# taz.de -- Film „Lina Braake“ wieder im Kino: Subversive Widerständigkeit im Privaten
> Bernhard Sinkels Debüt „Lina Braake“ von 1975 läuft wieder im Kino. Die
> Komödie um Recht, Unrecht und Rache zeigt die anarchischen Tricks
> „kleiner Leute“.
IMG Bild: Das lässt sie sich nicht bieten: Lina Braake (Lina Carstens) im gleichnamigen Film
Lina Braake kann es nicht fassen. Nach 50 Jahren soll die alte Dame ihre
Mietwohnung in München verlassen, obwohl ein beglaubigtes Papier des
Hauseigentümers ihr lebenslanges Wohnrecht garantiert. Jetzt gilt jedoch
das Kündigungsrecht der Bank, denn die hat das Haus des überschuldeten
Kunden in Zahlung genommen. Das Recht der Stärkeren hebt das Recht der
Schwächeren auf.
Das ist aber kein Grund zur Resignation, deutet der Autor und Regisseur
Bernhard Sinkel im Titel seiner Komödie „Lina Braake oder Die Interessen
der Bank können nicht die Interessen sein, die Lina Braake hat“, an. Das
Spielfilmdebüt des einstigen Archivleiters beim Spiegel-Magazin, der das
Filmhandwerk bei der „Sesamstraße“ lernte, traf 1975 einen Nerv.
Nach der Premiere im Internationalen Forum der Berlinale entwickelte sich
die Sozialkomödie zum Liebling der Filmkritik, wurde mit dem
Bundesfilmpreis ausgezeichnet und war zudem einer der seltenen
Publikumserfolge des Neuen deutschen Films, nicht zuletzt wegen seiner
beiden film- und fernsehbekannten Altstars Lina Carstens und Fritz Rasp.
Ausgehend von einer Story, die ein Fallbeispiel aus dem juristischen
Proseminar sein könnte, erzählt der studierte Jurist und Rechtsanwalt
Bernhard Sinkel vom Münchener Kleine-Leute-Milieu und den anarchischen
Tricks zweier Senioren, die sich daranmachen, das ungerechte Recht zu
unterlaufen und die Bank, die (symptomatisch seit Olympia 1972) das Wohnen
in München unbezahlbar gemacht hat, mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.
Subversive Widerständigkeit im Privaten interessierte den Regisseur mehr
als explizit politische Gesellschaftskritik.
## Ein anschlussfähiges Gegenbild
Gegenüber Lina Braake möchte der Bankchef kulant erscheinen, und so drängt
er der Achtzigjährigen einen Platz im Altersheim auf, Kostenübernahme und
Buchung in einem abgetakelten ehemaligen Grandhotel am Starnberger See
inklusive. So bleibt ihr nur, dort mit ihrem Köfferchen das Spalier der
neugierigen Alten – allesamt gut gecastete Käuze – zu überwinden, bis
Gustav Härtlein (Fritz Rasp), ein ehemaliger, zu Unrecht entlassener
Bankdirektor, ihr gentlemanlike den Arm reicht.
Die Münchener Filmszene stand in den 1970er Jahren für historische
Heimatfilmrebellen, Gangsterpersiflagen, coole Zeitgeistkomödien und
natürlich Fassbinder-Melodramen. In einer Zeit, deren Stimmung von
gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt war, darunter der Gewalt zwischen
Staatsmacht und RAF-Desperados und dem kaum aufgearbeiteten
[1][palästinensischen Attentat bei den Olympischen Spielen], bot Bernhard
Sinkel mit „Lina Braake“ ein anschlussfähiges Gegenbild.
Während damals schönfärberische Memoiren von Stummfilm- und Nazifilmgrößen
en masse publiziert wurden, setzte er auf schauspielerische Präsenz und die
Kunst des Understatements. Lina Carstens und Fritz Rasp waren beide vom
Theater vor 1933 geprägt.
Fritz Rasp, ein hagerer Mann mit breitem Mund, tiefliegenden Augen und
heiserer Stimme, spielte in Filmen von Fritz Lang, Gerhard Lamprecht (als
Langfinger Grundeis in „Emil und die Detektive“) sowie [2][G. W. Pabst]
(unter anderem als Peachum in dessen „Dreigroschenoper“-Verfilmung 1931),
zog sich im Nazi-Kino auf Chargenrollen zurück und war im bundesdeutschen
Fernsehen später ein beliebter Schurke in Edgar-Wallace-Filmen.
Lina Carstens, in den 1920er Jahren am Theater in Leipzig, spielte in den
1930er Jahren in Filmen von Detlef Sierck (im Hollywood-Exil Douglas Sirk),
war im Nazi-Kino in kleineren Rollen zu sehen, galt gleichwohl als eine von
Goebbels „Gottbegnadeten“. 1945 war sie in Koblenz die erste „Mutter
Courage“ auf einer deutschen Theaterbühne und neben Charakterrollen im
Theater die resolute Haushälterin oder Krankenschwester in zahllosen
Nachkriegsfilmen.
## Flucht in den Stammfriseursalon
Bernhard Sinkel setzt ihre schillernd widersprüchliche Geschichte dem
komödiantisch überzeichneten Realismus seines Films entgegen. Das
Seniorenheim entpuppt sich als unterfinanzierte, überfüllte, mit skurrilem
Grusel gezeichnete Unterkunft zum Weglaufen. Einzig die Gesellschaft mit
Gustav Härtlein und dem Hausmeister Jawlonski (Benno Hoffmann) schafft
Erleichterung.
Lina Braake, trotz ihrer Entwurzelung ganz Dame, flieht nach München zu
ihrem Stammfriseursalon, wo sie anders als im Heim in trubeliger Atmosphäre
willkommen ist. Als sie dort von den finanziellen Problemen ihres
italienischen Lieblingsfriseurs hört, beginnt sie mit dem schlauen Fuchs
Härtlein einen Plan zu entwerfen, wie sie dessen sardischer Familie unter
die Arme greifen und sich zugleich ihr Altersglück mit Wohnrecht in
Sardinien sichern könnte.
Zug um Zug wie in jeder gut konstruierten Komödie taucht Bernhard Sinkel in
sein Lieblingsthema ein: die Rache, die ein Stück Gerechtigkeit
wiederherstellt. Mit altmodisch charmanter Grandezza verfolgen Lina Braake
und der alte Finanzstratege ihren strategischen Plan. Was die beiden da
treiben, fußt auf eleganter Täuschung, einem Spiel mit den
Klassenressentiments der Banker. Wer reich ist oder zu sein scheint,
bekommt noch mehr. Fragt sich, wer auf das Manöver hereinfällt und
verliert.
Die restaurierte Fassung von „Lina Braake oder Die Interessen der Bank
können nicht die Interessen von Lina Braake sein“ ist jetzt zum Neustart
trotz einiger VoD-Angebote einen Besuch im Kino wert. Liebevoll inszenierte
Details in all ihrer schrillen 70er-Jahre-Piefigkeit, mitten drin zwei
clevere, die Gesetzeslücken ausnutzende Alte, die ihr Rache-Projekt mit
unblutigen Waffen durchziehen, das ergibt ein rundes Filmmärchen.
23 Apr 2026
## LINKS
DIR [1] /Regisseur-ueber-Film-September-5/!6057175
DIR [2] /Geheimnisse-einer-Seele-auf-Berlinale/!6153720
## AUTOREN
DIR Claudia Lenssen
## TAGS
DIR Spielfilm
DIR Komödie
DIR Neuer Deutscher Film
DIR Ungerechtigkeit
DIR Banken
DIR München
DIR Spielfilm
DIR Spielfilm
DIR Österreich
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Wolfgang Beckers letzter Film im Kino: Geschichte ist, was man dabei fühlt
„Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ ist Wolfgang Beckers letzter, postum
vollendeter Film. Seine Betrugsklamotte fragt nach dem Umgang mit
Vergangenheit.
DIR Komödie „Sehnsucht in Sangerhausen“: Wo verstreute Seelen sich verbünden
Julian Radlmaiers Komödie „Sehnsucht in Sangerhausen“ verbindet leichtfüßig
Geschichte, Kapitalismuskritik und politische Fragen. Geister gibt’s auch.
DIR Tragikomödie mit Sänger Voodoo Jürgens: Ein Herz für Egoisten
Lebenskünstler oder Tagedieb? Adrian Goigingers Tragikomödie „Rickerl –
Musik is höchstens a Hobby“ zeigt Voodoo Jürgens als sympathischen
Antihelden.