# taz.de -- Streit um Roman „Gittersee“: Wer Pittiplatsch noch selbst gesehen hat
> Wie gravierend waren die Fehler von Charlotte Gneuß in ihrem Roman
> Gittersee? Eine DLF-Recherche hat den Fall neu aufgerollt und einen
> Schuldigen ermittelt.
IMG Bild: Wer darf worüber schreiben? Pittiplatsch äußert sich dazu nicht
Ein wenig deutet schon die Fotoauswahl auf eine Tendenz hin: Zwei
mittelalte Herren in Anzügen, einer mit vielen, einer mit wenig Haaren,
lächeln in die Kamera. Das Vorschaubild auf der Seite des Deutschlandfunks
(DLF) gehört zu einem Beitrag über den 2023 in die Kritik geratenen
Debütroman von Charlotte Gneuß. Bis heute, so heißt es im Beitrag des DLF,
müsse sie sich für ihren von einer Jugend in der DDR erzählenden Roman
Gittersee rechtfertigen.
Grund dafür ist eine Liste, die Schriftsteller Ingo Schulze, einer der
beiden Herren des Fotos, kurz vor Erscheinen von Gittersee anfertigte.
Darauf hielt er fest, welche historischen Fehler sich in Gneuß’ Roman
eingeschlichen hätten. Diese Liste geriet schließlich in die Hände der Jury
des Deutschen Buchpreises, die Gneuß’ Roman 2023 auf die Longlist gesetzt
hatte. Dass es Schulzes Freund, der Schriftsteller Franz Witzel, war, der
die Liste an die Jury durchstach, [1][deckte nun der DLF auf.]
Anders als damals bekundet, hatte Schulze zugestimmt, dass Witzel die Liste
an die Jury weitergibt. Gittersee-Autorin Gneuß und Schulze
veröffentlichten im selben Verlag. Dass dieser Schulze mit der Durchsicht
des Romans der jüngeren Autorinnenkollegin beauftragt war, stimme so nicht,
wie Schulze nun im DLF einräumt. Er sollte „aber eben sagen, was ich davon
halte“.
Die Liste geriet also an die Öffentlichkeit, eine Debatte darüber, wer
worüber schreiben dürfe und ob die Fehler eigentlich so gravierend seien,
schloss sich an. Charlotte Gneuß’ Ansehen durfte man als beschädigt
betrachten. Wobei es auch hierüber verschiedene Ansichten gab: Im Grunde
habe die Diskussion doch die Verkaufszahlen von Gittersee erst in die Höhe
getrieben, so wurde mitunter argumentiert. [2][Gute Kritiken erhielt der
Roman allerdings schon vor Beginn der Debatte.]
## Übergriffig und paternalistisch?
Was nun was bedingte und ob überhaupt, wird nicht zu klären sein. Auch sind
hohe Verkaufszahlen mit Kontroversen um die eigene Person durchaus teuer
erkauft. Inwiefern es sich bei der Listenerstellung Schulzes um einen
„übergriffigen und paternalistischen Akt“ handelt, wie der DLF in den Raum
stellt, darüber darf man streiten. Allerdings ebenso darüber, ob die
Kosten-Nutzen- beziehungsweise Schadenanalyse bei Debatten dieser Art bei
männlichen und weiblichen Autor:innen zu ähnlichen Ergebnissen kommt.
Das Beispiel [3][„Stella“ und dessen sehr erfolgreichen Autor Takis Würger]
lässt vermuten: eher nicht.
Heißes Thema heute wie damals ist der Verdacht der Jurybeeinflussung. Hat
die Weitergabe der Liste an Jurypräsidentin Katharina Teutsch die
Shortlistauswahl beeinflusst oder nicht? Was im Beitrag des DLF jedoch
etwas zu kurz kommt: Die Entscheidung ist weder gottgegeben noch objektiv,
es gewinnt nicht einfach der beste Roman. Über die Auswahl entscheiden
sieben Jurymitglieder mit verschiedensten Vorlieben und Agenden.
Am Ende bleibt die Frage, warum Ingo Schulze die Liste erstellt und der
Weitergabe zugestimmt hat. War es der durchaus ehrenwerte Drang nach
Wahrheit und Korrektheit? Ein paar der 20 Punkte auf der Fehlerliste wurden
immerhin in der nächsten Auflage von Gittersee korrigiert, andere stellten
sich als gar nicht so fehlerhaft heraus. Als „lecker“ bezeichnete man
entgegen der Behauptung Schulzes etwa durchaus auch in der DDR so manche
Quarkspeise und dass man in der verdreckten Elbe in den 1970ern angeblich
nicht baden konnte, dagegen hielten die Eltern von Charlotte Gneuß ihre
eigene Erfahrung.
Wer darf worüber schreiben? Das ist die Frage, bei der sich
Identitätspolitik und Autor:innenschaft wieder mal zum Praxistest
treffen. Wird Herkunft vererbt oder erlebt? Reicht es aus, wenn die Eltern
aus der DDR stammen oder muss man Pittiplatsch mit eigenen Augen gesehen
haben, wer eine Jugend in Ostdeutschland imaginiert – auch wenn es sich qua
Geburtsjahr damit um eine biologische Unmöglichkeit handelt?
Interessant an literarisierter DDR-Geschichte ist doch (noch) folgendes: Je
nach Standpunkt kann sich die Bearbeitung von DDR-Stoffen in Richtung
Autofiktion oder historischer Roman entwickeln. Wer gewissenhaft
recherchiert, sollte Geschichten ebenso nach Ostdeutschland verlegen
dürfen, wie derjenige, der die „Leckermäulchen“-Quarkspeise noch selbst
gekostet hat. Ob das Lesevergnügen geschmälert wird, wenn das
Kunststoffsackerl nun Plastik- oder Plastebeutel heißt, das muss jeder
selber entscheiden.
24 Apr 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.deutschlandfunkkultur.de/charlotte-gneuss-gittersee-buchpreis-ingo-schulze-frank-witzel-maengelliste-100.html
DIR [2] /Charlotte-Gneuss-Roman-Gittersee/!5954741
DIR [3] /Takis-Wuergers-Stella/!5563177
## AUTOREN
DIR Julia Hubernagel
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