# taz.de -- Das Kollektiv „Club Gewalt“ in Berlin: Apokalyptisches Rauschen
> Man hält den Atem an und die Ohren offen: Die immersive Sound-Performance
> „Noise“ an der Neuköllner Oper fragt nach dem Zustand unserer
> Gesellschaft.
IMG Bild: Das Kollektiv „Club Gewalt“ macht radikal Lärm
Wie klingt er wohl, der Weltuntergang? Knirschend, hallend oder
gleichmäßig, wie das manische Tippen auf einer Tastatur? Wie das Piepen
eines Blutdruckmessers oder das Rauschen in den Ohren, kurz bevor einem
schwarz vor Augen wird? Der Urknall, so heißt es, begann ohne Schall. Ob
das im Rückschluss bedeutet, dass sich auch eine mutmaßliche Apokalypse in
Stille vollzieht, ist zu bezweifeln. Denn unsere Welt existiert nicht ohne
Lärm.
„Noise“, so nennt sich die Sound-Performance des niederländischen
Kollektivs „Club Gewalt“, die in der Neuköllner Oper Premiere feiert. Eine
permanente Geräuschkulisse, mit der dieser Abend zeitgenössischen
Musiktheaters experimentiert, lässt sich bereits im Treppenhaus wahrnehmen.
Knarzende Holzdielen führen in die vierte Etage, Weingläser klirren über
den Tresen und angefangene Gespräche bleiben auf dem Weg zum Sitzplatz in
der Luft hängen.
Wie in einer rechteckigen Arena sitzt man um die leere Bühne, die mit
nichts weiter als vier Keyboards, Mischpulten und Bildschirmen auskommt.
Das Gegenständliche spielt an diesem Abend keine Rolle. Wesentlich ist
nicht, wie etwas ist, sondern wie es klingt. Zwischen Operette,
Soundinstallation und Spoken-Word-Performance sucht der Abend nach den
Tönen und Zwischentönen einer von Polykrisen erschütterten Welt, die sich
mehr und mehr in den Abgrund manövriert.
Lärm wird zum Gradmesser für den Zustand der Gesellschaft. Denn, so will
die Performance spür- und hörbar machen: Je lauter es ist, desto näher
stehen wir vor dem Kollaps. Was hier als Sinnbild der Gegenwart zugespitzt
wird, ist per se kein neues Phänomen. Vom Zischen und Kreischen der
Eisenbahn als apokalyptischem Symbol der Moderne schrieb man schon um die
Jahrhundertwende.
## Es rauscht und rattert
Schlaglichtartig dozieren die Performer:innen durch Termini der
Neurologie, umkreisen Stresszyklen, [1][beschwören die Amygdala], die im
menschlichen Gehirn Emotionen reguliert. Es rauscht und rattert im Kopf,
die Augen fliegen über die deutschen Übertitel, die dem Tempo der auf
Englisch gesprochenen Sätze kaum hinterherkommen. Als die
Darsteller:innen dann zu einer gemeinsamen Atemübung aufrufen, wird der
Bühnenraum zur Lunge, die Einatmung der Einzelnen zum kollektiven Luftzug.
In uniformen Kostümen aus grauen Nadelstreifenanzügen, roten Schuhen und
roten Langhaarperücken, verkörpern die Performer:innen ein und dieselbe
Person (Kostüm: Mayan Tuulia Frank). Irgendwann stülpen sie sich
Körperteile aus Schaumstoff über, die an [2][surrealistische Figuren von
Dalí] erinnern. Ohren auf dem Rücken wie Flügelpaare und Beine, die sie von
hinten umschlingen.
Dem Kollektiv „Club Gewalt“ gelingt es, das Publikum nicht nur
intellektuell, sondern vor allem in der eigenen körperlichen Wahrnehmung zu
stimulieren. Auf jeden gesetzten Reiz folgt eine unmittelbare Reaktion:
„Fight or Flight“, flackert es über die signalroten Bildschirme, die jeden
eigenen Gedanken verblenden. Immer drängender und unausweichlicher wird der
Lärmpegel, der das Nervensystem hochpeitscht und an das Sirren der
Maschinen in [3][David Lynchs] groteskem Kultfilm „Eraserhead“ erinnert.
Wie ein Gewitter brechen die Sounds aus den Lautsprechern, auf der Bühne
wütet der totale Krach: anrollende Bässe und splitternde Synthesizer, unter
denen man sich wegducken möchte.
Kurz blitzt der Gedanke an die Noise-Cancelling-Kopfhörer in der Tasche
auf, ohne die der Alltag nicht mehr funktioniert. Plötzlich wird es still
auf der Bühne, nur das Tippen fliegender Finger auf einer Tastatur. „Kannst
du den Raum hören, den du zurückgelassen hast?“, liest man auf den
Bildschirmen. Nachdenkliche Fragen, die eine der Performerinnen live
eintippt, füllen den Raum: „Kannst du die Risse hören?“ Tatsächlich meint
man, die Abwesenheit des Lärms hören zu können, die Ruhe nach dem Sturm.
Übersteuert und berauscht entlässt einen dieser Abend in die
Karl-Marx-Straße, hinaus ins permanente Tosen der Stadt.
19 Apr 2026
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## AUTOREN
DIR Ella Rendtorff
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