# taz.de -- 40 Jahre Tschornobyl: Vergiftete Wissenschaft
> Tschornobyl wird inzwischen kaum noch erforscht. Der Krieg hat zerstört,
> was Jahrzehnte Wissenschaft aufgebaut haben.
IMG Bild: Die ehemaligen Haustiere haben sich zu halbwilden Hunderassen entwickelt
Was ist aus den Hunden geworden, die nach der Reaktorkatastrophe 1986 von
ihren Besitzern zurückgelassen werden mussten? Diese Frage stellte sich ein
Forschungsteam aus den USA mehr als 35 Jahre nach der Katastrophe im
Atomkraftwerk W. I. Lenina nahe der Stadt Tschornobyl in der heutigen
Ukraine.
Sie wurde von den Verantwortlichen zunächst verharmlost. Erst als klar
wurde, dass vom Reaktorblock 4 praktisch nichts mehr übrig war, evakuierten
die Behörden am 27. April alle Einwohner der Region. Doch das Dekret
lautete: „Nur das Allernötigste mitnehmen!“ Man ließ die Menschen in dem
Glauben, nach wenigen Tagen in ihre Wohnungen, in ihr Leben zurückkehren zu
können. Also auch zu ihren Hunden.
Zehn Hundegenerationen später haben sich die ehemaligen Haustiere zu
kräftigen halbwilden Hunderassen entwickelt. Ein Team des National Human
Genome Research Institute der USA untersuchte [1][302 von ihnen] und
stellte 2023 fest, dass sich die Tschornobyl-Hunde genetisch von anderen
Wildhundepopulationen unterscheiden.
Ausgangspunkt für derlei wissenschaftliche Studien war in den meisten
Fällen das [2][Ecocenter], ein grauer Kasten in der Schkilnastraße in
Tschornobyl. Teams aus aller Welt forschten hier, es gab die notwendige
Infrastruktur, Messgeräte, Strahlenschutz. „Wir mussten noch einmal ganz
neu anfangen“, erklärte Andrij Tymtschuk 2024, damals Vizeleiter der
[3][Staatlichen Agentur zur Entwicklung und Verwaltung der Sperrzone].
## Russische Panzer pflügen die Zone um
Um gegen Kyjiw, Irpin oder Butscha vorzustoßen, waren die Russen 2022
ausgerechnet durch das verstrahlte Gebiet vorgerückt. „Der Angriff von
belarussischem Boden aus sollte wohl ein besonderes Überraschungsmoment
kreieren“, mutmaßt Tymtschuk. Dabei haben die Russen mit ihren Panzern die
Erde umgepflügt und Stellungen ausgerechnet dort ausgehoben, wo die
Radioaktivität am höchsten ist. Tymtschuk: „Durch den Angriff wurden
erhebliche Mengen radioaktive Strahlung frei, wie unsere Messungen
ergaben.“
Vor dem Krieg waren in der Zone wichtige Gebiete dekontaminiert worden,
Straßen und Gebäude wurden mit Lauge abgewaschen, die die Radioaktivität
bindet, und besonders verstrahlte Objekte in ein Zwischenlager gebracht.
Die Blöcke 1 bis 3 des Atomkraftwerks W. I. Lenina liefen nach dem GAU
weiter, die wirtschaftlich angeschlagene Ukraine wollte es sich nicht
erlauben, das Betriebskapital neben dem havarierten Block einfach
aufzugeben.
Zehntausende Menschen arbeiteten weiterhin in der Sperrzone, nicht nur im
Kraftwerk, sondern auch bei der Feuerwehr, im Straßenbau, in der
Poliklinik, der Kantine. Erst Ende 2000 ging der letzte Block vom Netz –
auf Druck und nach Ausgleichszahlungen der Europäischen Union. Aber auch
danach waren noch Tausende Menschen in der Zone beschäftigt: um die Region
weiter zu dekontaminieren, um die Reaktoren 1 bis 3 zurückzubauen, um eine
neue Reaktorhülle für den in die Jahre gekommenen Sarkophag zu errichten.
Und natürlich arbeitete die Wissenschaft weiterhin rund um Tschornobyl:
Wölfe stehen an der Spitze der Nahrungskette, weshalb sie besonders viele
radioaktive Stoffe wie Cäsium-137 aufgenommen haben. Während die
Forscher:innen anfangs Missbildungen bei den Tieren feststellten, hat
sich ihre Population erstaunlich stabil entwickelt, es gibt heute siebenmal
mehr Wölfe in der Zone als beispielsweise in einem belarussischen
Wolfsreservat.
Ein Team um Cara Love von der Princeton University [4][entdeckte durch
Sequenzierung] von Blutproben bestimmte Regionen im Wolfsgenom, die sich
rasch weiterentwickelten und Resistenz gegen Krebsrisiken zeigen. Könnte
das die Forschung für menschliche Krebsmedikamente weiterbringen?
„Die Russen zerstörten so ziemlich alles in der Zone: Straßen, Gebäude,
Spezialfahrzeuge, Server, Computer, Dosimeter“, sagt der Manager der Zone,
Andrij Tymtschuk. „Nach unseren Erhebungen belaufen sich die Schäden auf
mehr als 100 Millionen Euro.“ Noch immer hat sich die Wissenschaft davon
nicht erholt. Tymtschuk: „Die Russen haben Teile der Zone vermint, auch
Blindgänger liegen überall herum.“ Das „Forschungsgebiet“ zu betreten sei
nicht mehr ohne Weiteres möglich.
## Die Daten liegen in Moskau
Dabei begann der Einschnitt für die Wissenschaft schon mit dem Überfall
Russlands auf die Krim 2014: Lediglich ein Fünftel der besonders
verstrahlten Gebiete liegt auf ukrainischem Territorium, entsprechend
wichtig wäre es, mit den Kollegen aus Russland und Weißrussland
zusammenzuarbeiten, erklärt Professor Yaroslav Movchan von der Nationalen
Luftfahrt-Universität der Ukraine.
Aber bereits seit der russischen Annexion der Insel sei eine solche
unmöglich. Movchan: „Strahlenmesswerte, Isotopenkonzentration,
Konstruktions- oder Einsatzpläne – es lagern etwa 99 Prozent aller in den
80er Jahren erhobenen Messdaten rund um den havarierten Reaktor in
russischen Archiven.“ Die sowjetische Atomforschung war seinerzeit auf die
Zentren Dubna bei Moskau und Tscheljabinsk am Ural konzentriert. „Nach dem
Ende der Sowjetunion blieben alle Messreihen da und wurden so russisch“,
sagt Movchan.
Für die eigene ukrainische Forschung seien aber gerade die ersten
Messreihen nach dem Reaktorunfall immens wichtig. Movchan spricht gar von
einer „vergifteten“ Wissenschaft. „Wir haben festgestellt, dass man den
Daten der russischen Kollegen nicht mehr trauen kann.“ Der
Ökologieprofessor befasst sich mit den radioaktiven Auswirkungen auf Flora
und Fauna, „die selbstverständlich nicht an der Staatsgrenze haltmachen“.
Wichtig wäre beispielsweise, Daten über Wildschweinpopulationen in der
Ukraine mit denen in Westrussland zu vergleichen. „Wildschweine haben einen
nächtlichen Aktionsradius von bis zu 50 Kilometern. Um etwa
strahlungsbedingten Mutationen auf die Spur zu kommen, ist die
Zusammenarbeit mit Forschungsprojekten in Westrussland und Belarus
unabdingbar.“ Movchan glaubt nicht, dass die russischen Kollegen, mit denen
er Kontakt hält, selbst die Daten „vergiften“. Der Professor behauptet:
„Das ist eindeutig das Werk des russischen Geheimdienstes.“
Auch mit Weißrussland sei die Zusammenarbeit schwer, erklärt der Biologe.
„Die Wissenschaftler dort haben unter der Repression des Regimes zu
leiden.“ Präsident Aljaksandr Lukaschenko habe kein Interesse an
Aufklärung. „Lukaschenko gehört die Firma Belarus Produktui, die den
Lebensmittelmarkt beherrscht.“ Milch, Käse, Soßen – „natürlich hat
Lukaschenko kein Interesse daran herauszufinden, was in den Lebensmitteln
drin ist. Ich kenne Wissenschaftler, die wegen ihrer Arbeit zu Umweltgiften
Haftstrafen absitzen müssen.“
Dabei wäre es wichtig, die Folgen der Reaktorkatastrophe auch 40 Jahre
danach gründlich zu erforschen: Es gibt Mutationsraten bei Wühlmäusen,
Spinnen, die kein symmetrisches Netz mehr bauen können, Nadelbäume, deren
Spitzen Richtung Erde wachsen. Das Team von Andrij Tymtschuk will hier ein
atomares Kompetenzzentrum aufbauen: Angesiedelt wurden Firmen, die neue
Verfahren zur Analyse von Radioaktivität entwickelt haben, Institute, die
Technik und Know-how für radioaktive Unfälle bereitstellen, das Ecocenter
in Tschernobyl.
Dort geht es heute vergleichsweise ruhig zu. Wissenschaftliche Partner aus
dem Ausland stoppten gemeinsame Projekte, anderen Wissenschaftler:nnen
wurden aus Sicherheitsgründen Reisen in die Zone verboten. Die Frage, ob
die Strahlung die Hunde stärker gemacht hat, ist beispielsweise noch nicht
beantwortet. Vor Ort sind aber immer noch ukrainische Fachleute, die immens
wichtige Messreihen am Laufen halten. Was nicht ungefährlich ist: Ihr
Arbeitsplatz liegt in der Einflugschneise russischer Luftangriffe, immer
mal wieder werden über ihnen Drohnen abgeschossen.
## Was heute noch gefährlich ist
Das ist heute gefährlicher als die Strahlung: Kurzlebige Radionuklide wie
Jod-131 sind praktisch nicht mehr nachzuweisen. Auch die Belastung durch
Cäsium-137, das eine Halbwertszeit von 30 Jahren besitzt, ist stark
zurückgegangen. In einer internationalen Wissenschaftskooperation erstellte
das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz unmittelbar vor dem Krieg
[5][eine Karte mit der Strahlenbelastung] in der Zone.
Die geringste Gamma-Ortsdosisleistung lag demnach bei 0,06 Mikrosievert –
so viel wie die natürliche Strahlung in Deutschland. Allerdings kartierten
die Wissenschaftler:innen auch Stellen mit 100 Mikrosievert pro
Stunde. Würde man sich acht Tage lang an solchen Orten aufhalten, wäre die
maximale Strahlendosis erreicht, die Personen in Deutschland im Jahr
erhalten dürfen, die beruflich mit Radioaktivität arbeiten.
Offenbar nichts anhaben konnte solch hohe Strahlung den Przewalskipferden.
„Natürlich mussten auch die Bauern das Gebiet verlassen“, sagt Andrij
Tymtschuk. Dadurch konnten logischerweise auch die Felder nicht mehr
bewirtschaftet werden, sie wucherten mit hohem Gras zu, das im Sommer
ausdörrte und dann im Herbst wie Zunder brannte. „Regelmäßig brachen große
Feuer aus, bei denen im Boden gebundene Radioaktivität wieder freigesetzt
wurde“, sagt Tymtschuk. Besser wurde das erst Ende der 1990er Jahre, zwei
Dutzend dieser [6][Urpferderassen] wurden rund um das zerstörte
Atomkraftwerk angesiedelt, deren Fresslust das Gras flach hielt.
Offenbar eine Win-win-Situation: „Die Herde ist auf über 150 Exemplare
angewachsen, die Feuer wurden deutlich seltener.“ Nicht einmal die
Radioaktivität habe den Pferden etwas anhaben können, wie wissenschaftliche
Untersuchungen gezeigt hätten. Und doch sind die Urpferde, die in den
1960ern als ausgestorben galten, jetzt in ihrer Existenz bedroht.
Tymtschuk: „Wir fürchten, dass es die Pferde sein werden, die viele Minen
und Blindgänger aufspüren – und das mit ihrem Leben bezahlen.“
23 Apr 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.ade2537
DIR [2] https://eco-centre.com.ua/en/about-the-company/
DIR [3] https://dazv.gov.ua/en/
DIR [4] https://www.newswise.com/articles/mutant-chernobyl-wolves-evolve-anti-cancer-abilities-35-years-after-nuclear-disaster
DIR [5] https://www.bfs.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/BfS/DE/2022/006.html
DIR [6] https://www.zoo-berlin.de/de/artenschutz/weltweit/przewalskipferd
## AUTOREN
DIR Nick Reimer
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