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       # taz.de -- Haus der Kulturen der Welt in Berlin: Betrogene Schützen
       
       > Eine Ausstellung im Berliner HKW erinnert an Männer aus Afrika, die in
       > europäischen Armeen kämpften. Ihr Beitrag wird systematisch ignoriert.
       
   IMG Bild: Daniel Lind-Ramos, „Re-inventario de la desmemoria“ (2026). Ausstellungsansicht Tirailleurs, HKW 2026
       
       Eine Assemblage von Daniel Lind-Ramos ist es, die im Zentrum der großen
       Ausstellungshalle ins Auge sticht. Der Künstler aus Puerto Rico hat aus
       Stahlhelmen, Kochtöpfen, Munitionskisten, Fässern und textilen
       Verpackungsmaterialien eine hoch aufragende Komposition geschaffen, die von
       Ferne an den Umriss eines schwer bepackten, mit zivilen wie militärischen
       Elementen ausgestatteten Menschen erinnert. Trotz jahrzehntelanger Arbeit
       vor allem mit vorgefundenen Materialien in seiner Heimat wurde Lind-Ramos
       erst 2019 im Kontext der Whitney Biennale für den westlichen Kunstmarkt
       „entdeckt“, dank einer Assemblage, die auf Hurrikanverwüstungen hinweist.
       
       In die Berliner Arbeit hat er eine Ausgabe von [1][Frantz Fanons]
       Antikolonialismusbibel „Die Verdammten dieser Erde“ integriert. Fanon war
       selbst einer der Soldaten der Karibikinseln, die in französischer Uniform
       auf dem europäischen Kriegsschauplatz des Zweiten Weltkriegs kämpften, und
       der – wie der Untertitel der Ausstellung „Die vergessenen Soldat*innen, die
       Europa befreiten“ zu Recht bemerkt – seinen Anteil an der Niederschlagung
       des Faschismus leistete.
       
       Fanon erlebte dabei auch den gestaffelten Rassismus innerhalb der
       französischen Armee. Ganz unten in der Hierarchie waren die senegalesischen
       [2][Tirailleurs] – bereits 1857 gegründete Infanterieeinheiten, die anfangs
       vornehmlich zur Aufstandsbekämpfung in den französischen Kolonien
       eingesetzt wurden.
       
       Darüber standen Militärangehörige aus den nordafrikanischen Kolonien, eine
       Etage darüber Männer wie Fanon, die aufgrund ihrer Herkunft aus den
       Überseegebieten als Franzosen galten, aber eben nicht als gleichrangig mit
       den weißen Kontinentalfranzosen. Als Kanonenfutter, im militärischen
       Sprachgebrauch zuweilen auch „Avantgarde“, also Vorausabteilung, wurden sie
       dennoch gern eingesetzt. Das bedeutete hohe Verluste.
       
       ## Massaker von Thiaroye
       
       Was das Schicksal dieser Kriegsteilnehmer noch schrecklicher macht, ist,
       dass sie oft den versprochenen Lohn und die Hinterbliebenen die
       versprochene Entschädigung nicht oder nur in geringerem Umfang erhielten.
       Senegalesische Tirailleurs wurden im November 1944, als sie die Auszahlung
       von Pensionen forderten, sogar im Massaker von Thiaroye niedergemetzelt.
       
       Das Ereignis ist Fixpunkt für mehrerer Arbeiten in der Ausstellung. Binta
       Diaw etwa, italienische Künstlerin mit senegalesischen Wurzeln, legt ein
       Erdfeld in der Ausstellungshalle an, das als Grabanlage an die Ermordeten
       erinnert. Barthélémy Togue aus Kamerun porträtiert auf großformatigen
       Leinwänden Kämpferinnen und Kämpfer, die dem Massaker zum Opfer fielen.
       
       In der sehr umfangreichen Ausstellung wird auch auf das Schicksal von aus
       den Kolonien rekrutierten Soldaten im Ersten Weltkrieg eingegangen. In
       großen Spiegeltableaus reproduziert die [3][Künstlergruppe Slavs and
       Tatars] etwa die Gefangenenzeitungen, mit denen das deutsche Kaiserreich im
       Kriegsgefangenenlager in Wünsdorf muslimische Kriegsgefangene zum
       „Dschihad“ gegen England und Frankreich rekrutieren wollte.
       
       ## Schmerzliche Lücke
       
       Auch die Beteiligung ehemaliger Kolonialsoldaten an den Befreiungskriegen
       ist Thema. Unterbelichtet allerdings bleibt die Rolle dieser Verbände bei
       der Aufstandsniederschlagung im Interesse der Kolonialmächte, etwa bei der
       sogenannten Befriedung Marokkos kurz vor dem Ersten Weltkrieg.
       
       Eine Position zur Rolle der nordafrikanischen Verbände bei der
       Niederschlagung der spanischen Republik als Hilfstruppen [4][des späteren
       Diktators Franco] sucht man ebenfalls vergebens – eine schmerzliche Lücke
       in diesem großen Panorama, das andererseits auch Arbeiten zu
       Kriegsschauplätzen in Asien umfasst.
       
       Chefkurator und HKW-Intendant [5][Bonaventure Soh Bejeng Ndikung] richtet
       das Augenmerk vor allem auf ihre Rolle als Opfer, und in einer
       Nebenerzählung als Befreiungsaktivisten. Die Täteranteile bleiben
       weitgehend ausgespart.
       
       Die tauchen am Ende aber in einer bemerkenswerten Arbeit über den Einsatz
       von Legionären aus dem Globalen Süden in ganz gegenwärtigen Konflikten des
       Nordens auf. [6][Der Dresdner Filmemacher Mario Pfeifer] interviewte im
       Auftrag des HKW zwei kamerunische Kämpfer, die in die russische Armee
       gelockt wurden und am Krieg gegen die Ukraine teilnahmen.
       
       Beide haben, wie sie betonen, nicht die versprochenen Gegenleistungen
       erhalten, also Sold und russische Staatsbürgerschaft. Russlands Präsident
       Wladimir Putin steht da ganz in der Tradition des kolonialen Frankreichs.
       Und ein an sich schon enorm wichtiges Ausstellungsprojekt, das sich in
       erster Linie historischen Ereignissen widmete, erfährt so aktuelle Brisanz.
       
       24 Apr 2026
       
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