagebuch.
       
   IMG Bild: Der Journalist und Unternehmer Trung Khoa Lê im März 2022 in seinem Berliner Büro
       
       August 2008 Nach einem Mediendesignstudium in Weimar gründet Trung Khoa Lê
       in Berlin das vietnamesischsprachige Internetmedium Thoibao.de.
       
       Oktober 2014 Thoibao.de kooperiert mit dem vietnamesischen Staatsmedium
       VietnamNet, berichtet für dieses aus Berlin und übernimmt dessen Berichte
       aus Vietnam.
       
       Juni 2017 Wegen eines Berichts zum G20-Gipfel in Hamburg gerät Lê in
       Konflikt mit Vietnams Botschaft in Berlin. Er beschrieb die Teilnahme des
       vietnamesischen Premiers entsprechend den offiziellen Angaben als Vertreter
       der Apec-Staaten, deren Vorsitz Vietnam damals hatte, und nicht als
       Vertreter eines der 20 wichtigsten Industriestaaten, wie Vietnams
       Staatsmedien es darstellten. Dem Druck der Botschaft, seinen Bericht zu
       ändern, beugt sich Lê nicht. Ein botschaftsnaher Vietnamese droht ihm
       daraufhin verklausuliert mit Mord. Lê stellt Strafanzeige.
       
       Juli 2017 Lê berichtet als erster Journalist über die Entführung des
       abtrünnigen Wirtschaftskaders Trịnh Xuân Thanh durch den vietnamesischen
       Geheimdienst von Berlin nach Hanoi. Vietnam spricht dagegen bis heute von
       einer freiwilligen Rückkehr eines Reumütigen. Seitdem betrachtet Hanoi Lê
       als Staatsfeind.
       
       August 2017 Vietnamesische Staatsfirmen kündigen Werbeverträge mit
       Thoibao.de und VietnamNet den Kooperationsvertrag. Vietnams Regierung
       stellt Thoibao.de hinter eine Firewall.
       
       September bis Dezember 2017 Lê beginnt daraufhin, seine Berichte auf
       Facebook zu posten. Seine Reichweite erhöht sich stark, doch wird Lê in
       sozialen Netzwerken als „Volksverräter“ und „Stinker“ beschimpft und
       bedroht. Zwei Vietnamesinnen filmen ihn in Berlin, stellen sein Foto als
       Steckbrief ins Netz und veröffentlichen Details von seinen Kindern.
       
       Dezember 2017 Zur „Reinigung des Internets von feindlichen Inhalten“ stockt
       Vietnams Regierung das Militär um 10.000 sogenannte Cybersoldaten auf.
       Unter fadenscheinigen Vorwänden werden erstmals Facebookposts von Thoibao
       gelöscht.
       
       Januar 2018 Lês Auftritt bei einem taz-Talk wird mit einem
       Stinkbombenanschlag bedroht, die Polizei schützt die Veranstaltung.
       
       Von Mai 2018 bis heute ist Thoibao.de immer wieder massiven Hackerangriffen
       ausgesetzt. Wegen DDoS-Angriffen muss die Webseite öfter wochenlang vom
       Netz genommen werden. Das Bundeskriminalamt ordnet die Angriffe staatlichen
       Quellen zu. Lê stärkt seine IT-Sicherheit.
       
       April bis Juli 2018 Lê berichtet von dem Prozess gegen einen
       Entführungshelfer von Trịnh Xuân Thanh vor Berlins Kammergericht und
       erreicht in Vietnam ein Millionenpublikum. Berlins Landeskriminalamt (LKA)
       erhält einen anonymen Hinweis mutmaßlich aus dem Umfeld von Vietnams
       Botschaft über eine geplante Tötung Lês mittels Vergiftung oder eines
       fingierten Verkehrsunfalls. Das LKA stellt Lê unter Personenschutz (bis
       heute).
       
       September 2018 Facebook löscht ohne Vorwarnung Lês Facebookseiten wegen
       „Verstoßes gegen Community-Standards“. Reporter ohne Grenzen schaltet sich
       ein. Später räumt Facebook ein, dass Lê ohne sein Wissen von Unbekannten
       zum Administrator einer Facebookseite gemacht worden war, die massiv
       Community-Standards verletzte. Als Konsequenz aus dem Fall schließt
       Facebook weltweit diese Sicherheitslücke. Erst im Dezember 2018 kann Lê
       seine Facebookseiten wieder nutzen.
       
       2019 bis heute Vietnamesische Firmen beanspruchen gegenüber Facebook und
       YouTube Urheberrechte für Medieninhalte von Thoibao.de. Meist haben sie
       diese selbst von Thoibao.de auf ihre eigenen Seiten kopiert und vordatiert.
       Facebook und YouTube verwarnen Thoibao.de wegen Urheberrechtsverletzung
       Dritter. Die finanzielle Beteiligung, die Thoibao.de an Facebooks
       Werbeeinnahmen wegen der sehr hohen Zugriffsrate auf die Thoibao-Seiten
       dort erhält, wird öfter an diese Firmen umgeleitet.
       
       2019/2020 bis heute Immer wieder löschen Facebook und YouTube Videos von
       Lê, weil er bei Abbildung hoher Funktionäre angeblich deren
       Persönlichkeitsrechte verletzt. Nach deutschem Recht müssen Personen des
       öffentlichen Lebens eine Berichterstattung über sich hinnehmen, anders als
       Privatpersonen. In Vietnam ist das nicht geregelt.
       
       Juli 2020 bis 2024 Vietnams Botschaft besteht darauf, dass Lê zur
       Verlängerung seines Reisepasses persönlich erscheint. Das LKA rät ihm aus
       Sicherheitsgründen ab. In seinem deutschen Einbürgerungsverfahren
       verweigert ihm die Botschaft später das Ablegen der vietnamesischen
       Staatsangehörigkeit.
       
       Januar 2021 Der Bayerische Rundfunk und die Zeit decken auf, dass die in
       Kontakt mit Vietnams Regierung stehende Hackergruppe Ocean Lotus
       Spionagesoftware auf Computern vietnamesischer Menschenrechtsverteidiger
       und deutscher Firmen installiert und dies auch bei einer Mitarbeiterin von
       Thoibao.de in Deutschland versucht hat.
       
       Mai 2021 Auf Facebook erscheint eine Todesanzeige für Lê, woraufhin
       Facebook seine Konten und die von Thoibao.de löscht. Auf Lês Widerspruch
       reagiert Facebook nur langsam.
       
       November 2021 Die Facebookseiten von Thoibao.de und vietnamesischsprachigen
       Medien in den USA und Großbritannien werden von einem in Hanoi ansässigen
       Mann gekapert, hinter dem Vietnams Geheimdienst vermutet wird. Thoibao.de
       hat keinen Zugriff mehr auf seine Seiten, der Unbekannte publiziert jetzt
       dort und hat Zugriff auf alle Nachrichten von Informanten und Lesern. Meta
       korrigiert erst nach knapp zwei Wochen den Zugriff.
       
       Anfang 2022 Der vietnamesische Unternehmerverband in Deutschland stellt
       seine Arbeit ein. Lê war 2019 in dessen Vorstand gewählt worden, doch
       andere Vorstandsmitglieder verweigerten die Zusammenarbeit. Einige räumten
       Lê gegenüber ein, auf Druck der vietnamesischen Botschaft zu handeln. Eine
       Neuwahl des Vorstands scheitert bis heute.
       
       Oktober 2023 Amnesty International und das Mediennetzwerk European
       Investigative Collaborations decken einen nur zufällig gescheiterten
       Versuch auf, bei Thoibao.de die Spionagesoftware Predator zu installieren.
       
       Januar 2024 bis heute Meta löscht die Facebookseite Thoibao.news, eine von
       fünf Facebookseiten des Mediums. Lês Beschwerden bleiben unbeantwortet. Zu
       Reporter ohne Grenzen sagte Meta im Mai 2024 zu, die Seite
       wiederherzustellen, was bis heute nicht erfolgt ist. Eine 2025 eingereichte
       Beschwerde bei der Bundesnetzagentur ist bisher ohne Ergebnis.
       
       April 2024 Unbekannte brechen in Lês im Dong Xuan Center geparktes Auto
       ein, ohne etwas zu entwenden.
       
       August 2025 Facebook stellt die Monetarisierung aller Thoibao.de-Kanäle
       weitgehend ein, sodass das Unternehmen kein Geld mehr für die von Facebook
       eingestellte Werbung bekommt, um Mitarbeiter zu bezahlen.
       
       September 2025 bis heute Vietnams reichster Mann, Phạm Nhật Vượng, und sein
       Konzern Vingroup mahnen Lê wegen vier Videos ab. Berlins Landgericht weist
       drei der vier Klagepunkte ab, eine weitere Klage Vượngs weist das Gericht
       ab. Eine dritte Klage von Phạm Nhật Vượng und seinem Autokonzern Vinfast
       geht im Januar 2026 unentschieden aus. Einen SLAPP-Fall will das Gericht
       nicht erkennen.
       
       November/Dezember 2025 Die Staatsanwaltschaft Hanoi klagt Lê und andere
       wegen ihrer publizistischen Tätigkeit an. Im Internet gibt es
       Fahndungsfotos und Aufrufe zur Selbstjustiz und Entführung aus Deutschland.
       Berlins Polizei verstärkt Lês Schutz. Am 31. Dezember wird er in Hanoi in
       Abwesenheit zu 17 Jahren Haft verurteilt wegen „Herstellung von
       Informationen, die sich gegen die Sozialistische Republik Vietnam richten“.
       
       Dezember 2025 bis März 2026: Meta sperrt auf Verlangen Hanois alle
       Facebookseiten von Lê in Vietnam. Dort leben 95 Prozent seiner Nutzer.
       
       Talk „Zensur ohne Grenzen“ der panterstiftung über transnationale
       Repression in Deutschland und Gegenstrategien mit Hannah Neumann (MdEP),
       Trung Khoa Lê (Thoibao.de), Leyla Mustafayeva (Qazetci) und Sven Hansen
       (taz), Montag, 4. Mai, 19 Uhr, taz Kantine und YouTube. Infos:
       [1][taz.de/veranstaltungen]
       
       3 May 2026
       
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   DIR Marina Mai
       
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