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       # taz.de -- Karl-Lueger-Denkmal in Wien gekippt: Der Antisemit im Fall
       
       > 100 Jahre lang stand die Statue des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger an
       > prominenter Stelle. Jetzt versetzt ihn der Künstler Klemens Wihlidal in
       > Schieflage.
       
   IMG Bild: Den antisemitischen Dr. Karl Lueger einfach ein bisschen kippen: Skizze und Fotomontage von Klemens Wihlidals Denkmal-Intervention
       
       Jetzt ist er erst mal weg in Wien, der Antisemit. Sie haben das Denkmal von
       Dr. Karl Lueger – Titel sind wichtig in Österreich – abgebaut. Es wird
       restauriert. 100 Jahre lang stand er mit den Händen vor der Brust an der
       Ringstraße, elf Meter hoch.
       
       Nun fehlt das Denkmal, der Ort ist mit Bauzaun verhüllt. Auf einer Tafel
       steht: „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“. Die Organisation „Kunst im
       öffentlichen Raum“ informiert, das Denkmal werde „künstlerisch umgestaltet
       und damit kontextualisiert“. Die Statue wird um 3,5 Grad gekippt. Lueger
       wird damit in eine Schieflage gestellt, er scheint im Fallen zu sein. Der
       Entwurf stammt von dem Wiener Künstler Klemens Wihlidal.
       
       Von 1897 bis zu seinem Tod 1910 war Karl Lueger Wiener Bürgermeister und in
       größeren Teilen der Bevölkerung äußerst populär. Man bezeichnete ihn gar
       als „Herrgott von Wien“. So erschien es schlüssig, dass er dieses Denkmal
       erhielt, das 1926 aufgestellt wurde. Geschaffen hatte es der Bildhauer
       Josef Müllner, der später Nationalsozialist wurde [1][und auch eine
       Hitler-Büste fertigte].
       
       Karl Lueger war ein ausgeprägter Antisemit, der sich selbst anerkennend
       auch als solchen bezeichnete. Jede Menge Äußerungen dokumentieren seine
       Judenfeindlichkeit, so machte er Juden immer wieder auf typische Weise zu
       Sündenböcken.
       
       ## Plötzlich fiel er den Wienern auf
       
       Über viele Jahrzehnte schien der aufgestellte Antisemit niemanden groß zu
       stören, er gehörte zum Stadtbild, wurde kaum mehr wahrgenommen. Sehr
       vereinzelt kam es zu Kritik, die aber verhallte. Erst seit 2020 – in den
       USA [2][hatte die Black-Lives-Matter-Bewegung] durch die Tötung von George
       Floyd einen Höhepunkt erreicht – fiel Lueger auch den Wienern wieder auf.
       Er wurde gar zu einem äußerst unangenehmen Thema.
       
       Wer in den vergangenen Jahren zu dem Platz kam, stieß auf ein von
       Aktivisten in vielen Farben beschmiertes Denkmal. Das waren unübersehbare
       Zeichen des Protests. Ins Auge sprangen vor allem mehrere große Schriftzüge
       „SCHANDE“ in Rot. Die Stadt Wien, der das Denkmal gehört, beließ das so.
       Schließlich wollte man keinen bekannten Antisemiten säubern und damit ein
       Stück weit reinwaschen.
       
       Was tun bei dieser schwierigen Ausgangslage? Viele Städte und Gemeinden
       haben Probleme mit Monumenten einer Geschichte, die nicht nur unliebsam
       war, sondern teils auch menschenfeindlich und mörderisch. Stehen lassen,
       abreißen? Oder aber das schlechte, schlimme Erbe erklären? Es in seinen
       Kontext stellen und die glorifizierende Kunst verfremden?
       
       ## „Brutalste Aussagekraft“
       
       Der Künstler Klemens Wihlidal sitzt zum Gespräch in einem Wiener
       Kaffeehaus. Er erinnert sich, schon 2009 hatte er Lueger in die Schräge
       versetzt, das war bei einem nicht offiziellen Wettbewerb der Wiener
       Universität für angewandte Kunst: „Nach eingehender Auseinandersetzung mit
       der Thematik um Lueger kam die Idee sehr spontan, ihn schief zu stellen.
       Ihm damit quasi den Boden unter den Füßen wegzuziehen.“ Bei verschiedenen
       Simulationen am Computer hat Wihlidal erkannt: „Er gerät ins Kippen, hat
       bei den 3,5 Grad den Kipppunkt noch nicht ganz erreicht. Das hat die
       brutalste Aussagekraft.“
       
       Die Stadt Wien schrieb einen künstlerischen Wettbewerb aus für die
       Kontextualisierung, also [3][die Veränderung des Denkmals]. Wihlidal gewann
       und erhielt im Mai 2023 den Zuschlag für „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“.
       
       Wihlidal, 44 Jahre alt, weiß, dass es Kritik an dem Umgang mit dem Denkmal
       gibt. Dass manche Stimmen – auch jüdische – fordern, den Lueger ganz
       wegzubringen. „Diese Option“, sagt Wihlidal, „sollte Teil der Diskussion
       sein.“ Aber: „Wenn es durch das Erhaltenbleiben zu einer sichtbaren
       Aussage, einer Gegenposition kommt – nämlich [4][gegen Antisemitismus und
       Rassismus] –, dann bin ich klar für diese Variante.“
       
       Es gibt auch andere Meinungen. Die Autorin Deborah Benjamin Kaufmann
       spricht in [5][einem Beitrag für den linksliberalen Standard] von einem
       „Monument der gescheiterten Entnazifizierung“. Lia Guttmann von den
       Jüdischen Österreichischen Hochschüler:innen sagt im ORF: „Dass Karl
       Lueger noch immer hier in Wien so eine große Bühne hat, das ist ein Schlag
       ins Gesicht für jeden Juden.“ Doch schon 2015 wiederum meinte die
       Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann, die eine jüdische Identität besitzt:
       „Karl Lueger und Co gehören zur Geschichte dieser Stadt. Es liegt an den
       heutigen Bewohnern, dem damals geliebten Antisemiten eine neue Perspektive
       hinzuzufügen.“
       
       ## Die Neigung sieht man deutlich
       
       Am Dr.-Karl-Lueger-Platz ist der Sockel schon über einen Meter hoch, die
       Neigung sieht man deutlich. Wie der restaurierte Antisemit dann aussehen
       wird, weiß man noch nicht genau. Jedenfalls nicht strahlend weiß und damit
       sozusagen erneut geehrt. „Es ist damit zu rechnen, dass Lueger auch nach
       der Schrägstellung Ziel aktivistischer Aktionen sein wird“, sagt Wihlidal.
       Dass er also wieder beschriftet und beschmiert wird. Er würde das aber
       nicht verwerflich finden. „Der künstlerische Eingriff ist davon
       unabhängig.“ Neben einer erklärenden Tafel sind auch Vermittlungsprogramme
       am Denkmal geplant, etwa Führungen für Schulklassen. Wihlidal meint: „Es
       soll ein Ort des Lernens werden.“
       
       Laut den Planungen soll der schiefe Antisemit im Sommer aufgestellt werden.
       
       23 Apr 2026
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Patrick Guyton
       
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