# taz.de -- Medienkunst-Festival in Osnabrück: Auch Bedrohung ist nur ein Spiel
> Das European Media Art Festival Osnabrück zeigt Tiefgründiges und Kühnes.
> Doch Stadt und Landesregierung distanzieren sich – wegen
> Antisemitismus-Verdachts.
IMG Bild: Wirkt wie eine Steinigung, ist aber ulkiges Ritual: Yalda Afsahs Videoarbeit „Jarramplas“ spielt mit dem Eindruck der Bedrohung
Der Raum ist dunkel. Projektionswände leuchten. Sounds verschmelzen zu
einem fast surrealen Klangbild – ätherische Gesänge, dumpfes Grollen wie
aus Magmakammern, Windgeflüster. Wer die Ausstellung zur 39. Ausgabe des
Osnabrücker European Media Art Festival (EMAF) betritt, kommt direkt auf
Yalda Afsahs Videoinstallation „Jarramplas“ zu.
Gewaltvoll kann die wirken, extrem aggressiv, wie die Dokumentation eines
Aufstands, einer Steinigung, auf den ersten Blick. Eine Menschenmenge
schleudert Wurfgeschosse auf ein Ziel, das man nicht sieht. Verstörend ist
das.
Aber diese Verstörung ist produktiv. Was wir sehen, ereignet sich
alljährlich in der spanischen Kleinstadt Piornal. Dort wurde, heißt es,
einst ein Viehdieb von den BewohnerInnen mit Rüben beworfen. Das stellt das
Ritual „Jarramplas“ nach. Der deutsch-iranischen Filmemacherin Afsah geht
es allerdings nicht um skurrile Folklore. Ihr Thema ist die Dynamik
kollektiven Handelns.
## Akte des Zusammenkommens
Ein augenöffnender, passgenauer Auftakt. Denn [1][obschon wegen
befremdlicher Antisemitismus-Befürchtungen in die Schlagzeilen geraten],
zielt das diesjährige EMAF, vom Workshop bis zum Talk, vom Filmprogramm bis
zum Studierenden-Campus nicht auf Konflikt: Der Schwerpunkt „An Incomplete
Assembly“ thematisiert vielmehr Akte des Zusammenkommens und
Zusammenspiels, Teilhabe und Ausschluss, Kluft und Normierung.
Verantwortlich für die Ausstellung ist Kuratorin Inga Seidler. Aus 800
Einreichungen konnte sie schöpfen. Die Positionen, die sich hier, wie
Seidler der taz sagt, „zu einer performativen wie poetischen Ganzheit
chorieren“, reichen von der Installation bis zur Augmented Reality. Gezeigt
werden Arbeiten von NewcomerInnen ebenso wie von Etablierten, von
EinzelkünstlerInnen und Großkollektiven. Sie sind kritisch, unbequem,
kontrovers.
Bethan Hughes setzt uns in ihrer herausfordernden
Skulptural-Video-Sound-Montage „Built to Order“ auf Stahlbänke, zwischen
zwei Screens, zeigt uns ihre Wohnsiedlung in Berlin-Neukölln, als einen Ort
vieler Realitäten und Realitätsbrüche, von Sehnsucht und Rebellion, von
Kontrolle und Unsicherheit. Architektur ist hier Schauplatz vieler
Lebensspuren, vieler Schönheiten und Schrecken.
Das „Alternative Denkmal für Deutschland“, drei AI-Stationen in der
Kunsthalle und im Stadtraum, deren Abkürzung ADfD nur auf den ersten Blick
nichts mit der AfD zu tun hat, befasst sich, im Kampf gegen die
Fremdenfeindlichkeit, mit der Migration als einer Normalität, seit es
Menschen gibt. Seine ErschafferInnen, ein interdisziplinäres Kollektiv,
verweist in einer wilden, schrillen Collage auf das babylonische
Ischtar-Tor, das einst Menschen aus aller Welt durchschritten, auf ihrem
Weg in eine Weltstadt.
Seidlers [2][Schau ist verrätselt, tiefgründig, kühn,] provokant und
anspruchsreich, wagt Irritationen. Vor uns glimmen Botschaften auf wie: „Es
hat keinen Zweck, Utopien nachzulaufen.“ Wir sehen Snowflake, einen
Albino-Gorilla, gefangen im Zoo von Barcelona, als Geist seiner selbst.
## Offen für Assoziationen
Vieles ist Fragment, offen für Assoziation. Aber wer hier Inhalte sucht,
die rechtfertigen, dass die Stadt Osnabrück sich von EMAF-Ausgabe 39
distanziert, Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) ihr seine
Schirmherrschaft entzogen hat, sucht vergebens. Kommunal- und
Landesverwaltung haben die Entscheidung des EMAF kritisiert, den
Kurzspielfilm „Morgenkreis“ der palästinensisch-US-amerikanischen
Regisseurin Basma al-Sharif zu zeigen.
Der werfen sie vor, durch zornige Instagram-Posts Israelfeindschaft
artikuliert zu haben. An ihrem Film, [3][der das von Friedrich Fröbel im
19. Jahrhundert in die Frühpädagogik eingeführte Ritual zur Überwindung von
Trennungsangst] als Metapher und Medium nutzt, um von der Desorientierung
von MigrantInnen in Deutschland – konkret in Berlin – zu erzählen, lässt
sich kein Hinweis darauf finden.Wie absurd und dialogfern es ist, sich von
einem mehrwöchigen Event zu distanzieren, weil eine dessen 148
KünstlerInnen, die persönlich noch nicht einmal anreist, Kritikwürdiges auf
Instagram gepostet hat, zeigt sich in dieser Ausstellung überall. Bittere
Ironie: Die Kritik an al-Sharif passt gespenstisch zum Fokus des Festivals
auf die Rolle von Kunstinstitutionen. Welche Freiräume bieten sie, in
Zeiten zunehmender Angriffe auf Kunst- und Meinungsfreiheit?
Im [4][„Code of Ethics“ des Festivals] steht, das EMAF sei ein „Ort der
Kunst- und Meinungsfreiheit, der kritischen Debatte“. Der Code existiert
„als Reaktion auf ein Klima, das, insbesondere im Kultursektor, zunehmend
von Spaltung und Druck gekennzeichnet ist“. Man wende sich „gegen politisch
motivierte Eingriffe in Programmentscheidungen sowie gegen die Forderung
nach Backgroundchecks von Teilnehmenden“. Das ist mutig. Gut so.
## Mystik der Maulbeerfeige
„Eine ernüchternde, höchst gefährliche Entwicklung“, sagt Seidler. Ihre
Schau, facettenreich und voller Entdeckungspotenzial, zielt auf
Diskursentfachung – von der Mystik der Maulbeerfeige bis zum Vergleich von
TV-Nachrichten aus DDR und BRD. Sie ist kein Mainstream. Aber sie ist auch
nichts, das Argwohn verdient.
Unfreiwillig sprechend: Am Vorabend der Eröffnung fand in der Aula der Uni
eine Ausgabe der Osnabrücker Friedensgespräche statt. Das Thema: „Alles
Kunst? – Zwischen Meinungsfreiheit und Cancel Culture“.
22 Apr 2026
## LINKS
DIR [1] /Antisemitismus-befuerchtet/!6167458
DIR [2] /European-Media-Art-Festival-in-Osnabrueck/!5929470
DIR [3] https://www.betzold.de/blog/froebel-paedagogik-im-kindergarten/
DIR [4] https://www.emaf.de/code-of-ethics/
## AUTOREN
DIR Harff-Peter Schönherr
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