# taz.de -- Ausstellungseröffnung und Erotikmesse: Festgeklemmte Otter
> Der April will nicht enden, der Nieselregen auch nicht und nicht mal die
> Klubschlange bewegt sich. Ein Wochenende im Berliner Stillstand.
IMG Bild: A., acht Jahre alt, stört sich an der Werbung für die sogenannte Erotikmesse Venus auf seinem Schulweg
Kann es sein, dass das der längste April jemals ist? Vielleicht wirkt es
auch nur so, weil alles eingefahren scheint. [1][Der Wal Timmy], halbtot im
trüben Ostseewasser. Die festgesetzten Öltanker [2][in der Straße von
Hormus]. Der Frühling, auf dem Niveau von Anfang März steckengeblieben. Die
unerträgliche Festgeklemmtheit des Seins.
Auch das Wochenende stottert, kommt aber nicht in Gang. Am Donnerstag
eröffnet [3][Marc Brandenburgs Ausstellung] in der Berlinischen Galerie,
die wahrscheinlich noch nie so viele interessant gekleidete mittelalte
Männer gesehen hat wie an diesem Abend. Der Künstler selbst geht mit bestem
Beispiel voran und sieht aus, als hätte er vor, sich nach den
Eröffnungsreden in den Straßenkampf zu stürzen.
Brandenburg trägt durchdesignten Flecktarn, sein Gesicht ist bis auf einen
schmalen Augenschlitz verhüllt. Angeblich wegen einer Erkältung, erzählt
K., die Vermummung soll das Ansteckungsrisiko senken. Wir stehen vor dem
Gebäude herum, sprechen über den Irankrieg, die Laune sinkt augenblicklich,
es fängt an zu regnen und damit wäre der Abend dann auch beendet.
Weil A., acht Jahre alt, sich an der Werbung für [4][die sogenannte
Erotikmesse Venus] stört, die er auf seinem Schulweg sieht, hat er
beschlossen, sie in seinem Sinne zu verbessern. A. ist Fan von Ottern, also
klebt er selbstgemalte Sticker auf die Plakate. Statt „Getting Hotter Every
Year“ steht da jetzt „Getting Otter“. The Kid is totally alright.
## Nichts bewegt sich
Für Samstag hat J. angekündigt, seinen mobilen Pizzaofen anzuheizen, er hat
26 Böden vorbereitet, sicher ist sicher. Wir sitzen im Freien auf der
Galerie im ersten Stock des Zentrums Kreuzberg, trinken kalten Lambrusco
aus kleinen Plastikbechern und warten, bis J. wieder eine Pizza aus dem mit
Holzfeuer betriebenen Ofen holt. Früher gab es hier ein kleines Graffito,
schwarze Farbe auf weißem Putz: „Hey, na, du?“. Ein soziolinguistisches
Meisterwerk, bei dem einen der oder die Absender*in praktisch vor Augen
stand, leider mittlerweile übermalt.
Das schmale, bananenförmig gebogene Ende der Reichenberger Straße unter uns
hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Streetfood-Hotspot entwickelt.
[5][Es gibt Döner aus Sucuk, Käsenudeln mit Hähnchenschnitzel und barock
belegte Hotdogs]. Gerade ist Primetime, auf kleinstem Raum drängeln sich
Besucher*innen aus Kreuzberg, Kids auf Berlinbesuch, die die
Imbissläden von Tiktok kennen, und die Fahrer*innen der Lieferdienste.
Es nieselt schon wieder.
S. ruft an und fragt, ob wir noch ausgehen. Lust habe ich keine, will aber
noch irgendwas erleben. Ich treffe sie am Ende der langen Schlange vor dem
Klub, an dem man noch vergangenes Jahr nie länger als zehn Minuten anstehen
musste. Die neue Beliebtheit hält offenbar bereits so lange an, dass jemand
die Gelegenheit für ein kleines Geschäft erkannt hat: Ein Mann läuft die
Warteschlange auf und ab und ruft: „Kaltes Bier“. Wir kaufen ein Jever für
faire 3 Euro und teilen es uns. Als wir dem Eingang nach einer
Dreiviertelstunde des Festgeklemmtseins keinen Meter nähergekommen sind,
erklären wir den Samstagabend für beendet und gehen nach Hause.
20 Apr 2026
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## AUTOREN
DIR Anne Waak
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