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       # taz.de -- Die Wahrheit: Tränen an Tankpistolen
       
       > Die ersten Opfer des anhaltend hohen Spritpreises werden nun
       > therapeutisch betreut. Ein berührender Wahrheit-Report von der
       > Tankstelle.
       
   IMG Bild: Wenn die Tankpistolen tropfen, weinen Tankende
       
       Lüneburg, in diesen Tagen. Andreas Reuter, 67, steht an einem kühlen
       Montagmorgen vor der roten Ampel, Höhe McDonald’s, und blickt angestrengt
       nicht da hin, wohin die meisten anderen Autofahrer wie gebannt stieren: die
       Preistafel der gegenüberliegenden Aral-Tankstelle. Er zwingt sich,
       wegzusehen. Versucht es zumindest.
       
       Reuter ist seit zwei Jahren Rentner. Einer, der nie stillsitzen kann. Ein
       Relikt noch aus dem Berufsleben, als er täglich nach Hamburg musste.
       Morgens hin, zum Mittagessen zurück, nach dem Mittagsschlaf wieder hin. 300
       Kilometer waren für ihn keine Seltenheit. Eine Tagesleistung, die er auch
       als Pensionär spielend erreicht. Sei es mit den landkreisweiten Baumarkt-
       oder Möbelhausbesuchen, sei es mit den täglichen Schnäppchentouren zu den
       Restposten-Märkten rundum. Kleine Fluchten vor der Leere des Ruhestands.
       Sein treuer Begleiter: ein VW T-Cross mit hohem Einstieg. Gut für die lahme
       Hüfte.
       
       Als mit Beginn des Irankriegs Ende Februar die Spritpreise stiegen,
       reagierte Reuter pragmatisch. Er klebte einfach das Display mit der Tankuhr
       ab in seinem SUV: „Was ich nicht sehe, belastet mich nicht.“ Seine
       Strategie: Tanken, wann immer der Preis „irgendwie ging“. Ein Gefühl eher.
       Doch das Gefühl wurde zur Fixierung.
       
       ## Zwang im Kopf
       
       Bald schon begann Reuter, jede Tankstelle entlang seiner Strecken zu
       checken. Preise wurden verglichen, im Kopf gespeichert, im Geiste
       katalogisiert. Aber aus den Checks wurde schnell Zwang, aus dem Zwang manch
       Umweg. Zuweilen waren es ganze Tagestouren, die weniger mit einem Fahrtziel
       als mit den irgendwo hinter Celle vielleicht noch günstigeren Benzinpreisen
       zu tun hatten. Oder den vielleicht noch günstigeren im Raum Osnabrück.
       
       Ehefrau Karin, 58, beobachtete das mit Sorge. „Hol dir eine
       Spritpreis-App“, schlug sie vor. Eine Lösung, die rational klang, sich aber
       als fatal erwies. Denn nun hatte Reuter stets Gewissheit. Und Gewissheit
       bedeutete für ihn: handeln müssen.
       
       Er jagte nun hinter jedem billigeren Tankpreis her. Teils hunderte
       Kilometer für ein paar Cent weniger. Für ihn eine logische Konsequenz. Doch
       wenn er endlich an den ausgelobten Zapfsäulen ankam, erfuhr er selten
       Erlösung. Erst recht nicht nach dem 1. April. Da landete er meist am Ende
       einer der Zwölf-Uhr-Schlangen. Der High-Noon-Moment all derer mit derselben
       Idee. Autofahrer, die auch Apps hatten. Wenn er vorne war, waren die Preise
       längst wieder oben.
       
       In einem dieser Momente spürte er erstmals, wie etwas in ihm kippte.
       Atemnot. Druck in der Brust. Würgereiz. Er musste sich ins Handschuhfach
       übergeben. Ein stiller Tiefpunkt zwischen Preisdruck und Selbstverlust. Er
       änderte erneut die Strategie.
       
       Er ließ nun den Tank einfach leer laufen. Ganz bewusst, denn im Kofferraum
       bunkerte er jetzt einen 20-Liter-Kanister. Sobald sein T-Cross ins Stottern
       kam, hielt er an, füllte nach und überließ den nächsten Tankstopp dem
       Zufall. Ein Würfel entschied. Drei? Die dritte Tankstelle. Fünf? Die
       fünfte. Es war der Versuch, die Kontrolle abzugeben. Doch wich so nicht die
       Benzinwut aus ihm. Sie wurde lediglich überlagert.
       
       Und brach sich schließlich um so heftiger Bahn. Am Ostersonntag vor dem
       Zehn-Uhr-Gottesdienst. Reuter, nur gelegentlicher Kirchgänger, hatte gerade
       an Karins Seite St. Ansgarii in Lüneburg betreten, als sein Blick auf die
       Liedertafel fiel. Und was sah er? 321, 443 – schwarze dreistellige Zahlen,
       zwei weitere sogar mit einer fünf vorne …
       
       ## Realität und Wahn
       
       In diesem Moment verschwammen Realität und Wahn zu einem Gemenge aus
       Argwohn und Angst. Denn für ihn waren das keine Gesangbuchnummern. Es waren
       Preise. Unverschämt hohe Spritpreise. 3 Euro 21 für Super. 4,43 für Diesel.
       Zeugen berichten, dass er rot angelaufen sei, Spucke verspritzend etwas
       gerufen habe, dann, am ganzen Körper zuckend, zusammengesackt sei.
       
       Reuter kam ins Krankenhaus, wurde schon bald in eine Spezialklinik ins
       Ostwestfälische verlegt. Hier gibt es etwas, das wie ein Rudiment aus einer
       vergangenen Zeit wirkt: eine Rückwarth-Tankstelle, original nachgebaut. Mit
       Preisen wie zu Zeiten, in denen der Liter Benzin noch in Pfennigen
       ausgewiesen wurde. So können Reuter und seine Leidensgenossen zur Ruhe
       kommen – nein, „Genossen“ muss nicht gegendert werden. Es sind ausnahmslos
       Männer über 60, die hier therapiert werden.
       
       Reuter greift zur Replikat-Tankpistole, steckt sie in eines der
       Kraftfahrzeuge, die an den Zapfsäulen stehen. Pkw-Modelle aus den späten
       siebziger Jahren, nicht mehr fahrbereit, aber vertraut, schon wegen der
       prallbunten Farben. Aber es fließt kein Treibstoff. Nur die Tankuhr an der
       Zapfsäule bewegt sich. Aber ganz langsam. Beruhigend langsam.
       
       So kann er den Blick auch mal abwenden, nebenher die Scheiben putzen oder
       den Luftdruck prüfen. Und mit den Mitpatienten plaudern an den anderen
       Zapfsäulen. Kfz-Gespräche sind das überwiegend. Über den ersten eigenen
       Wagen. Die erste Alpenquerung. Über früher, als noch alles gut und günstig
       war in Deutschland. Manchmal zocken sie auch eine Runde Autoquartett. Nur
       über die aktuellen Spritpreise sprechen, das tun sie hier nicht.
       
       22 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Fritz Tietz
       
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