# taz.de -- Choreografin Zufit Simon: Scharf konturierte Bewegungen
> Zufit Simon seziert Protestformen und setzt sie wieder neu zusammen. Ihr
> neustes Stück „The Fight Club“ eröffnet das Best OFF Festival Freier
> Theater.
IMG Bild: Die Tänzerin und Choreografin Zufit Simon
Rhythmisches Gehen, stoßweises Atmen, pumpende Arme und Fäuste: Betrachtet
man die vier Performer:innen in den Probenvideos von „The Fight Club“,
identifiziert man viele bekannte Bewegungen aus dem Repertoire der
Choreografin Zufit Simon. Auch die Posen, die prompt eingenommen werden,
sich aber auch langsam verwandeln können, oder die elektronische, mit
verfremdeten Stimmen durchsetzte Musik von Fredrik Olofsson. Und doch gibt
es Neues in Simons aktuellem Stück, das am 23. April [1][das Best OFF
Festival Freier Theater] der Stiftung Niedersachsen in Hannover eröffnen
wird.
Stehen bei Simon meist Frauen und als weiblich gelesene Performer*innen
im Zentrum, gehen die körperlichen Formen von Protest und Widerstand, mit
denen sie sich hier zum dritten Mal beschäftigt, deutlich in Richtung Kampf
und (männliches) Imponiergehabe.
Schon „Radical Cheerleading“, ihr erstes Stück zu ähnlicher Thematik,
erhielt 2024 den Preis des Best OFF Festivals – der Grund für Simons
diesjährige Festivaleröffnung. Die 1980 in Israel geborene Tänzerin und
Choreografin lebt seit 25 Jahren in Deutschland. Dietrich Oberländers
Braunschweiger artblau Tanzwerkstatt förderte und produzierte ihre Arbeiten
von Beginn an.
2016 wurde die Konzeptionsförderung vom Niedersächsischen Ministerium für
Kunst und Kultur gestrichen, 2024 musste das [2][LOT-Theater], in dem viele
von Simons Arbeiten uraufgeführt wurden, insolvenzbedingt schließen. „Der
Wegfall dieser nicht nur für mich, sondern für die gesamte freie Szene
wichtigen Infrastruktur bedeutet einen herben Verlust an Planungssicherheit
und Unterstützung“, so Simon.
## In München liegen Simons Anfänge
Dass sie dieser Verlust nicht mit voller Wucht trifft, liegt daran, dass
sie seit jeher im Dreieck München-Braunschweig-Berlin arbeitet und mit
ihrem „großen Rucksack“ zwischen den dort lebenden Koproduzent*innen
und künstlerischen Kombattant*innen unterwegs ist.
In München stand sie erstmals 2002 in „Tower of Babel“ der Company
CobosMika auf der Bühne, stellte in Arbeiten von Sabine Glenz und Micha
Purucker ihre Präsenz unter Beweis und zeigte fast alle eigenen Stücke
hier. 2025 erhielt Zufit Simon im Alter von 45 Jahren den Münchner
Tanzpreis für ihr Lebenswerk. In seiner Laudatio pries Micha Purucker ihre
Furchtlosigkeit und ihren „unvermieteten Kopf“. Auch die Autorin dieses
Textes hielt damals dort eine Lobrede auf Leben und Werk der Choreografin.
Zufit Simons Arbeiten haben etwas Kühles, sind aber nicht steril. Sie sind
kein tänzerisches Storytelling, haben nichts Dekoratives und fordern frei
nach Brecht auch nicht zum romantischen Glotzen auf. Der Wille zur Form
verdeckt in ihnen nie die Lust auf Bewegung. Ihr Tanz ist wie ein Produkt
aus der Molekularküche: Eine Essenz, in der aber noch der volle Geschmack
der Zutaten steckt. Und die sind sehr unterschiedlich.
„Scharf konturierte Bewegungen“, „Intensität“ und „einen trockenen Humor“
hat Zufit Simon sich vor einigen Jahren selbst bescheinigt. Damals hatte
sie gerade ihre Gefühls-Trilogie beendet. Drei Stücke über das Verhältnis
zwischen Emotion und Körper, die beides in seine Bestandteile zerlegten und
sich von „NEVER THE LESS“ über „all about nothing“ bis hin zu „piece of
something“ zu dem hintasteten, was bei Simon bis dato verschlossen schien:
der Mimik, die zähnefletschend, mechanisch und übergroß häufig im
Widerspruch zur behaupteten Stimmung stand oder förmlich angeknipst wurde.
Simons Kunst ist darauf aus, mit Erwartungen zu brechen und Verwirrung zu
stiften: „Erst bei mir selbst und dann beim Publikum.“ Mag sein, dass ihr
der Hang dazu bereits in die Wiege gelegt wurde: Der hebräische Vorname
Zufit bedeutet so viel wie Kolibri. Zufit Simon aber ist eher groß und hat
gar nichts von einem winzigen Flatterwesen. Sie ist eine zurückhaltende
Person, die sich als „schüchternen“ und „trockenen Menschen“ bezeichnet und
immer den Außenblick auf sich selbst behält.
## Der Tanz begann als Kind
Zu tanzen begann sie als Vierjährige, studierte erst klassischen, später an
der HfMDK Frankfurt auch zeitgenössischen Tanz. Die Eigenheit ihrer
choreografischen Arbeiten wurde früh gewürdigt. Simons erstes Solo
„fleischlos“ gewann 2005 bei der euroscene Leipzig den 3. Preis für das
beste deutsche Tanzsolo. 2008 wurde „Meine Mischpuche“ bei Tanz im August
in Berlin gezeigt, ein Stück, in dem sich drei Tänzer zwischen Hunderten
von Eiern bewegen wie in vermintem Gelände.
Es folgten viele repetitive Arbeiten, operierend mit überraschenden
Allianzen zwischen Lautsprechern, Mikros und hochmotorisierten Körperteilen
und viele Einladungen zu Festivals. Und auch über den eigenen Tellerrand
hinaus ging Simons Blick immer wieder: in ihrem Einsatz für andere oder in
ihren Jahren mit dem Regisseur Moritz Schönecker am Theaterhaus Jena.
Seit Zufit Simon Mutter geworden ist, hat ihr Interesse für feministische
Themen noch zugenommen – und auch die Experimentierlust. Ihr Solo „Schäume“
brachte 2019 mehr Nicht-Choreografiertes, den Einsatz der Stimme und
technische Verfremdungseffekte ins Spiel. 2020 folgte mit „Strange foreign
Bodies“ die Entscheidung, mit Leuten zu arbeiten, „die andere Mentalitäten,
Herkünfte und Körper haben“ und diese Körper erstmals auch nackt zu zeigen.
Auch ihren eigenen, denn Simon steht immer selbst mit auf der Bühne.
## Radical Cheerleading
Dass diese auf schönste Weise sture Bewegungsforscherin alle ihre Arbeiten
als Teile eines einzigen, potenziell „endlosen“ künstlerischen Aktes
begreift, wird in ihren Serien besonders deutlich. [3][In „Radical
Cheerleading“ knüpfte sie 2023 an] die aktivistische Praxis
US-amerikanischer Feministinnen an, die die Stereotype des klassischen
Cheerleadings – kurze Röcke, offene Haare, immer lächeln – zur Waffe formt
und die Tür öffnet für queere und andere Protestformen.
Das dank der Pompons bislang bunteste Stück der Antitheatralikerin war und
ist ein Renner. Sie hat darin „sexy“ Klischee geometrisch befriedet und
sich durch Wiederholungen totlaufen lassen wie bereits in ihrem Solo „Wild
Thing“, dem sie 2012 ihre erste Einladung zur Tanzplattform Deutschland
verdankte. Und sie hat ihr choreografisches Sezierbesteck hier erstmals
nicht nur an Bewegungen, sondern auch an Slogans angelegt – und beim
Neu-Zusammensetzen der Teile Wert darauf gelegte, dass selbst scheinbar
Gesten wie gereckte Fäuste nicht auf ihre Bedeutung reduziert werden
können.
Zufit Simon interessiert sich nicht für das Eindeutige. In „Bodies in
Rebellion“, Teil zwei ihrer Widerstands-Reihe, geht es nicht um konkrete
Proteste in einem konkreten Land. Simon entwirft eine Art Glossar von
abstrahierten Äußerungsformen des politischen Körpers, das sich extra
langsam auf der Bühne entfaltet und von Gesten des passiven Widerstands
über das revolutionäre Self-Empowerment bis zur paramilitärischen
Machtergreifung reicht.
In „The Fight Club“ wird das Repertoire an Bewegungen womöglich kleiner.
Die Idee zu dem Abend kam ihr, als sie ihre Kinder vom Judo in einem
Box-Tempel abholte: „Was ist das für eine Show, die erst endet, wenn einer
am Boden liegt und nicht mehr aufsteht? Welches Mindset braucht man
dafür?“, waren ihre ersten Fragen.
Im Video sieht man, wie die Demonstration von Macht und Stärke ins
unfreiwillig Lächerliche kippt. Und wie reduziert ihre Posen sind. Aber man
kann darauf wetten, dass es wieder verschiedene Layer geben wird,
Irritierendes, Nachdenkenswertes. Denn „Twists kreieren“, die aus
Mainstream-Verhaltensweisen etwas unangenehm und schwer zu
klassifizierendes anderes machen, das ist Zufit Simons Metier.
24 Apr 2026
## LINKS
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## AUTOREN
DIR Sabine Leucht
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