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       # taz.de -- Ausstellungen 100 Jahre Bauhaus Dessau: Stahl, Beton, Glas – und öko?
       
       > Vor 100 Jahren zog das Bauhaus nach Dessau. Das wird mit dem
       > Ausstellungsprojekt „An die Substanz“ gefeiert. Was lehrt uns die
       > einflussreiche Kunsthochschule heute?
       
   IMG Bild: Der eigenen Modernität versichern: Blicke vom Treppenhaus der technischen Lehranstalten zum Eingangstrakt des Bauhaus Dessau, 1926
       
       Das Bauhaus bleibt auch 2026 ein Mythos. Die Kunsthochschule gilt als
       Produktionsstätte ästhetischer Modernität mit internationaler Strahlkraft.
       Seit ihre historischen Gebäude im thüringischen Weimar und
       sächsisch-anhaltinischen Dessau nach dem Mauerfall als nationales Erbe
       renoviert wurden, sind sie zu Pilgerstätten der Moderne geworden. Die
       Tourismuswerbung des Landes Sachsen-Anhalt attestiert gar mit dem Slogan
       „modern denken“ eine vermeintliche Weltoffenheit des Bauhauses als geistige
       Grundhaltung für das Bundesland.
       
       Welche Bedeutung die berühmte Kunsthochschule auch für die Zukunft haben
       könnte, das lässt sich 100 Jahre, nachdem das von Direktor Walter Gropius
       entworfene Hochschulgebäude in Dessau eröffnet wurde, neu fragen. Die
       jetzige, fünfteilige Jubiläumsausstellung hält den Mythos attraktiv,
       verweist sie doch auf bis heute ungelöste Probleme. Dafür richtet die
       Leiterin der Stiftung Bauhaus Dessau, Barbara Steiner, den Blick in eine
       bislang wenig beachtete Richtung: die der materiellen Kultur. „An die
       Substanz“ betitelt sie das Jubiläumsprojekt.
       
       Die [1][Versuchsarbeit im Bauhaus] der zwanziger Jahre bietet eine
       hervorragende Basis, um sich die Dimension der Zeit bewusst zu machen, wie
       sie im Begriff der Nachhaltigkeit für die Gegenwart einzufordern ist. Denn
       vor dem Hintergrund ökologischer und energetischer Krisen heute kommt es
       darauf an, die kreative Arbeit von damals aus dieser Perspektive zu
       reflektieren.
       
       Aber zunächst sollte man sich auf den Ausstellungsparcours einlassen, der
       seit Ende März über die Wirkungsstätten des Bauhauses in der Stadt verteilt
       ist. Die baulichen Artefakte aus der Entstehungsphase von 1925/26, das
       Versuchs- und Lehrgebäude mit seinen markanten Glasfenstern wie auch die
       rechtwinkligen Meisterhäuser, wurden seit 1990 als museale Orte angemessen
       renoviert. In dem 2019 eröffneten Neubau für das Bauhaus Museum mit seiner
       [2][glatten Glas-Metall-Fassade, geplant vom spanischen Büro addenda
       architects,] sind Ergebnisse der gestalterischen Arbeit zwischen 1919 und
       1932 in ihrer Vielfalt versammelt.
       
       ## Formexperimente, die den Konventionen widersprechen
       
       An diesen Objekten wird anschaulich, welcher Bruch in Dessau vollzogen
       wurde. Die Formexperimente widerstrebten in jeglicher Hinsicht den
       Konventionen des ästhetischen Akademismus, der in Deutschland bis weit in
       die fünfziger Jahre die Kunstakademien prägte. Man versteht, wodurch das
       Bauhaus zu dieser gefeierten Institution der Moderne wurde, wie der darin
       entstandene „Bauhausstil“ für viele als Echo auf das Zeitbewusstsein des
       „modern“ eingestellten Teils der Bevölkerung gelten konnte.
       
       Die Gründung einer Institution zur Suche nach neuen ästhetischen
       Ausdrucksformen ist untrennbar [3][mit dem Direktor Walter Gropius
       verbunden,] der zwischen 1919 und 1927 in Weimar wie in Dessau die Richtung
       vorgab. Die Exponate veranschaulichen jedoch auch die Unterschiede von
       künstlerischen Arbeitsrichtungen. Bei Gropius ging es um die enge
       Verbindung von Handwerk und moderner Kunst.
       
       Als der sozialistische Gestalter Hannes Meyer 1927 die Bauhaus-Leitung
       übernahm, richtete dieser die Studienprojekte auf den „Volksbedarf“ aus.
       Seine Entwürfe zielten auf funktionale Möbel für das Alltagsleben und
       Dinge, die auch für Geringverdiener erschwinglich sein sollten. Da Meyer
       eine kommunistische Studentengruppe integrierte, wurde ihm dies 1930 als
       Entlassungsgrund vorgehalten. Sein Nachfolger Ludwig Mies van der Rohe
       entwarf wiederum formbetonte Architektur und Ausstattung für das vermögende
       Bürgertum, beispielsweise den Barcelona Chair.
       
       Die Finanzierung des Bauhauses war immer von den politischen Kontexten
       abhängig. Als die Weimarer Phase nach einem Wahlsieg der völkischen Rechten
       1924 mit einer Kürzung der staatlichen Finanzmittel beendet wurde,
       entschied sich Gropius für die Industriestadt Dessau. Es waren die Jahre
       forcierter technischer Modernisierung. Gropius hoffte auf eine
       Zusammenarbeit mit dem Unternehmen von Hugo Juncker, setzte auf
       Gestaltungen mit dem Werkstoff Metall, das bei damals neuartigen
       Haushaltsgeräten wie dem „Gasbadeofen“, Flugzeugen oder Häusern aus Metall
       attraktive Formentwürfe ermöglichte.
       
       ## Optimierter Freischwinger, stilisierte Kännchen
       
       Zudem konnte Gropius in Dessau seine Vorstellungen von funktionaler
       Modernität sofort in programmatische Architektur umsetzen. Mit den
       Meisterhäusern für die Bauhauslehrer Feininger, Klee, Kandinsky und sich
       selbst sind ihm Ikonen moderner Gestaltung gelungen. Diese experimentelle
       Formsuche floss auch in die Möbel Marcel Breuers und Mart Stams, die den
       damals [4][sensationellen „Freischwinger“] so optimierten, dass die
       Federung des gebogenen Stahlrohrs freie Sitzerfahrungen möglich machte.
       
       Die stilisierten Metallkännchen Marianne Brandts überzeugen demgegenüber
       als Kunstobjekte. Beeindruckend ist auch die filigrane Transparenz von
       Wilhelm Wagenfelds Glaskanne für die serielle Industrieproduktion.
       
       In den Jubiläumsausstellungen wird das Material, auf das die
       Entwurfsarbeiten bezogen waren, in Längsschnitten zu seiner jeweiligen
       Industriegeschichte dargestellt: Metall, Glas, Beton und Ziegel bilden die
       Substanz der Moderne. Weil die Bedeutung der materiellen Dingwelt lange
       kaum erkannt war, richtete sich in Ost- wie Westdeutschland die Wahrnehmung
       des Bauhauses zuerst auf die Architektur. In der DDR ließ man das Dessauer
       Bauhausgebäude 1976 restaurieren und eine vorläufige Objektsammlung
       anlegen. In der Bundesrepublik bildete 1968 eine Ausstellung in Stuttgart
       den Ausgangspunkt für das spätere Bauhausarchiv in Berlin.
       
       Nach heutigem Wissensstand ergibt sich, dass in Dessau nie mehr als 120
       Gestalter:innen gleichzeitig versammelt waren, von 1919 bis 1933 gab es
       insgesamt 1.253 Bauhausstudierende, davon ein Drittel Frauen, über die
       Hälfte studierten lediglich zwei Semester. Dennoch konnte sich eine so hohe
       Kreativität mit weltweiter Ausstrahlung entwickeln.
       
       Fälschlicherweise gilt das Bauhaus bis heute als politisch links. Es gab
       jedoch von Anfang an auch rechte Studierende und radikalnationalistische
       Lehrende, zum Beispiel Lothar Schreyer. Bereits 1992 zeigte eine Tagung am
       Berliner Bauhausarchiv, die von Magdalena Droste und Winfried Nerdinger
       veranstaltet wurde, dass auch für die Zeit des Nationalsozialismus eine
       generelle Ablehnung der Moderne nicht zutreffend ist. Führende Bauhäusler,
       unter anderen Herbert Bayer oder Ludwig Mies van der Rohe, arbeiteten nach
       1933 weiter. Ein nicht kleiner Teil der Studierenden schloss sich der NSDAP
       an.
       
       ## Parallele zwischen 1932 und 2026
       
       Als die Weltwirtschaftskrise 1932 ihren Höhepunkt erreichte, kürzte eine
       Mehrheit im Dessauer Rat aus kulturkonservativ-deutschnationalem Bürgertum
       und NSDAP die Finanzierung des Bauhauses, um stattdessen national tradierte
       Kulturprojekte zu fördern. Ähnliches könnte sich jetzt wiederholen, sollte
       nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt die AfD mit ihrer Forderung nach einer
       „patriotischen Wende“ in der Kulturpolitik die Landesregierung übernehmen.
       
       Vielleicht will man gerade deshalb noch vorher in diesem Jubiläumsjahr
       sichtbar machen, welche unterschiedlichen Bauten durch das Bauhaus in
       Dessau entstanden sind. Mit dieser Absicht wurde die Fassade des „Amts für
       Arbeit“ wieder offengelegt. Das Gebäude planten 1928 Gropius und sein Büro
       so, dass die Räume funktional durch verschiebbare Wände an die Zahl der
       Arbeitslosen angepasst werden konnten. 1930 wurde dies bitter nötig.
       
       Im ehemaligen Kaufhaus Zeeck sind aktuelle Projekte von
       Entwickler:innen und Künstler:innen dokumentiert. Sie zielen auf die
       experimentelle Erforschung von Nachhaltigkeit. In dieser Teilausstellung
       unter dem Namen „Algen, Schutt, CO2“ sind Baumaterialien aus Stopfhanf- und
       Hanf-Lehm-Platten zu sehen.
       
       Oder es wird untersucht, wie die hoch umweltschädliche Produktion von
       [5][Beton durch Reststoff- und Weiterverwendungen begrenzt werden könnte.]
       Mit dem Zeeck sind diese Materialien und Projektinformationen in einem
       Gebäude versammelt, das 1908 als moderne Stahlbetonkonstruktion errichtet
       und selbst mit dem Wechsel der politischen Systeme je nach den
       Erfordernissen immer wieder umgestaltet wurde.
       
       ## Öko-Bauhaus
       
       Stellt man also die Frage nach Weiterführungen der durch das Bauhaus
       forcierten Arbeitsformen in der Gegenwart, so könnte es nun darum gehen,
       wie sich das Material, die Substanz, über die Zeit hinweg nachhaltig
       transformieren lässt. Wie weit wird man jetzt in Dessau während der
       geplanten wöchentlichen Freitagsgespräche dabei kommen? Die Wahrnehmung von
       Zeit bleibt der Schlüssel einer ökologischen Perspektive auf die materielle
       Kultur.
       
       19 Apr 2026
       
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