# taz.de -- Unerzähltes aus dem zweiten Stock: Wollen Sie noch etwas trinken?
> Ein Unbekannter bittet um Hilfe. Die Angelegenheit ist schnell erledigt,
> doch was sich hinter der Geschichte verbirgt, bleibt offen.
Hinterher fragte ich mich, ob der Mann schon lange vor der Haustür stand
und warum er gerade mich ansprach, und ich bereit war, einem Fremden in
seine Wohnung zu folgen. Sie müssen fest zudrücken – Kindersicherung –,
sagte er. Ich nahm ein schwarzes Kabel und verband es mit der Steckdose.
Die Lampe ging an. Er bedankte sich. Wollen Sie noch etwas zu trinken? Ich
verneinte und wünschte einen schönen Abend.
Jetzt bereue ich es, dass ich sein Angebot auf ein Getränk ausgeschlagen
hatte. Was verbarg sich hinter dieser Geschichte? Stand der Mann jeden
Freitagabend auf der Straße? Ich blickte um mich. Im zweiten Stock des
Hauses saß ein weiterer Mann auf dem Balkon und starrte auf schwitzende
Spielerbeine. Die Straße selbst hatte ich nie zuvor betreten, baumgesäumt,
fast ohne Geschäfte, aber eine Kirche mit goldenem Kreuz auf der Fassade.
Ich versuchte mir ihren Namen einzuprägen, bog nach rechts und ließ die
Straße hinter mir, die sich plötzlich aufgetan hatte, wie eine verborgene
Tür in einem Märchen. Dann hatte ich diesen Mann erblickt, getrimmter Bart,
muskulös, dunkelbraune Slipper. Ich blieb stehen, er sah mich an und kam
auf mich zu. Können Sie mir kurz helfen, fragte er.
Ich dachte, er wolle mit mir einen Schrank oder eine Matratze aus dem
Treppenhaus hieven. Doch er sagte, es gehe um den Lichtschalter. Sie müssen
ihn nur einstecken, das ist mir aus religiösen Gründen verboten. Ich stieg
eine halbe Treppe hoch in seine Wohnung. Er wies auf eine Couch und da sah
ich die Lampe.
Ein paar Blocks weiter auf der Güntzelstraße erinnere ich mich schon nicht
mehr an den Namen der Straße oder die Hausnummer. Nur an die vielen
kastenförmigen Nachkriegsbauten, die mehr als ihre eigene Geschichte, die
Geschichte jener Häuser und ihrer Bewohner erzählen, die es schon längst
nicht mehr gibt.
26 Apr 2026
## AUTOREN
DIR Timo Berger
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