# taz.de -- Folgen der Atomkraftnutzung: Der Traum von Atommüll ohne Schrecken
> Die sogenannte Transmutation soll hochradioaktive Abfälle unschädlich
> oder sogar energetisch nutzbar machen. Ist das realistisch?
IMG Bild: Hier kann der Atommüll jedenfalls nicht bleiben: Zwischenlager in Ahaus
Theoretisch kann man radioaktiven Müll atomphysikalisch „verbrennen“: Man
wandelt langlebige radioaktive Substanzen in kurzlebige um. Oder in
stabile, die gar nicht mehr strahlen. Was nach Zauberei klingt, ist
angewandte Kernphysik – Transmutation heißt das Prinzip. Aber ist es eine
praktikable Lösung zur Beseitigung des vorhandenen Atommülls?
Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (Base) zeigt sich
skeptisch gegenüber dieser Technik und stützt sich dabei auf [1][ein neues
Papier der International Nuclear Risk Assessment Group (INRAG)] in Wien,
die eng mit dem Öko-Institut in Darmstadt verbunden ist.
Konkret geht es immer um zwei Aspekte – Partitionierung und Transmutation
(P&T). Bei der Partitionierung werden die verschiedenen radioaktiven
Substanzen getrennt, ehe sie transmutiert, also umgewandelt werden. Die
heiklen Stoffe sind die transuranen Stoffe, von [2][denen Plutonium der
bekannteste] ist.
„Je nach Szenario würden für die Transmutation des gesamten deutschen
Inventars von rund 148 Tonnen transuraner Elemente etwa 15 bis 25
Reaktoranlagen benötigt“, so das Base. Die Anlagen bräuchten dafür „selbst
unter optimistischen Annahmen“ 150 bis 500 Jahre. Gleichwohl blieben immer
langlebige radioaktive Abfälle übrig, die [3][eine Endlagerung]
erforderlich machten.
## Alter Hut?
Grundsätzlich neu ist Transmutation nicht. Im Deutschland des späten 20.
Jahrhunderts war bereits eine Atomwirtschaft im Aufbau, die technologisch
eine Art von P&T war: Die Partitionierung sollte in der
[4][Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf] erfolgen, die Transmutation
im Schnellen Brüter in Kalkar. Die eine Anlage wurde jedoch nie
fertiggestellt, die andere ging wegen Sicherheitsbedenken nie in Betrieb.
Auch heute noch halten manche Atomphysiker bei der Nutzung von
Transmutation im Grundsatz am alten Konzept von Wackersdorf und Kalkar fest
und wollen Energie gewinnen. Andere beschränken sich auf die Behandlung des
Atommülls.
Der Atomingenieur Bruno Merk, der in Liverpool forscht, gehört zur ersten
Gruppe. Für ihn stellt sich die Ablehnung der Transmutation durch das Base
so dar, als hätte man „die Windkraft nach Growian gestoppt“. [5][Growian
war ein Windprojekt der 1980er Jahre], das aufgrund von Materialproblemen
scheiterte, ehe die Windkraft dann doch technisch reüssierte.
## Zwei Umsetzungen
Auch bei der Transmutation habe es große Fortschritte gegeben, man müsse
sie nur wollen, sagt Merk. „Wir könnten aus dem deutschen Atommüll Strom
für 300 Jahre gewinnen.“ Es sei nachgewiesen, dass ein Reaktor mit
abgebranntem Brennstoff langfristig betreibbar sei. Das Konzept mit dem
Namen iMAGINE komme ohne eine separate Wiederaufarbeitung aus und biete
eine „restlose Nutzung des Energiegehalts abgebrannten Brennstoffes“, sowie
eine „Verringerung der Endlagerherausforderung durch verbesserte
Sortierung“. Langlebige Abfälle würden von wärmeproduzierenden Abfällen
getrennt und könnten separat gelagert werden.
Die Firma Transmutex hingegen, die aus dem Umfeld des
Teilchenbeschleunigers Cern heraus gegründet wurde, will den Atommüll durch
schnelle Neutronen behandeln. Zusammen mit der Bundesagentur für
Sprunginnovationen hat sie [6][2025 eine Studie veröffentlicht], wonach
sich die Menge des deutschen Atommülls so um den Faktor 10 und die
Radioaktivität um den Faktor 1.000 reduzieren lasse. Vor allem brauche man
kein Endlager mehr für eine Million Jahre: „Von den Abfällen sind aufgrund
der Behandlung nur noch kurzlebigere Isotope übrig, deren Strahlung nach
800 Jahren auf dem Niveau von Natururan liegt“, sagt Guido Houben,
Geschäftsführer von Transmutex Deutschland.
Transmutex gehe es alleine um eine sinnvolle Lösung des Müllproblems – und
um die Gewinnung von Radioisotopen für die Medizin. Die Energie, die für
den Beschleuniger und die vorherige elektrochemische Partitionierung der
Brennstoffe benötigt wird (auch ein anderes Verfahren als die einstige
Technik der Wiederaufarbeitung), lässt sich jedoch spielend aus dem Prozess
heraus gewinnen. Die Inbetriebnahme einer Anlage sei „technisch bis etwa
2035 möglich“, heißt es.
## Skeptiker nicht überzeugt
Das Base und seine Gutachter bleiben trotzdem skeptisch gegenüber der
Transmutation: Das jüngste Papier der Inrag räumt zwar ein, dass aus Sicht
des Unfallrisikos „beschleunigergetriebene Reaktoren gegenüber
Leichtwasserreaktoren erhebliche Vorteile bieten“, gleichwohl könnten auch
hier schwere Unfälle „derzeit nicht ausgeschlossen werden“. Houben glaubt
jedoch, dass es keine unkontrollierbare selbstständige Kettenreaktion geben
kann, weil der Protonenstrahl, der beim Auftreffen auf Schwermetallatome
die Neutronen freisetzt, einfach abgeschaltet werden könne. Ein
Stromausfall zum Beispiel beende den gesamten Prozess.
Damit wird die Debatte um das Thema Transmutation wohl nicht mehr
verstummen – [7][zumal die Standortentscheidung für ein Endlager für hoch
radioaktive Abfälle in Deutschland noch lange dauern wird]. Sie dürfte
frühestens in den 2060er Jahren fallen. Welche Konzepte zur Behandlung des
Atommülls die Wissenschaftler dann zu bieten haben werden, vermag heute
niemand vorauszusehen.
23 Apr 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.oeko.de/publikation/scenario-analysis-for-partitioning-and-transmutation-pt-in-a-phase-out-scenario/
DIR [2] /Atomwaffen-des-Irans/!6094455
DIR [3] /Wohin-mit-dem-Atommuell/!6172317
DIR [4] /Anti-Atom-Aktivist-ueber-Widerstand/!5989321
DIR [5] /25-Jahre-hart-am-Wind/!565032&s=growian/
DIR [6] https://www.sprind.org/worte/magazin/sprind-und-transmutex
DIR [7] /Atommuell-Endlager-Neuigkeiten-bei-der-Standort-Suche/!6126606
## AUTOREN
DIR Bernward Janzing
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