# taz.de -- Die Wahrheit: Die Stube des Tigers
> Im alten Berliner Westzoo sorgt ein Winzstubentiger hinter Plexiglas für
> eine bittere Enttäuschung. Empathie ist eben keine Einbahnstraße.
Weil in der Zeitung der neugeborene Sumatra-Tiger im Ostberliner Tierpark
abgefeiert wird, hier mal eben meine eigenen Gefühle zum Tiger-Baby
„Lilly“, diesem kleinen Arschloch.
Hätte mich in einer glücklichen Zeit, in der ich noch nicht wusste, was
„Sumatra-Tiger“ sind, jemand gefragt, hätte ich unbefangen so etwas wie „Na
ja, irgend so ein Tiger halt – wird schon irgendwie okay sein“,
geantwortet. Doch jetzt erinnere ich mich an meine traumatische
Erstbegegnung mit dem Vieh.
Ich war mit einer Freundin im Zoologischen Garten, also nicht im Tierpark,
sondern im alten Berliner Westzoo. Es war tiefster Winter, die wenigen
Draußentiere froren und wir mit ihnen. Die einzige Rettung waren die
Stinkehäuser für die Drinnentiere, so unter anderem das Raubtierhaus.
Dort waren großspurig Tiger angekündigt. Ich freute mich auf die mächtigste
Raubkatze der Erde, ein wahrhaft majestätisches Wesen: gestreift und
charismatisch, stark und schön. Tiger mon Amur. Derart groß war die
Vorfreude, dass ich wie ein Knallfrosch auf und ab sprang, in die Händchen
klatschte, jubelte und schrie: „Ein Tiger, ein Tiger – gleich sehe ich den
Tiger!“
## Winziges Fellwürstchen
In einem erstaunlich kleinen Plexiglasgehege mit vielen Pflanzen drin
entdeckte ich nach längerer angestrengter Suche endlich zwei gestreifte
Katzen von allenfalls Jaguargröße. Ein schlechter Witz. Wer so ein
Fellwürstchen ernstlich „Tiger“ nennt, lässt auch an Silvester
Tischfeuerwerk „krachen“.
Man muss sich meine Enttäuschung vorstellen, fast hätte ich geweint. Das
konnte jetzt nicht wahr sein, oder? Das finden die also lustig: Ein Typ,
der eh schon nicht besonders reich ist, zahlt 20 Euro Eintritt, weil er
einen Tiger sehen will, wird betrogen und ist supertraurig.
Ich wusste jedenfalls sofort, welches Tier ich von nun an mehr hassen würde
als alles andere in der Welt: den Sumatra-Tiger. Genau der Name stand
nämlich an dem Käfig von der Mogelpackung, und wer das jetzt herzlos
findet, dem sei gesagt: Empathie ist keine Einbahnstraße. Wer auf meine in
diesem Moment empfundene, bittere Enttäuschung pfeift, gehört zu jenen
sogenannten Tierfreunden, die in Wahrheit doch nichts anderes sind als
Menschenhasser.
Und was ist überhaupt mit all den Schönwetterbiologen los, die den
Schwindel hier als Arterhaltung framen? Weil ihr Winzstubentiger nämlich
vom Aussterben bedroht ist. Aber natürlich ist er das. Kein Wunder, wenn er
immer kleiner wird, und am Ende ist er ganz weg. Toller Zuchterfolg, muss
ich schon sagen, ganz toll. Herzlichen Glückwunsch, ihr Helden.
Macht doch von mir aus eure eigenen Zwergzoos auf, randvoll mit
Zwergtigern, Zwergpudeln und Zwergkaninchen. Aber eine Bitte, Herrschaften:
Etikettiert euren Zwergaffenzirkus dann bitte auch richtig, damit in
Zukunft keine Leute mehr geschädigt werden, die mit völlig anderen
Erwartungen gekommen sind. Danke.
23 Apr 2026
## AUTOREN
DIR Uli Hannemann
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