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       # taz.de -- Studie über Gestapo Bremen: „ Die Bereitschaft zur Denunziation war generell groß“
       
       > Die Gestapo rekrutierte in Bremen Personal und Zuträger*innen aus der
       > Mitte der Gesellschaft. Wie sie funktionierte, hat Anna Leinen erforscht.
       
   IMG Bild: Heinrich Himmler (Mitte) kurz vor seiner Ernennung zum Inspekteur der Gestapo bei einem Besuch in Bremen am 7. April 1934
       
       taz: Frau Leinen, welche Lücke füllt Ihre neue Studie über die Gestapo in
       Bremen? 
       
       Anna Leinen: Es war zwar bekannt, dass das Gestapogefängnis in der heutigen
       Dokumentationsstätte Ostertorwache lag. Unklar war jedoch, wie die
       Verfolgungsbehörde funktionierte: Wie viele Mitarbeiterinnen und
       Mitarbeiter gab es, wie haben die Institutionen zusammengearbeitet, welche
       Quellen existieren?
       
       taz: Wie gut hat die Bremer Polizei bis dato ihre NS-Vergangenheit
       bearbeitet? 
       
       Leinen: Es gibt einzelne Arbeiten wie etwa Karl Schneiders Buch über die
       [1][Bremer Polizeibataillone] 105 und 303, die sich am Holocaust beteiligt
       hatten. Meine Studie ist allerdings die erste systematische
       Forschungsarbeit zur Bremer Gestapo.
       
       taz: Welche Quellenlage fanden Sie vor? 
       
       Leinen: Ich bin mit dem Wissen in das Projekt gestartet, dass viele
       belastende Akten vernichtet worden waren. Es fehlten zum Beispiel
       Personalakten der Gestapo. Allerdings gab es bis dato nicht ausgewertete
       Akten im Bundesarchiv und im Bremer Staatsarchiv sind Dienstpläne,
       Unterlagen zu Denunziationen und Verhören erhalten und die
       Entnazifizierungsakten.
       
       taz: Wie haben Sie die Struktur der Bremer Gestapo rekonstruiert? 
       
       Leinen: Vieles konnte ich anhand der [2][Entnazifizierungsakten]
       erschließen: Wer hat über wen ausgesagt, wer mit wem zusammengearbeitet?
       Auch die Entschädigungsakten der Verfolgten gaben Aufschluss über
       Einsatzorte und Namen von Täterinnen und Tätern.
       
       taz: Wer bewarb sich überhaupt bei der Bremer Gestapo? 
       
       Leinen: Die Mehrheit war vorher schon im Polizeidienst. Es gab aber auch
       „Quereinsteiger“, die zum Beispiel ursprünglich Bäcker oder Schlachter
       gelernt hatten.
       
       taz: War sie auch eine Institution in der Mitte der Gesellschaft? 
       
       Leinen: Ja. Die Gestapo war keine Behörde, die über der Stadt schwebte und
       über sie hereinbrach. Vielmehr war sie – wie in anderen Städten auch –
       darauf angewiesen, dass man ihr Informationen zutrug. Für den Zeitraum
       zwischen 1933 und 1935 sind in Bremen die Akten zu [3][Denunziationen]
       erhalten. Die Meldungen steigerten sich in ihrem Eifer bis zu dem Angebot,
       die Wohnung zu nutzen, um einen Nachbarn zu bespitzeln. Die Gestapo und
       ihre ZuträgerInnen – das waren BremerInnen, die BremerInnen verfolgt haben.
       
       taz: Haben Sie sich näher mit dem Ausmaß der Denunziation befasst? 
       
       Leinen: Ja, denn da gibt es einen großen Aktenbestand, in dem alle Vorgänge
       exakt verzeichnet sind, nach Themen geordnet – etwa zu verbotenen
       Jugendorganisationen oder verbotenem Radiohören. Wobei mich überrascht hat,
       wie gründlich die Gestapo selbst kleinen, sehr vagen Hinweisen nachging.
       Auf den Hinweis „Da trifft sich der und der abends mit merkwürdigen Leuten“
       wurde jemand monatelang beobachtet. Selbst wenn nichts dabei herauskam,
       wurde derjenige zum Verhör vorgeladen. Es war ein Apparat systematischer
       Einschüchterung.
       
       taz: Warum denunzierten die Leute? 
       
       Leinen: Aus den verschiedensten Gründen – ob aus ideologischer Überzeugung
       oder ausgehend von Konflikten in Familie, Nachbarschaft oder Betrieb.
       
       taz: Ein Beispiel? 
       
       Leinen: Eine Frau äußerte im Ladengeschäft, dass der Krieg bald verloren
       sei. Sie wurde denunziert, verhaftet und hingerichtet. Nach Kriegsende ließ
       sich nicht vollends rekonstruieren, wer sie verraten hatte. Verdächtig
       blieb besonders die Ladenbesitzerin, die bereits in eine andere
       Denunziation verwickelt war. Aber es ließ sich nicht beweisen. Deshalb habe
       ich die Akte nochmals studiert.
       
       taz: Was fanden Sie? 
       
       Leinen: Dass auch die Angestellte des Ladens als Denunziantin infrage kam.
       Sie habe es wiederum später beim Friseur ihrer Mutter erzählt. Auch dort
       hätte es jemand mithören können, was den Kreis möglicher DenunziantInnen
       nochmals vergrößerte, anonymisierte und letztlich dazu führte, dass der
       Kreis der Verdächtigen vor Gericht „entlastet“ war. Die Bereitschaft zur
       Denunziation war generell groß – wobei den Leuten bewusst war, wohin das
       führen konnte. „Schutzhaft“ und harte Strafen wurden deutlich in der
       Zeitung benannt.
       
       taz: Wie groß war das Gewaltpotenzial der Gestapo? 
       
       Leinen: Sie war eine Behörde, die psychische und physische Gewalt ausübte.
       Über psychische Gewalt wird in diesem Kontext bisher zu wenig gesprochen.
       Dabei waren die Spätfolgen auch hier gravierend und führten noch Jahrzehnte
       nach Kriegsende zu Erkrankungen bei den Verfolgten.
       
       taz: Beeinflusste das auch die Nachkriegsprozesse? 
       
       Leinen: Ja – etwa, wenn Gestapobeamte vor Gericht standen und Zeugen
       geladen werden sollten. Es gab immer wieder Fälle, in denen Betroffene
       sagten, sie könnten nicht erscheinen, weil sie es nicht ertrügen, mit dem
       Täter in einem Raum zu sein.
       
       taz: Dann zeigte die Einschüchterung nachhaltig Wirkung. 
       
       Leinen. Ja, und dazu kam, dass die [4][Nachkriegsjustiz] den Aussagen der
       Verfolgten oft stärker zu misstrauen schien, als jenen der Gestapobeamten.
       Die Verfolgten mussten hart und nicht selten vergeblich um Anerkennung
       kämpfen.
       
       taz: Wer zum Beispiel? 
       
       Leinen: Ich weiß von einem Bremer Klempner, der nach Feierabend in der
       Kneipe oder auf dem Heimweg regimekritische Lieder gesungen hatte. Er wurde
       ermahnt, schließlich von der Gestapo in „Schutzhaft“ genommen. Ohne Anklage
       und Prozess kam er für fünf Jahre in ein Konzentrationslager. Er überlebte,
       war aber von der Haft gezeichnet. Da er seinen Beruf nicht mehr ausüben
       konnte, beantragte er nach dem Krieg eine Entschädigung als politisch
       Verfolgter. Hier wollte das Gericht dann sehr genau wissen, in welchem
       Kontext er überhaupt gesungen hatte – und lehnte eine Entschädigung ab: Man
       sprach ihm ein politisches Motiv ab und argumentierte mit seinem
       „[5][Lebenswandel]“. Er sei ja schon zuvor wegen „Trunksucht“ verhaftet
       gewesen, und seine Biografie schließe politisches Engagement aus. Dabei
       hatte die Gestapo ihn schon vor seiner Verhaftung als KPD-nahe Person im
       Blick.
       
       taz: War das ein Einzelfall? 
       
       Leinen: Nein. In [6][Entschädigungsprozessen] schienen Gerichte des Öfteren
       davon auszugehen, dass jemand wegen seines „Lebenswandels“ nicht „geeignet“
       gewesen sei, politisch widerständig zu sein. Auch kleinere Formen des
       Widerstands wurden nicht ernst genommen – selbst, wenn sie für Betroffene
       Konsequenzen hatten.
       
       27 Jul 2026
       
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