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       # taz.de -- Unterwassererkundungen am Korallenriff: Keine Termine und leicht einen Abschnorcheln
       
       > Unterwegs in der Südsee beschließt unsere Autorin zu schnorcheln. Und
       > erlebt statt eines passiven Sports Meditation und komplette Auslastung
       > zugleich.
       
   IMG Bild: Plötzlich ist da ein Rochen, mindestens zwei Meter groß oder so
       
       Schwummrige Sicht, die Bewegungen sind schwerfällig, gedämpfte Geräusche in
       meinen Ohren. Nein, das ist keine drogeninduzierte Club-Erfahrung. Ich bin
       etwa zehn Zentimeter unter der Wasseroberfläche, vielleicht 15 Meter von
       einer Südseeinsel mit blendend weißem Strand entfernt, drei Meter über
       einem Korallenriff. Ich schnorchle.
       
       Ein albernes Wort für eine magische Sportart. Unter mir: unzählige Fische,
       nervöse, schillernde und aufmüpfige. Zwei Seesterne, einer so groß wie mein
       Bauch. Textmarkerfarbene Muscheln, Korallen. Und dann plötzlich sehe ich
       einen [1][Rochen], mindestens zwei Meter groß oder so. Statt ihn zu
       betrachten, schwimme ich aufgeregt zu meinem*r Tauchpartner*in und
       zeige wild gestikulieren (sofern das Unterwasser möglich ist) auf das Tier.
       
       Keine Chance, ich drehe mich um, da ist es schon ungesehen entkommen.
       Keuchend schwimme ich weiter. Ich muss noch einen Tintenfisch sehen.
       Schnorcheln wirkt von außen wie ein passiver Sport. Maske auf, Gesicht ins
       Wasser, bisschen treiben. In Wirklichkeit ist es eine weirde Mischung aus
       Meditation und kompletter Auslastung. Man atmet bewusst, gleichmäßig durch
       ein Plastikrohr, während der Rest des Körpers versucht, nicht panisch zu
       werden, weil er eigentlich unter Wasser nichts verloren hat.
       
       Elegant sieht das bei mir auch nicht aus, aber egal. Meine Taucherbrille
       sitzt nicht richtig. Sie saugt sich mal fest, dann läuft sie wieder voll.
       Der Leih-Schnorchel hängt schief im Mund, stößt gegen mein Piercing. Ich
       denke kurz darüber nach, wie viele Menschen auf dem Mundstück schon
       herumgekaut haben. Aber keine Zeit für sowas, ich habe eine neue Welt zu
       erkunden.
       
       ## Nicht die einzigen Urlauber*innen
       
       Mein Herz hämmert, ich schlucke Salzwasser, meine Haut brennt. Ich bleibe
       stundenlang. Für umgerechnet sieben Euro am Tag haben wir uns das Equipment
       geliehen. Es gibt mittlerweile so einiges. Ganzgesichtsmasken etwa, bei
       denen der Schnorchel oben auf dem Kopf sitzt. Man sieht damit aus wie Dipsy
       von den „Teletubbies“.
       
       Natürlich sind wir nicht die einzigen Urlauber*innen, die darauf gekommen
       sind, dass man hier gut tauchen kann. Zwei versuchen, möglichst tief
       herunterzutauchen. Andere bleiben nah am Ufer, obwohl man da überhaupt
       keine coolen Fische sehen kann. Wenigstens gibt es da aber auch noch keine
       Seeigel. Diese ekligen schwarzen Kugeln mit ihren viel zu langen Stacheln
       sind mein persönlicher Endgegner.
       
       Eine aus der Gruppe steigt vor lauter Selbstvergessenheit unter Wasser auf
       das falsche Boot, die uns zur Tauchstelle gebracht haben. Ich kann sie
       verstehen. Meine Tauchobsession hatte ich lang vergessen, aber sie gibt es
       nicht erst seit gestern. Als ich einmal als Kind am Gardasee Urlaub machte,
       bekam ich eine türkisfarbene Taucherbrille geschenkt. Es gab nicht viel zu
       sehen, wenn man Glück hatte mal eine Süßwasser-Forelle.
       
       Ich hatte mal Pech und eine kleine Wasserschlange in der Hand. Meine Eltern
       mussten sich so einiges ausdenken, um mich – Hauttyp Mozzarella – zu einer
       gesunden Zeit aus dem Wasser zu bekommen. Zitroneneis hat geholfen. Noch
       heute weiß ich, wie sich die Brille in meine Augenhöhlen gesaugt hat.
       
       ## Viele Korallen schon abgestorben
       
       Und jetzt das hier; Schnorcheln im Paradies. Hinter jeder Koralle könnte
       eine neue Überraschung warten. Das macht süchtig. Aber ich glaube, selbst
       wenn ich nichts sehen würde, würde ich schnorcheln. Durch Seen, Flüsse,
       notfalls im Prinzenbad. Ich denke an [2][den Overview-Effekt, den
       Astronaut*innen beschreiben]: dieses plötzliche Begreifen, Teil von
       etwas Größerem zu sein, wenn sie zum ersten Mal den Planeten von oben
       sehen. Ich schaue nicht auf die Erde, sondern tiefer in sie hinein.
       
       [3][Später erzählt uns ein Taxifahrer, dass viele Korallen hier abgestorben
       sind], das Wasser wird zu warm. Man sieht es ja auch: zwischen den Farben
       diese grauen, bröseligen Flächen. Der Fakt, diese Welt vielleicht kein
       einziges Mal mehr in meinem Leben sehen zu können, weil sie langsam
       kaputtgeht, oder weil ich so schnell nicht nochmal so weit entfernt Urlaub
       machen kann, tut mir in der Brust weh.
       
       Zugegeben, vielleicht kommt das auch etwas vom schnellen Atmen beim
       Schnorcheln.
       
       23 Apr 2026
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Ann-Kathrin Leclère
       
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