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       # taz.de -- Neues Drama von Caren Jeß in Berlin: Lachen auch mit durchgeglühtem Hirn
       
       > Schräge Vögel und Dialoge, die Verwirrung stiften im System der
       > Überzeugungen: In Berlin wurde Caren Jeß’ Stück „Bookpink New Arrivals“
       > uraufgeführt.
       
   IMG Bild: Auch in der poppig-bunten Klinik für Sterilisation wird das Vokabular akademisch, wenn Fehler verschleiert werden sollen
       
       Zuletzt war es eine Katze, „Die Katze Eleonore“, mit der die
       [1][Dramatikerin Caren Jeß] vor drei Jahren Dramatiker- und Publikumspreise
       einheimste. Uraufgeführt 2023 in Dresden, sah man einer Frau bei ihren
       genussvollen Verwandlung in eine Katze zu. Mit der ließ sie allen Ehrgeiz,
       der sie vorher als Immobilienmanagerin getrieben hatte, alle Verantwortung
       und allen Rant hinter sich: das Tier als Traumfigur für den Ausstieg aus
       allen systematischen Zwängen.
       
       In ihrem neuen Stück „Bookpink New Arrivals“, dessen Uraufführung
       [2][Jorinde Dröse] am Deutschen Theater in Berlin inszeniert hat, sind die
       Tiere alles andere als frei. Der Kanarienvogel Nikki sitzt in einem Käfig.
       Das Kolibriweibchen Frau Pétain wird in einer Klinik für Sterilisation um
       den Verstand und ihre freie Entscheidungsfähigkeit gebracht.
       
       Der Schäferhund Success leidet nach seiner Anstellung als Polizeihund unter
       den Launen seiner neuen Herrin namens die Adler. Und Renz, Sohn von die
       Adler, versucht sich als Looser mit Undercut erfolglos gegen seine Mutter
       und den Mythos vom Adler als Symbol der Stärke und der Freiheit zu wehren.
       
       Doch bevor es mit diesem kuriosen Personal losgeht, das trotz Fell,
       Gefieder und Krallen dem Menschen an Fehlern, Boshaftigkeit, Ehrgeiz und
       Größenwahn nur wenig nachsteht, gibt es einen kurzen Prolog.
       
       Die Autorin Caren Jeß erinnert in ihm an ihre Großmutter Erdmuth: Daran,
       wie sie viele Vögel an den Stimmen erkannte und beim Namen nannte. Daran,
       wie sie seit ihrer Kindheit in der NS-Zeit auf Bauerhöfe ein Leben hatte,
       dass ihr in vielen Dingen keine große Wahl zu lassen schien. Doch ohne
       großes Drama entschied sie sich für Unterscheidungen, auf eine leise Art,
       die ihre Enkelin beeindruckt.
       
       Anpassungsdruck und strukturelle Gewalt könnte man in der Erzählung von
       Erdmuth als Themen ausmachen, die in den drei Dramoletten von „Bookpink New
       Arrivals“ wiederkehren. Man hört den Nationalismus, den alten und den
       neuen, seine Krallen wetzen im ersten Dramolett in der Adler-Familie.
       
       Die Dialoge sind gespickt mit ideologischen Versatzstücken aus
       Sozialdarwinismus und Biologismus, mit Mythen von Rassen und Stärke, aber
       auch mit Kapitalismus- und Kolonialismuskritik. Ein heißer, oft
       pointenreicher, nicht leicht verdaulicher Cocktail. Mit Überzeugung wird
       überspielt, was an Logik fehlt.
       
       Das geht sehr schnell, ist witzig durch den Sarkasmus und die Abgeklärtheit
       des ehemaligen Polizeihunds Success. Die Fell- und Federkostüme sind
       prächtig. Ein verlorenes Hundeohr sorgt für noch etwas mehr Komik.
       
       Aber die Regisseurin lässt kaum Zeit, das oft Ungeheuerliche der
       rausgehauenen Sätze wirken zu lassen, ihre Vibrationen in der Gegenwart und
       im politischen Klima aufzuspüren. Die Schauspielerinnen Daria von
       Loewenich, Natali Seelig und Bernd Moss spielen alle Rollen mit
       komödiantischem Furor.
       
       ## Unglück bei der OP
       
       Im zweiten Akt ist Daria von Loewenich ein bunt schillerndes
       Kolibri-Weibchen und feministische Influencerin, die sich nicht
       reproduzieren will. Allein, die Operation der Sterilisation läuft schief:
       Sauerstoff-Mangel hat ihr Hirn geschädigt, Klinikleiterin und ihr Assistenz
       Herr Titsch sind uneins über die weitere Behandlung.
       
       Reproduktive Normen werden dabei verhandelt, das Vokabular wird akademisch,
       wo Fehler verschleiert werden sollen. Es geht um Lebens- und
       Karriere-Planung. Die Kolibri-Frau und die Klinikleiterin überbieten sich
       in Shows und Podcasts, auch als die Hirnleitungen schon durchgeglüht sind.
       
       Der Text taucht damit in eine Welt, [3][die sich dem Argumentativen und dem
       Zweifel immer mehr verschließt] zugunsten der Positionierung. Die
       Demarkationslinie zwischen konservativen Strategien und aktivistischen
       Kämpfen verwischt in der Sprache von „Bookpink New Arrival“. Übliche
       Sortierungen geraten ins Wackeln. Behauptungen explodieren hier wie dort.
       Das macht den Text zu einer glatten Bahn.
       
       ## Kostüme mit poppigem Flair
       
       Die Kostüme von Kathrin Frosch, die mit der Farbenfrohheit eines
       Filzstiftkastens Fransenflügel und Kopfgefieder ausstatten, und die Bühne
       von Kathrin Frosch in einem satten Pink, von orangenen Flammen
       konterkariert, sorgen für poppiges Flair.
       
       Alles ist so lustig. Die Grausamkeit dahinter wird weggespült mit der
       nächsten Nummer, einem Training in Mnemotechnik. Nützt Frau Pétain, die ihr
       Gedächtnis verliert, auch nichts mehr.
       
       In der Tradition der Fabel [4][agieren Tiere listig und mitunter
       betrügerisch]. Eine solche Geschichte erzählt der dritte Teil: Ein Zilpzalp
       befreit einen Kanarienvogel aus einem Käfig mit unguten Absichten. Zugleich
       tritt hier ein Mensch auf, ein alter Mann und Sonderling, der sich auf eine
       Hallig aus der Gesellschaft der Menschen zurückgezogen hat und stirbt. Aber
       auch seine selbstgewählte Einsamkeit war keine Befreiung. Mit Trauer und
       Schock enden die Dramolette.
       
       21 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Katrin Bettina Müller
       
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