URI: 
       # taz.de -- Berliner Krisentheater: Der Chor brüllt – und keiner hört zu
       
       > Mit „Kassandra or Songs of the Canaries“ bündelt Marta Górnicka die
       > Stimmen der Ignorierten – als letzte Premiere an Shermin Langhoffs Gorki
       > Theater.
       
   IMG Bild: Brüllen, Hecheln, Flüstern, Singen, Tanzen: Dieser Chor fordert ein atemloses, furioses Verbünden ein
       
       Der Abend beginnt mit maximalem Angriff. Kaum hat sich das Publikum im Saal
       sortiert, da schreien drei Frauen los – von Podesten, vom Balkon, vom
       Bühnenrand, gleichzeitig auf Deutsch und Englisch. Es ist laut, zu laut,
       gezielt zu laut … und dann die erste Leitplanke für die Orientierungslosen:
       ein Bild von [1][Jan Karski], Kurier der polnischen Exilregierung, einer
       der ersten, der 1942 vom Holocaust berichtete – und nicht gehört wurde.
       Kaum ein Zufall, dass dieser Name gleich am Anfang auftaucht, denn auch die
       Regisseurin kommt aus Polen.
       
       Mitten im Raum steht [2][Marta Górnicka], die seit Jahren radikale
       Chorarbeiten entwickelt, in denen sie Stimmen bündelt, die sonst im
       politischen Diskurs bestenfalls als Hintergrundrauschen vorkommen. Doch
       diesmal geht es nicht wie in ihren letzten Stücken um eine konkrete Gruppe
       – nicht um jüdische oder arabische Mütter, nicht um [3][Frauen aus der
       Ukraine oder Belarus] –, sondern um das Prinzip des Ungehörtseins selbst.
       
       „Kassandra or Songs of the Canaries“, das am Samstag in Berliner Gorki
       Theater Premiere feierte, nimmt sich die Figur der trojanischen Seherin zur
       Brust, die alles sieht und niemanden erreicht, in feministischer Lesart die
       politische Erzählerin, die patriarchale Gewalt zerlegt. Górnicka schleudert
       sie in die Gegenwart, wo das Kassandra-Syndrom Alltag ist – man denke
       allein an die Klimakrise: Warnungen werden ausgesprochen, Fakten liegen auf
       dem Tisch, und trotzdem passiert … nichts. Wer so lebt, verliert den Halt:
       Wut und Zweifel, bis die Stimmen ins Schrille kippen oder verstummen.
       
       Dass dieses Stück die letzte Premiere unter Shermin Langhoff am Maxim Gorki
       Theater ist, legt wie ein dunkler Akkord unter diesem Abend. Seit 2013 hat
       Langhoff das Haus zur lautesten, lustigsten, streitbarsten Bühne der
       Republik gemacht – ein Ort, an dem Migration kein Thema war, sondern
       Betriebssystem –, doch 13 Jahre später ist diese Community unter Druck
       geraten. Parallel zu den gesellschaftlichen Krisen kamen die internen, mit
       [4][Vorwürfen von Machtmissbrauch], mit beschädigtem Vertrauen, das sich
       auch durch volle Säle schwer reparieren ließ.
       
       ## Die Gewalt der Ignoranz
       
       Zurück zur Bühne. 24 Sängerinnen stehen da, die Górnicka von einem
       erleuchteten Podest im Parkett dirigiert und unter Starkstrom setzt –
       darunter mit Aziza A. und Sophia Slamani, Berliner Rapperinnen der
       verschiedensten Generationen, Performerinnen aus Polen, Frankreich, der
       Ukraine, Schauspielerinnen des inklusiven [5][Theaters Thikwa], Kinder,
       Jugendliche … ein Chor, der alles andere als homogen ist.
       
       Und dann geht es los: Brüllen, Hecheln, Flüstern, Singen, Tanzen. Stimmen,
       Körper, Text verdichten sich zu einem Druck, der weniger argumentiert als
       trifft – und es stellt sich dieser typische Górnicka-Rausch ein, von dem
       Kritiken sagen, er sei manchmal zu schmerzhaft, zu überwältigend. Aber
       genau darin liegt ihre Kraft: im atemlosen, furiosen Verbünden. Das ist
       kein Chor, der – wie im antiken Theater – kommentiert, sondern einer, der
       eingreift, der sagt: Wir sind viele, wir können auch einstimmig.
       
       Worum es konkret geht, blitzt immer wieder auf – nicht als Argument,
       sondern als Frontalangriff. Górnicka montiert Schlagzeilen und Sprechblasen
       aus der so genannten bürgerlichen Mitte zu einem frappierenden Kanon, lässt
       den Chor bekannte Äußerungen von Olaf Scholz und Friedrich Merz über
       [6][Abschiebungen], das [7][Stadtbild] oder den [8][Bundestag als
       Zirkuszelt] so verfremden, dass sie ihre ganze Kälte entfalten.
       
       Die konkreten Inhalte kommen später. In den ruhigeren Monologen treten
       einzelne Stimmen aus dem Kollektiv, erzählen von der Ukraine, vom Iran, von
       Palästina, Klimakrise, deutscher Erinnerungspolitik. Das ist der Moment, an
       dem der Abend kurz an Spannung verliert – denn am besten bleibt er dort, wo
       er sich wie ein grobschlächtiges Punkkonzert anfühlt: unfrisiert,
       unzensiert, ohne Selbstkorrektur. Wo es nicht um die Krisen geht, sondern
       um das, was sie verbindet: die Gewalt der Ignoranz.
       
       Am Ende bleibt vielleicht vor allem eine Interpretation des Kinderliedes
       „Der Bauer schickt den Jockel aus“ hängen, ursprünglich ein jüdisches
       Pessach-Lied. So geschichtet, zerlegt, durch den Raum getrieben wie hier im
       Gorki hat es dieses Lied noch nie gegeben: Der Jockel soll den Hafer mähen
       – aber er mäht ihn nicht, er tut nichts. Was das mit Kassandra zu tun hat?
       Auch hier wird jemand nicht ernst genommen. Allerdings ist es diesmal nicht
       der Subalterne, sondern der Chef, dessen Ansagen ins Leere laufen.
       
       Genau da liegt der Stachel dieses Abends: Zuhören ist keine moralische
       Kategorie, sondern eine Entscheidung. Es wäre schon ein Anfang, auf die
       Richtigen nicht zu hören.
       
       19 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Neue-Biografie-ueber-Jan-Karski/!5046808
   DIR [2] /Regisseurin-ueber-die-Klimakrise/!5815052
   DIR [3] /Chorstueck-mit-ukrainischen-Frauen/!5967140
   DIR [4] /Mobbingvorwuerfe-gegen-Gorki-Intendantin/!5769299
   DIR [5] /Krisentheater-in-Berlin/!6150171
   DIR [6] /Migrationspolitik-der-SPD/!6037541
   DIR [7] /Merz-Aeusserung-zum-Stadtbild/!6116817
   DIR [8] /Friedrich-Merz-Queerfeindlichkeit/!6094716
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Susanne Messmer
       
       ## TAGS
       
   DIR Theater Berlin
   DIR Maxim Gorki Theater
   DIR Kultur in Berlin
   DIR Shermin Langhoff
   DIR Theater
   DIR Theater
   DIR Theater
   DIR Theater
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Maggie Nelson an der Berliner Schaubühne: Mittelmäßige Depression
       
       Die Schaubühne eröffnet das FIND-Festival mit Katie Mitchells Inszenierung
       von Maggie Nelsons „Bluets“ und enttäuscht mit viel Technik und wenig
       Körper.
       
   DIR Lars Eidinger an der Schaubühne: Ein Ekel sondergleichen
       
       Über zehn Jahre nach „Richard III“ inszeniert Thomas Ostermeier ein neues
       Stück mit Lars Eidinger in der Hauptrolle: Molières „Der Geizige“.
       
   DIR „Kinder der Sonne“ im Berliner Ensemble: Klassenfragen über den Körper verhandeln
       
       Laura Linnenbaum inszeniert „Kinder der Sonne“ von Jakob Nolte nach Maxim
       Gorki am Berliner Ensemble. Heraus kommt eine dichte Milieustudie auf
       schwarzem Asphalt.