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       # taz.de -- Ausstellung Bauhaus-Fotografinnen: Mit der Kamera versprach sie Zukunft und Wirklichkeit
       
       > Die Ausstellung „Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhausfotografinnen“ im
       > Berliner Museum für Fotografie stellt 30 Fotografinnen vor. Manche von
       > ihnen waren lang vergessen.
       
   IMG Bild: Marianne Brandt: Selbstporträt im Atelier, mit Kamera in der Kugel gespiegelt, Bauhaus Dessau, um 1928–1929
       
       Grit Kallin-Fischer liegt auf dem Rücken in ihrem Selbstporträt von 1928,
       schräg ins Bild geschoben, die Arme verschränkt, in einer Hand eine
       Zigarette. Marianne Brandt nahm sich in der Spiegelung einer metallenen
       Kugel auf, sie selbst mit Fotoapparat an den Rand gedrängt und verzerrt.
       Auch die ikonisch gewordenen Bauhaus-Balkone von Dessau erkennt man in der
       Kugel. Florence Henri inszenierte ihr Selbst an einem Tisch aus hölzernen
       Brettern wie eine Büste. Mit aufgestützten Armen schaut sie in einen
       schmalen Spiegel, vor dem zwei Kugeln liegen.
       
       Alle diese Selbstporträts haben für die Suche nach neuen Perspektiven eine
       schlüssige und elegante Form gefunden. Sie zeugen von der Lust am
       Experiment und am kühlen Look der Moderne.
       
       Bauhaus-Studentinnen: Sie fotografierten oft, ob sie nun in der
       Fotowerkstatt waren oder in den Klassen für Malerei, Architektur, Design.
       Viele der Bilder, mit denen die um Öffentlichkeit bemühte Kunstschule für
       sich warb, stammen von Frauen, nicht immer aber wurden sie als Autorinnen
       benannt. Am bekanntesten ist die [1][Geschichte von Lucia Moholy], deren
       Bilder der berühmten Fassaden und Balkone, von Designobjekten und
       Materialstudien, von Lehrenden und Student:innen das Bild des Bauhauses
       bis heute prägen.
       
       Das Zukunftsversprechende in der Ästhetik des Bauhauses, die Dynamik und
       Lichtdurchlässigkeit, all das fassten ihre Bilder pointiert, auf Postkarten
       und in Zeitschriften verbreitet – oft ohne ihren Namen. [2][Walter Gropius
       nutzte] ihre Negative für seine Publikationen im Exil in den USA. Noch
       immer, ohne sie zu nennen.
       
       ## Über Jahrzehnte vergessen
       
       So bekannt ihre Bilder waren, die Fotografinnen waren es nicht, teils sogar
       jahrzehntelang vergessen. Dazu hat die Vertreibung des Bauhauses durch den
       Nationalsozialismus und [3][der Weg vieler Künstlerinnen ins Exil]
       beigetragen. Das Bauhaus Archiv in Berlin stellt jetzt 30 Fotografinnen in
       der Ausstellung „Neue Frau, Neues Sehen“ vor, in den Räumen des Museums für
       Fotografie. Denn das Bauhaus Archiv selbst ist seit 2018 geschlossen, der
       Neubau noch eine Baustelle. Aber an der Sammlung, unter anderem 40.000
       Fotografien, wurde gearbeitet. Jede Schublade wurde geöffnet, Biografien
       recherchiert, erzählt die Kuratorin Kristin Bartels.
       
       Die junge Technik der Fotografie nutzten nicht nur am Bauhaus viele Frauen,
       um sich selbstständig zu machen. Bartels verortet die Bauhäuslerinnen in
       einem gesellschaftlichen Umfeld, das im bürgerlichen und proletarischen
       Milieu nach Emanzipation von alten Rollenmustern suchte. Deshalb gilt das
       erste Kapitel der Ausstellung der Selbstinszenierung als unabhängige Frau
       und Künstlerin in Porträts und Selbstporträts. Es folgen, ganz in der
       klassischen Tradition der Erzählung über das Bauhaus, Werkgruppen zum
       Fotografieunterricht, zu Kunst und Experiment, Design- und Materialstudien
       und der Architektur.
       
       Spannend wird es vor allem dort, wo die gut ausgeleuchteten Pfade des
       Bauhauses verlassen werden. Etwa mit der Fotografin Irena Blühova,
       engagiert in der kommunistischen Partei der Slowakei. 1931 beginnt sie in
       der Fotoklasse von Walter Peterhans am Bauhaus zu studieren, arbeitet in
       der Zeit aber auch schon für die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ) an
       Sozialreportagen. Später muss sie als Kämpferin im antifaschistischen
       Widerstand untertauchen. Von ihr sind Naturstudien zu sehen, aber auch
       Szenen vom ländlichen Leben.
       
       ## Das Leben der Toba, Armut in Chicago
       
       Zu den Fotografinnen, die mit Reportagen ihr Geld verdienten, gehört auch
       Grete Stern. In den 1960er Jahre lebte sie in Argentinien und fotografierte
       das Leben der Toba, einer indigenen Gruppe. Die meisten Aufnahmen, die in
       dem Kapitel „Menschen und Länder“ zusammengefasst sind, sind nach der
       Bauhaus-Zeit in Deutschland entstanden und dokumentieren so auch die Wege
       der Fotografinnen ins Exil.
       
       Aufgenommen sind auch drei Künstlerinnen, die [4][am New Bauhaus in
       Chicago] studierten: Dazu gehört Else Tholstrup, die in den 1950ern
       elegante Frauen auf Chicagos Straßen in Szene setzt oder mit einem
       schlafenden Mann auf einer Bank von Armut erzählte.
       
       Lustig ist, dass Männer in dieser Bauhaus-Ausstellung einmal nicht in der
       Position der Leitenden und Lehrenden auftauchen, sondern Bilder ausgewählt
       wurden, die sie als Freunde und Liebhaber der Fotografinnen porträtieren.
       Zärtlich und intim ist die Bildsprache von Etel Mittag-Fodor, wenn sie
       einen Akt, ihren schlafenden Mann oder ein Liebespaar porträtiert.
       
       Die [5][Zeit am Bauhaus war für viele der Künstlerinnen oft nur kurz],
       dennoch prägend. Es tut der Ausstellung gut, dass sie sich in der
       Bildauswahl nicht auf die Bauhausjahre beschränkt. Gern würde man den Weg
       der einzelnen Protagonistinnen noch etwas länger verfolgen. In den
       Biografien kann man allerdings auch wiederholt lesen, dass einige später
       nicht selten zugunsten der Kunst ihrer Partner das Fotografieren aufgaben.
       So liefert die Ausstellung viele Elemente zu der großen Collage, warum
       Fotografinnen/Künstlerinnen, die in den 1920ern Jahren begannen und auch
       Erfolg hatten, später vergessen wurden.
       
       24 Apr 2026
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Katrin Bettina Müller
       
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