# taz.de -- Konzert von Boko Yout in Köln: Hardcore und seine Axiome
> In Köln sprengt der Afro-Grunge Musiker Paul Adamah von der Band Boko
> Yout das Publikum mit ekstatischer Dissidenz.
IMG Bild: Die Band Boko Yout hier bei einem Auftritt in Kopenhagen im März 2023
„Der ist ja gar nicht blau“, blafft eine Zuschauerin ihre Begleitung an,
als Paul Adamah von Boko Yout die Bühne am späten Sonntagabend in Köln
betritt. Die Aufregung legt sich jedoch schnell, da sich der charismatische
Frontmann zwar nicht – so insinuieren es die viral gegangenen Videos der
Band – als blau-häutiges Alien herausstellt, aber doch als Kraftbündel
extraterrestrischer Qualität.
Zu Feier des Tages trägt die vierköpfige Band Pfadfinderuniformen. Ganz
passend zu Adamahs Bewegungsradius während des Konzerts, der sich nicht auf
die Bühne begrenzt, sondern deren imaginären Wände von Sekunde eins
durchbricht, den Wandervogel mimt, das Publikum umarmt und zwischendurch
sogar die Straße vor der Venue Bumann & Sohn besucht.
Das Publikum bedankt sich für solche Sperenzchen und die Performance – dazu
sofort mehr – mit einer Elektrisiertheit, die ihresgleichen sucht. Wer
hätte das gedacht? Eigentlich standen die Sterne nicht gut für das Konzert.
Das große Showcase-Festival c/o pop hat die Stadt eine Woche lang mit
Konzerten und Podcasts (über-)versorgt und das notorisch etwas zu bequeme
Kölner Publikum hätte gleich etliche Gründe gehabt, am Sonntagabend einfach
mal die Füße hochzulegen. Doch die Übersäuerung fährt erst in die Knochen,
als sich die wohltemperierte Menschenmasse vom Marionettenspieler Paul
Adamah zu linkischen, aber unverfälscht-authentischen Tanzmanövern
hinreißen lässt.
## Sauber produzierter Rocksound
Warum die Menschen hier sind, hätte man jeden einzelnen fragen müssen, denn
Boko Yout, 2022 als Soloprojekt von Adamah gestartet, gibt es in zwei
Ausführungen. Da ist jene, die mit einigen Singles, EPs, den bereits
erwähnten Videos und zuletzt Ende 2025 mit dem Debütalbum „GUSTO“ viel Wind
aufgewirbelt hat. Sehr sauber produzierter, sogar radiotauglicher
Rocksound, der ein emotionales Zuhause zwischen den groovigeren Tracks von
Bloc Party, [1][Blood Orange] und sogar [2][Tame Impala] findet. Innovative
Genrebezeichnungen erleben da naturgemäß Wildwuchs:
„Off-Kilter-New-Alternative“ trifft auf „Cerebral-Funk-Punk“ – vielen merkt
man an, wie sie eher projizieren als analysieren.
Adamah selbst präferiert die Bezeichnung [3][Afro-Grunge]. Ein
wahrscheinlich gut kalkulierter Etikettenschwindel, denn auf der Platte
sucht man Grunge und „afro“ vergeblich, selbst wenn Adamah als Schwarzer
Sohn von Einwanderern aus Togo und Mozambik gute Argumente hat. Logisch
wird das erst, wenn man Boko Yout live sieht. Afro benennt dann zunächst
die Einstellung der selbsternannten „Blackest Band Swedens“.
Adamahs Performance, sein Wille mitzureißen, hat vielleicht dann doch etwas
[4][mit Voodoo] und anderen Austreibungsritualen gemein – so will es der
Künstler zumindest, dessen Gesichtszüge sehr präzise und geübt entgleisen
und schamanisch wirken sollen. Dieses hochenergetische Beseelen kennt man
gleichwohl auch aus hiesiger Musikhistorie: Live gleicht das Ganze also
einer großartigen (Post-)Hardcore-Performance. Inklusive Pulsbass, heftig
verzerrten Gitarren und einem umwerfenden Schlagzeugspiel. Eigentlich
könnte hier jederzeit der Moshpit losgehen.
Boko Youts Konzert ist eine willkommene Erinnerung daran, dass Hardcore und
seine Axiome (Druckkochtopfwut, Dissidenz, stilisierte Verausgabung
und/oder Selbstkasteiung und Ähnliches) auch nach 50 Jahren noch fucking
Waffen in den richtigen Händen sind. Hier sind sie afropäisch, an
Grenzziehungen uninteressiert, haben Performancekunst studiert und wollen
nicht, dass es so weiter geht wie bisher. Das ausverkaufte Kölner Haus wäre
an diesem Sonntag mit Adamah auf die Straße gegangen und hätte die
Revolution gefordert. Vorneweg: ein Alien unter Aliens!
20 Apr 2026
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## AUTOREN
DIR Lars Fleischmann
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