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       # taz.de -- Die Choreographin Manja Chmièl: Neue Formen gesucht
       
       > Irene Sieben erinnert mit ihrem Buch „Manja Chmièl – Rebellin des Neuen
       > Tanzes“ an eine vergessene Choreografin aus Berlin.
       
   IMG Bild: Manja Chmièl tanzt „Aphorismen“, Solo 1960er Jahre
       
       Als Manja Chmièl 1962 in der Fasanenstraße 23 (heute residiert dort das
       Literaturhaus Berlin) ihr erstes eigenes Tanzstudio eröffnete, kamen nicht
       nur 120 Zuschauer, sondern auch die „gesammelte Tanzpresse“ von Berlin.
       Neun Zeitungen berichteten überwiegend positiv, darunter der Tagesspiegel,
       Die Welt, Welt am Sonntag, Berliner Morgenpost, B.Z. und andere, deren
       Namen man kaum noch kennt.
       
       Dass Irene Sieben dies in ihrem Buch über die Tänzerin, Choreografin und
       Tanzpädagogin Manja Chmièl genau benennt, hat mehrere Gründe. Erstens ist
       Irene Sieben selbst eine erfahrene Tanzjournalistin, die jetzt, mit über
       achtzig Jahren, traurig miterlebt, wie immer seltener über Tanz berichtet
       wird. Zweitens betont sie damit, dass Chmièl, die selbst in der Tanzszene
       heute nur noch wenige kennen, in ihrer Phase des Aufbruchs zum Neuen Tanz
       durchaus Aufmerksamkeit und Anerkennung erfuhr. Und drittens ist Sieben
       nicht nur die Autorin des ersten Buches über Manja Chmièl, sondern auch
       Zeitzeugin. Sie war wie Chmièl zunächst Schülerin bei [1][Mary Wigman],
       wechselte dann in Chmièls neue Schule, tanzte in deren Gruppe Neuer Tanz
       Berlin mit und gründete später (1981) in Berlin-Steglitz selbst eine
       Tanzschule mit, die Tanztangente.
       
       Manja Chmièl ist so etwas wie ein Missing Link zwischen dem Ausdruckstanz,
       dem German dance, für den Deutschland in den 1920/30er Jahren berühmt war,
       und den Ausdrucksformen, die sich jenseits des Balletts in den 1960er
       Jahren neu entwickelten. Chmièl hatte bei Mary Wigman in Leipzig
       (1945–1949) in der frühen Nachkriegszeit gelernt und sogar gewohnt und ab
       1952 zehn Jahre als deren Assistentin in Wigmans nach Berlin gezogener
       Schule. In diesen Jahren begann aber auch ihre Abnabelung vom Pathos und
       der expressiven Emotionalität der Wigman-Schule. Sie suchte nach Formen,
       die nicht von Geschichte und Geschichten belastet waren.
       
       ## Wenige Filmaufnahmen
       
       Es gibt nicht viele Aufzeichnungen von Chmièls eigenen Tänzen. Die wenigen
       existierenden Filme zeigte Irene Sieben, als sie ihr Buch im Februar in der
       Tanzfabrik Berlin vorstellte. Die Tänzerin Anna Till hatte drei Solo-Tänze
       nach den Filmaufnahmen, begleitet von Irene Siebens Erinnerungen und nach
       einer schriftlichen Aufzeichnung in Worten und in Labannotation
       rekonstruiert.
       
       In „Von außen bewegt“ arbeitet die Tänzerin mit zwei wie mit dem Lineal
       gezogenen Linien. Zwischen Zehen und Fingern sind Bänder gespannt, die den
       Körper in einer Geometrie aus rechten und spitzen Winkeln erscheinen
       lassen. Neben dieser Verortung in abstrakten Konstruktionen aber erscheint
       die Tänzerin auch zugleich als Lenkerin der Bewegungen durch Zug an den
       Bändern und als Gelenkte, fast wie eine Marionette. So entsteht eine
       eindringliche Spannung. In „Unter den Sternen“ trat Anna Till mit einem
       Reifen auf. Kreise werden ineinandergeschrieben, Fliehkräfte genutzt,
       Widerstand aufgebaut. Bedeutung wurde abgeschüttelt, Raum und Form waren
       der Referenzrahmen.
       
       Für ihre Soli und späteren Gruppentänze nutzte Chmièl nicht selten
       Kompositionen der jungen elektronischen Musik, für deren Hören es noch
       keine Routine gab und die deshalb auch frei war von tänzerischen
       Assoziationen. Wie sie Linien und Zeichen in den Raum setzte, lässt sich
       vergleichen mit den Malern des Informel. Nicht zufällig zeigte der Berliner
       Künstler Walter Stöhrer Zeichnungen zur Eröffnung ihres eigenen Studios.
       
       Irene Sieben skizziert die Zeit des Aufbruchs in der ummauerten Stadt
       Westberlin, den Hunger nach neuen Formen, der ja auch mit einem Ausweichen
       vor den Mustern der Vergangenheit und ihrer historischen Belastung zu tun
       hatte. Sie beschreibt auch die Konkurrenz, die der freien Tanzszene, die
       noch klein war, bald aus Veränderungen in der Welt des Balletts erwuchs,
       das ebenso den Staub aus seinen Kostümen schüttelte. Und die Autorin
       zeichnet ein fein verästeltes Netz nach, von Schülern und Schülerinnen Mary
       Wigmans und Manja Chmièls, deren Wege in die USA und wie dann eine nächste
       Generation von dort wieder nach Berlin kam und an der Gründung der
       Westberliner Schulen Tanztangente und Tanzfabrik beteiligt war. Man hält so
       mit dem Buch eine umfassende Geschichte des Tanzes im Westberlin der 1960er
       Jahre in der Hand.
       
       Das Westberliner Studio von Manja Chmièl existierte nicht lange, bis 1969.
       Finanzielle Schwierigkeiten, mangelnde Förderung spielten eine Rolle bei
       der Aufgabe, aber auch private Nöte. Aber sie konnte noch einmal neu
       anfangen, mit einer Tanzschule in Hannover, die sich an Laien wandte.
       Chmièl, 1922 geboren, unterrichtete dort bis kurz vor ihrem Tod 2006.
       
       24 Apr 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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