# taz.de -- Kino-Film „Die reichste Frau der Welt“: Er freut sich über ihre Geschenke
> Im Kino-Film „Die reichste Frau der Welt“ gibt sich Isabelle Huppert so
> kaltschnäuzig wie verwundbar. In der Geschichte nach wahrem Vorbild geht
> es nicht nur um Lacher.
IMG Bild: Marianne Farrère (Isabelle Huppert) ist „Die reichste Frau der Welt“
Politikerbestechung, Steuerhinterziehung, Erbschleicherei – bei der
sogenannten [1][Bettencourt-Affäre, die im Sommer 2010 Kreise bis zum
damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zog], kam eine Menge
zusammen. Und da ist die [2][braune Vergangenheit des L'Oréal-Konzerns],
der Liliane Bettencourt zur „reichsten Frau der Welt“ ihrer Zeit werden
ließ, noch gar nicht erwähnt.
Es ist ein Stoff wie von Molière erdacht: im Zentrum eine nicht mehr ganz
zurechnungsfähige alte Witwe, die über ein immenses Vermögen verfügt, und
um sie herum eine Gefolgschaft aus sich die Hände reibenden Günstlingen und
neidisch blickenden Familienmitgliedern. Mit anderen Worten: ein Personal
von Unsympathen, die man alle gleichermaßen verachten kann.
Nichts hätte näher gelegen, als für die Leinwand daraus eine beißende
Satire zu machen. Vielleicht hatte es Thierry Klifa ursprünglich auch so
vor. Aber das Ergebnis ist doch ein anderes, interessanteres geworden. Das
Lachen fällt hier gar nicht mal so leicht. Stattdessen wachsen einem die
Figuren ans Herz. Dass es so kommt, liegt einmal mehr an den
Schauspieler*innen.
Dass [3][Isabelle Huppert, inzwischen 73 Jahre alt], eine vermögende alte
Frau spielen kann und dabei die Kaltschnäuzigkeit mit erstaunlicher
Verwundbarkeit zu kombinieren vermag, überrascht noch am wenigsten. Huppert
verkörpert Marianne Farrère (sämtliche Namen sind im Film verändert, die
Fakten des Falls entsprechen aber weitgehend den Tatsachen), die verwöhnte
Erbin eines Konzerngründers, die in ihrem Leben kaum andere Beschäftigung
als die des Geldausgebens kannte.
Obwohl stets perfekt und korrekt gekleidet, ist die in die Jahre gekommene
Dame das moderne Repräsentieren nicht gewöhnt. Als ihr die eigene, lang
erwachsene Tochter (Marina Foïs) den Vorschlag macht, sich für die
Titelstory des Magazins Selfish von einem gewissen Pierre-Alain Fantin
(Laurent Lafitte) fotografieren zu lassen, reagiert sie mit Befremden und
einem hochmütigen Trotz, der das Scheitern des Projekts selbstdizipliniert
in Kauf nimmt.
## Sie steht völlig entwaffnet da
Doch dann stürmt dieser Fantin mit so viel Temperament in ihre bürgerlich
vollgestopfte Villa, macht der Älteren derart unverschämt Komplimente und
traut sich auch noch, sie herumzukommandieren, bis sie die richtigen
Kleidungsstücke hervorgeholt hat, dass die vorher so verschlossene Frau
völlig entwaffnet dasteht. Von dem Magazin mit ihrem Porträt auf dem Titel
kann sie kaum genug Exemplare bekommen – um auch ja genug zu haben, die sie
verschicken kann.
Es ist der Beginn ihrer wunderbaren Freundschaft zu dem seine
Homosexualität keineswegs verbergenden jüngeren Mann. Laurent Lafitte, der
für diesen Auftritt mit dem César ausgezeichnet wurde, verleiht seiner
Figur einen großartigen und dabei rätselhaften Charme. Was die ältere Frau
an ihm findet, ist leicht zu erkennen: Sein flamboyantes, sich wenig um
Etikette scherendes Verhalten verschafft ihr nie gekannte Freiheiten, und
sei es auch nur beim Zuhören von seinen Zotigkeiten.
Was er umgekehrt von ihr will, verheimlicht er genauso wenig: Fast von der
ersten Begegnung an beginnt er Marianne regelrecht auszunehmen. Bevor die
Tochter mit einer Anklage Alarm schlägt, sollen es schließlich Geschenke im
Gegenwert von über einer Milliarde Euro gewesen sein.
Warum er nicht früher aufgehört habe, wird Fantin in den inszenierten
Interview-Sequenzen gefragt, die die etwas verunglückte Rahmenhandlung des
Films bilden. Seine Figur gibt darauf keine schlüssige Antwort. Was Lafitte
spielt, ist eine derart amüsante Mischung aus Klassenneid,
Aufschneiderstolz und purem Glücksrittertum, dass eine Verurteilung fast
unmöglich wird.
Der politische Skandal bleibt darüber so lange im Hintergrund, bis man sich
für ihn kaum mehr interessiert. Steuerhinterziehung, Beamtenbestechung? Das
sind so langweilige Motive gegenüber zutiefst menschlichen Regungen wie
Neid, Einsamkeit, Verrat, Hass oder Heimlichtuerei!
22 Apr 2026
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## AUTOREN
DIR Barbara Schweizerhof
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