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       # taz.de -- Energiewende: Türkei setzt auf Sonne und Kohle
       
       > Die Erdoğan-Regierung bringt die Energiewende voran – auch, um bald als
       > Gastgeberin der Weltklimakonferenz zu glänzen. Fossile Energie soll aber
       > bleiben.
       
   IMG Bild: Das Solarkraftwerk in Konya, Türkei, ist das größte in Europa und eines der größten weltweit
       
       Vor Kurzem [1][veröffentlichte] der europäische Thinktank Ember eine
       erstaunliche Zahl: Die [2][Türkei] hat im europäischen Vergleich die bei
       weitem größten Batteriespeicherkapazitäten. Während es in Deutschland nur
       12 bis 13 Gigawatt sind, bringt es die Türkei auf mehr als 33 Gigawatt
       Batteriespeicherkapazität.
       
       Batteriespeicher spielen eine Schlüsselrolle bei der Stromversorgung durch
       erneuerbare Energien. Sie speichern Strom von Wind und Sonnenenergie, der
       dann ins Netz eingespeist werden kann, wenn der Wind nicht weht und die
       Sonne nicht scheint. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU)
       will solche Phasen in Deutschland vor allem mit – teils neuen –
       Gaskraftwerken überbrücken. Fachleute fordern allerdings auch viel mehr
       Investitionen in Speicher und den Ausbau der Stromnetze, um Ökostrom
       dorthin zu transportieren, wo er gebraucht wird.
       
       Ausgerechnet die rechte und wirtschaftspolitisch neoliberale Regierung von
       Präsident Recep Tayyip Erdoğan tut erstaunlicherweise genau das. „Vor zwei
       Jahren hat die türkische Regierung Entscheidungen getroffen, die zu
       massiven Investitionen in Batteriespeicher geführt haben“, sagte Ufuk
       Alparslan, der türkische Repräsentant von Ember, gegenüber dem britischen
       Guardian. „Wenn diese Speicherkapazitäten tatsächlich alle angeschafft
       werden, kann die türkische Batteriepipeline das Rückgrat eines neuen
       sauberen regionalen Energiezentrums werden.“
       
       Eine dieser politischen Entscheidungen war, dass Solarstromanlagen, die
       gleichzeitig Batteriespeicher zur Verfügung haben, ihren Strom vorrangig
       ins Netz einspeisen dürfen. Das hat nicht nur den Bau von Batteriespeichern
       vorangebracht, sondern die Solarenergie in der Türkei insgesamt.
       
       ## Fortschritte bei der Solarenergie
       
       Jahrelang war Solarenergie in der Türkei sträflich vernachlässigt worden.
       Bis 2010 schätzte die Internationale Energieagentur in ihren Berichten,
       dass die Türkei überhaupt nur drei Prozent ihres enormen Potenzials von
       Solarenergie nutzen würde. Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert.
       Laut Ember hat sich der prozentuale Anteil der Solarenergie am Strommix
       allein von 2023 bis 2025 von 6,7 auf 13,4 Prozent verdoppelt. Zum
       Vergleich: In Deutschland waren es im vergangenen Jahr [3][laut Thinktank
       Agora Energiewende] 18 Prozent.
       
       Der Ausbau von Batteriespeicherkapazitäten und Solarenergie in der Türkei
       dürfte zügig weitergehen, schließlich will die türkische Regierung sich bei
       der Weltklimakonferenz COP 31, die in diesem November im türkischen Antalya
       stattfinden wird, mit dem Ausbau ihrer erneuerbaren Energien schmücken.
       
       Bis 2035, so der Plan, soll die Leistung von Solar- und Windstrom von jetzt
       40 Gigawatt auf 120 Gigawatt verdreifacht werden. Die dramatisch fallenden
       Preise für Solarpaneele, Batteriespeicher und das übrige Equipment für
       erneuerbare Energien durch die Überproduktion in China könnten für die
       Türkei der Game-Changer bei der sauberen Energie werden.
       
       Es würde die Türkei darüber hinaus auch unabhängig von den teuren Importen
       fossiler Energie machen, doch so weit ist es noch längst nicht. Erstens
       stammt immer noch mehr als die Hälfte des Stroms aus fossiler Energie. Und
       zweitens ist die bislang wichtigste Säule der erneuerbaren Energie in der
       Türkei die Wasserkraft, im Jahr 2022 macht sie ein Fünftel des Strommixes
       aus. Es gibt eine Vielzahl von Staudämmen, darunter allein 18 an den
       Oberläufen von Euphrat und Tigris.
       
       Laut Ember-Report haben die Dürren der vergangenen Jahre allerdings dazu
       geführt, dass der Strom aus Wasserkraft wegen drastisch gesunkener
       Füllstände in den Staudämmen um gut 6 Prozent zurückgegangen ist. Obwohl es
       in diesem Winter endlich wieder überdurchschnittlich viel geregnet hat,
       wird der Klimawandel wohl mittelfristig dazu führen, dass die
       Wasserkraftwerke eher weniger leisten können. Allein das muss durch
       Solarenergie oder Windräder erst einmal kompensiert werden.
       
       ## Trotz allem kein Abschied von den Fossilen
       
       Die türkische Regierung setzt aber nicht nur auf erneuerbare Energie,
       sondern auch auf den Ausbau der klimaschädlichen Kohleverstromung. Dafür
       wird hauptsächlich die besonders schmutzige Braunkohle verbrannt. Außerdem
       zerstört der Braunkohletagebau massiv ökologisch wertvolle Landschaften im
       Südwesten der Türkei. Gegen heftigen Widerstand der Bevölkerung werden
       großflächig Wälder und Olivenhaine abgeholzt sowie ganze Dörfer geräumt. So
       können sich die Riesenbagger weiter durch uralte Kulturlandschaften
       fressen. Da die Türkei neben Öl und Gas auch immer noch Kohle importieren
       muss, will man den Anteil der Importkohle so senken.
       
       Der Guardian berichtet, ein erster Entwurf für einen Beschluss der COP 31
       würde den heftig diskutierten weltweiten Ausstieg aus den fossilen Energien
       gar nicht thematisieren. Die Türkei ist zwar kein Ölstaat, will aber von
       den Fossilen immer noch nicht lassen. Ergänzend dazu setzt Erdoğan auf
       Atomstrom. In wenigen Jahren soll ein von Russland gebauter Atommeiler am
       Mittelmeer den ersten Strom liefern, zwei weitere AKWs am Schwarzen Meer
       sind in Planung.
       
       Erdoğan setzt also nicht vorrangig auf Solarenergie, sondern will einen Mix
       aus Erneuerbaren, Kohlestrom und Atomstrom. Türkische Umweltschützer, die
       einen Protestgipfel als Gegenentwurf zur COP 31 organisieren wollen, haben
       deshalb wenig Hoffnung, dass die Verhandlungen in der Türkei etwas zum
       weltweiten Ausstieg aus den fossilen Energien beitragen werden.
       
       19 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://ember-energy.org/latest-updates/turkiye-outranks-all-eu-country-for-battery-projects/
   DIR [2] /Tuerkei/!t5404167
   DIR [3] https://www.agora-energiewende.de/fileadmin/Projekte/2025/2025-28_DE_JAW25/A-EW_391_Die_Energiewende_in_Deutschland_Stand_der_Dinge_2025_WEB.pdf
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jürgen Gottschlich
       
       ## TAGS
       
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