# taz.de -- Historiker über den 1. Mai in Hamburg: „Prügeleien, weil Linksradikale mitdemonstrieren wollten“
> Am Tag der Arbeit am 1. Mai kann man ablesen, wie es jeweils um die
> Arbeiter*innenbewegung steht, sagt der Historiker Knud Andresen.
IMG Bild: Der 1. Mai 1997: Damals demonstrierten 15.000 gegen Arbeitslosigkeit und Sozialabbau
taz: Herr Andresen, gehen Sie am 1. Mai auf die Straße?
Knud Andresen: Ja, das mache ich schon seit Jahrzehnten.
taz: Ist der Tag nicht längst nur noch ein Ritual?
Andresen: Die Debatten über die Ritualisierung des 1. Mai begleiten den Tag
wahrscheinlich schon, seit er 1890 erstmals begangen wurde. In der
Bundesrepublik wurde vor allem seit den 1960er Jahren immer wieder
diskutiert, ob der Tag anders werden muss oder noch notwendig ist. Man darf
aber nicht vergessen, dass der 1. Mai lange politisch äußerst umkämpft war,
gerade in der Weimarer Republik. Auch sind viele Forderungen, mit denen er
verbunden ist, nach wie vor aktuell. Außerdem ist es der einzige säkulare,
also nicht religiöse Feiertag, der in vielen Ländern begangen wird.
taz: Sie sagen, es ist interessant, sich die Geschichte des 1. Mai nach
1945 anzuschauen. Warum?
Andresen: Weil der Tag wie eine Sonde funktioniert. Was beschäftigt die
politischen Arbeiter*innen über die Jahrzehnte? Daran lässt sich auch
etwas über die soziale Zusammensetzung einer Arbeiter*innenschaft
feststellen und wie diese sich verändert. Ich habe mir das für Hamburg
angeschaut.
taz: Wie hat sich der 1. Mai da verändert?
Andresen: Zur ersten freien 1.-Mai-Demo 1946 im Park Planten un Blomen
kamen Hunderttausend. Die Hauptrede war der Verurteilung des
Nationalsozialismus durch die Arbeiterbewegung gewidmet und dem Gedenken an
die Toten. Schon ab den 1950er Jahren war die Wiedervereinigung ein großes
Thema am 1. Mai. Damals liefen in Hamburg noch hunderttausend Menschen in
zehn Marschsäulen in den Stadtpark, wo sie eine große Kundgebung abhielten.
Da gingen noch ganze Betriebsbelegschaften hin, die gewerkschaftlich gut
organisiert waren.
taz: Und dann?
Andresen: Ab 1960 kamen immer weniger. Das hatte damit zu tun, dass der
wirtschaftliche Aufschwung auch in der Arbeiter*innenschaft zu spüren
war, es war weniger Kampfbereitschaft da. Die Gewerkschaften erlebten einen
Mitgliederrückgang, Betriebe spielten nicht mehr so eine große Rolle für
Vergesellschaftung.
taz: Wie gingen die Gewerkschaften damit um?
Andresen: Der DGB experimentierte mit anderen Formen. In Hamburg
organisierte er [1][Volksfeste statt Demos], die sich nicht mehr nur an
Arbeiter, sondern auch an Familien richteten und auch wieder
Hunderttausende Besucher*innen anlockten. In den frühen 1970ern ging
man in Hamburg dann eine Zeit lang gar nicht mehr raus, sondern machte
Veranstaltungen in Festsälen, unter anderem kulturelle, da las mal Günter
Grass. Davor war der 1. Mai 1969 ein ziemlicher Reinfall gewesen, aber auch
ein Wendepunkt.
taz: Was ist da passiert?
Andresen: Am 1. Mai 1969 hatten Studierende, linke Lehrlinge und junge
Gewerkschafter*innen zu einer eigenen Demo aufgerufen. Rund 3.000
kamen und störten dann die zentrale Kundgebung des DGB. Sie kritisieren die
IG Metall, weil sie einerseits gegen Rüstung auftrat und andererseits mehr
Mitbestimmung in Rüstungsbetrieben wie der Werft Blohm + Voss forderte. Als
Reaktion beschloss der DGB-Hamburg ein jugendpolitisches Sofortprogramm,
mit dem ein offenes wöchentliches Treffen eingerichtet wurde. Es war der
Beginn radikaler gewerkschaftlicher Jugendarbeit.
taz: In Berlin geht der Mythos 1. Mai auf das Jahr 1987 zurück, als
Autonome sich in Kreuzberg Straßenschlachten mit der Polizei lieferten. Gab
es so was auch in Hamburg?
Andresen: Am 1. Mai 1984 gab es Prügeleien, weil linksradikale Gruppen auf
der Gewerkschaftsdemo mitdemonstrieren wollten. Im nächsten Jahr einigte
man sich aber vorher über die Aufstellung, sodass dieser Konflikt in
Hamburg nicht mehr so scharf geführt wurde. Das verlagerte sich auf [2][die
politischen Demos in den Abendstunden]. Eine Hamburger Besonderheit ist,
dass seit Ende der 1990er keine Parteipolitiker*innen mehr am 1. Mai
sprechen. Vorher hatte man dem DGB eine zu große Nähe zur SPD vorgeworfen.
29 Apr 2026
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## AUTOREN
DIR Amira Klute
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