# taz.de -- Temporäre Waffenruhe im Libanon: Kriegsmüde – und dennoch für den Krieg
> Einer Umfrage zufolge wollen 80 Prozent der Israelis, dass der Krieg
> gegen die Hisbollah im Libanon fortgesetzt wird. Die Angst vor der Miliz
> ist groß.
IMG Bild: Brüchige Waffenruhe: Zwei israelische Soldaten wurden am Wochenende durch Sprengfallen getötet
In der Pension Villa Mondschein im israelischen Grenzdorf Chanita stehen
sauber aufgereihte Liegen am Pool, kaum 500 Meter von der Grenze zu Libanon
entfernt. „Nur die Gäste fehlen“, sagt Inhaber Matan Amir der taz am
Telefon. Er traut der seit Freitag geltenden zehntägigen Feuerpause
zwischen Israel und der proiranischen Hisbollah-Miliz nicht: [1][„Es kann
jederzeit wieder explodieren.“]
Am jüdischen Pessachfest, das jüngst gefeiert wurde, und dem anstehenden
israelischen Nationalfeiertag sei er normalerweise lange im Voraus
ausgebucht, sagt der 34-Jährige. Amir könnte sich also über die Waffenruhe
freuen. Stattdessen nennt er sie „eine Katastrophe“. Er ist dafür, den
Krieg fortzusetzen, „bis die Hisbollah beseitigt ist.“ Auf die
Ankündigungen von US-Präsident Donald Trump über ein „historisches
Friedensabkommen mit Libanon“ gibt er wenig.
Libanon hat den Kriegseintritt der Schiiten-Miliz aufseiten Irans vor sechs
Wochen teuer bezahlt: Mehr als 2.000 Menschen wurden laut libanesischen
Angaben bei israelischen Angriffen getötet, darunter über 170 Kinder, 260
Frauen und 91 Rettungssanitäter.
Auf der anderen Seite der Grenze versuchen in diesen Tagen Zehntausende
Libanesen zurück in ihre Dörfer im Süden zu kommen. Einen breiten Streifen
entlang der Grenze hält [2][Israel] weiterhin besetzt. Dennoch feiert sich
die Hisbollah als Sieger, weil sie noch existiert – und nicht wenige
Israelis sehen das ähnlich.
## US-Präsident Trump setzt Netanjahu unter Druck
In Kirjat Schmona, ganz im Norden Israels, hat die Stadtverwaltung am
Sonntag zu einem Streik gegen die Waffenruhe aufgerufen. Der Norden müsse
das Abkommen „mit Blut und zerstörten Häusern“ bezahlen, sagte Moshe
Davidovich vom „Forum der Grenzgemeinden“. Viele in Nordisrael wollen, dass
der Krieg weitergeht.
Eine von ihnen ist die 50-jährige Maja, die kurz vor dem US-israelischen
Angriff auf Iran ein kleines Café in Kirjat Schmona eröffnet hat. Ein
Neustart, nachdem sie – wie rund 60.000 andere Israelis – [3][wegen des
Krieges nach dem 7. Oktober 2023 temporär nach Tel Aviv verzogen war]. „Ich
habe einiges investiert und musste nach drei Monaten wieder schließen“,
sagt sie. Und glaubt nicht, dass diese Waffenruhe mehr als eine Pause ist.
„Sie haben uns schon zuvor erzählt, es sei das Ende der Hisbollah, und
danach wurde die Situation noch bedrohlicher.“
Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu wurde die Kampfpause wohl
aufgezwungen, nachdem zuvor die Waffenruhe im Irankrieg beinahe an der
Welle israelischer Angriffe im Libanon gescheitert war. Er habe sie nur
„auf Bitten [4][meines Freundes Präsident Trump]“ akzeptiert, sagt er
selbst.
Nicht nur das: Israels Handlungsfreiheit scheint derzeit äußerst begrenzt.
Das war zuvor anders: Die letzte Feuerpause an der libanesischen Grenze –
von November 2024 bis März 2026 – ließ sich kaum als solche bezeichnen. Sie
galt ähnlich wie im Gazastreifen vor allem für die Gegenseite, während
Israel die Ausnahmeregelung für „notwendige Maßnahmen zur
Selbstverteidigung“ für beinahe tägliche Angriffe nutzte. Beispiellos
deutlich schrieb Trump dann aber kurz nach Beginn der jetzigen Feuerpause
bei seinem Onlinedienst Truth Social: Israel sei es „VERBOTEN“, weiter
anzugreifen.
Auch diesmal ist die Waffenruhe brüchig: Zwei israelische Soldaten wurden
am Wochenende durch Sprengfallen getötet, ein französischer Soldat [5][der
UN-Friedenstruppen UNIFIL] starb bei einem Angriff, wohl seitens der
Hisbollah, auf einer Patrouille. Die Miliz weist die Verantwortung für den
Angriff zurück.
## Eine Besatzung durch Israel könnte die Hisbollah stärken
Nicht nur Netanjahu will weiterkämpfen: Einer Umfrage des Israelischen
Demokratie-Instituts zufolge sind auch 80 Prozent der jüdischen Israelis
dafür, die Angriffe auf die Hisbollah im Libanon fortzusetzen.
Oppositionsführer Yair Lapid sagte, der israelischen Armee solle es erlaubt
sein, „ihr Ziel zu erreichen“.
Durchschlagende Erfolge kann Israel mit Blick auf die Kriegsziele bisher
weder im Libanon noch in Iran vorweisen: Laut Angaben des israelischen
Militärs sei das Regime in Teheran zwar schwer getroffen, das Atomprogramm
aber weiterhin eine Bedrohung. Auch seine Produktion ballistischer Raketen
könne Teheran demnach schnell wieder aufnehmen. [6][Ein Regimewechsel sei
derzeit unwahrscheinlich.] Und auch im Libanon scheint eine Entwaffnung der
Hisbollah kaum in Reichweite.
Im Gegenteil: Der Miliz gelang es während der letzten Waffenruhe, wieder
aufzurüsten. Die libanesische Regierung gab zwar an, Waffen beschlagnahmt
zu haben. Sie schreckt aber auch aus Angst vor einem Bürgerkrieg vor einem
gewaltsamen Vorgehen gegen die Miliz zurück. Israel hatte in der
Vergangenheit mehrfach Teile von Libanon besetzt. Letztlich hat es die
Hisbollah meist gestärkt.
Dennoch richtet sich Israels Armee derzeit offenbar erneut auf eine
Besatzung ein. Und schafft ähnlich wie im Gazastreifen Fakten. Hinter einer
„gelben Linie“, rund 20 Kilometer südlich des Flusses Litani, soll ein
Grenzstreifen unter Kontrolle der Armee bleiben. Dort werden laut einem
Bericht der israelischen Zeitung Haaretz systematisch Ortschaften mit
schwerem Gerät abgerissen, um Bewohner an der Rückkehr zu hindern.
Verteidigungsminister Israel Katz sagte jüngst: Grenznahe Gebäude würden
[7][„dem Modell in Rafah und Beit Hanoun in Gaza entsprechend“] zerstört.
19 Apr 2026
## LINKS
DIR [1] /Waffenruhe-Israel-und-Hisbollah/!6050065
DIR [2] /Zusammenleben-in-Israel/!6155624
DIR [3] /Verlassene-Nordgrenze-Israels/!5985566
DIR [4] /Das-Evangelium-nach-Donald-Trump/!6168146
DIR [5] /Ende-der-UN-Mission-im-Libanon/!6155387
DIR [6] /Iran-und-der-Krieg/!6171270
DIR [7] /Humanitaere-Lage-im-Gazastreifen/!6169490
## AUTOREN
DIR Felix Wellisch
## TAGS
DIR Schwerpunkt Iran-Krieg
DIR Benjamin Netanjahu
DIR Israel
DIR Libanon-Krieg
DIR Schwerpunkt Nahost-Konflikt
DIR Schwerpunkt Iran-Krieg
DIR Israel
DIR Schwerpunkt Nahost-Konflikt
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Krieg zwischen Israel und Libanon: Waffenruhe um drei Wochen verlängert
Am Sonntag sollte die Feuerpause zwischen Israel und Libanon enden. Laut
US-Präsident Trump wird sie nun darüber hinausgehen. Unterdessen dauerten
die gegenseitigen Angriffe an.
DIR Konflikt am Golf: Das Pokerspiel von Hormus
Im Ringen zwischen USA und Iran bleibt die Lage unübersichtlich. Waffenruhe
und Drohungen um die Straße von Hormus wechseln sich ab.
DIR Deutsch-israelische Beziehungen: Israelischer Minister teilt gegen Merz aus
Auf Kritik von Bundeskanzler Merz am israelischen Vorgehen im
Westjordanland reagiert der rechte Hardliner Smotrich mit einem heftigen
Angriff.
DIR Waffenruhe Israel und Hisbollah: Es fehlt der Glaube
Die brüchige Waffenruhe mit der Hisbollah spaltet die Menschen im Norden
Israels. Die einen wollen weiterkämpfen, den anderen geht die Einigung
nicht weit genug.