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       # taz.de -- Ukrainische Stadtverwaltung: „Die wichtigste Herausforderung ist, zu überleben“
       
       > Bürgermeister:innen aus Cherson und Saporischschja über Angriffe,
       > Bildung und Kultur im Krieg. Und warum Wiederaufbauprojekte jetzt schon
       > wichtig sind.
       
   IMG Bild: Eine Kirche in Saporischschja, durch einen russischen Angriff zerstört, 16. April 2026
       
       Rehina Kharchenko aus Saporischschja und Vitalii Bielobrov aus Cherson
       besuchten mit einer Gruppe ukrainischer Bürgermeister:innen auf
       Einladung des Auswärtigen Amtes Berlin und Bonn. Thema der Reise war
       „Resilienz von Gemeinden und Städten in Zeiten des russischen
       Angriffskrieges“. Organisiert wurde das Programm vom Besucherprogramm des
       Goethe-Instituts. Für ein Netzwerktreffen waren sie auch zu Gast bei der
       taz panterstiftung.
       
       taz: Frau Kharchenko und Herr Bielobrov, die Städte Saporischschja und
       Cherson liegen praktisch an der Frontlinie. Was sind aktuell die größten
       Herausforderungen in Ihren Städten? 
       
       Bielobrov: Die wichtigste Herausforderung ist: zu überleben. In Cherson
       wurden wir seit der Befreiung vor über drei Jahren mehr als 35.000 Mal
       beschossen. [1][Die größte Bedrohung heute sind Drohnenangriffe] – sie
       zerstören kommunale Fahrzeuge, sie töten Zivilisten. Die Täter sammeln
       Videoaufnahmen, unterlegen sie mit Musik und veröffentlichen sie auf ihren
       Kanälen. Für sie ist das Unterhaltung. Für uns bedeutet es schwere
       Verluste. Die zweite: die Hoffnung und den Optimismus nicht zu verlieren.
       Es ist sehr wichtig, nicht zu vergessen, wofür wir kämpfen – für unsere
       Freiheit, unsere Würde und eine bessere Zukunft.
       
       Kharchenko: Ich stimme zu. Jede:r Ukrainer:in hat mittlerweile
       Familienangehörige oder Freunde verloren. Eine Stadt wie Saporischschja mit
       700.000 Einwohner:innen zu regieren, ist selbst in normalen Zeiten
       schwierig. Der Krieg hat diese Arbeit hundertfach schwerer gemacht, mit
       vielen Notlagen und Herausforderungen – und die Bereitschaft, 20 Stunden am
       Tag zu arbeiten. Die Stadt muss funktionieren. Unsere Bürger:innen haben
       ein Recht auf ein normales Leben.
       
       taz: Ist ein normales Leben aktuell wirklich möglich? 
       
       Kharchenko: Wir haben kein anderes Leben. Das ist unsere Realität heute.
       Für uns ist es normal – für Sie nicht. Aber wir leben jetzt in einer
       Katastrophe, und das ist jeden Tag, jede Nacht so.
       
       Bielobrov: Ein normales Leben bedeutet heute nicht Komfort. Es bedeutet die
       Fähigkeit einer Stadt, zu funktionieren. Vor der russischen Vollinvasion
       lebten in Cherson rund 320.000 Menschen. Heute sind es nur noch etwa
       75.000, darunter überwiegend ältere Menschen sowie Familien. Wir tragen die
       volle Verantwortung für diese Stadt: für das Gesundheitswesen, Bildung,
       Kultur, den öffentlichen Nahverkehr und die gesamte kritische Infrastruktur
       – Wasser, Wärme und Strom.
       
       taz: Sie haben Bildung und Kultur als Teil des täglichen Lebens erwähnt.
       Wie gelingt es Ihnen, den Betrieb aufrechtzuerhalten? 
       
       Bielobrov: In Cherson haben wir keine Möglichkeit, [2][unterirdische
       Schulen zu bauen]. Und selbst wenn wir sie hätten, wäre es unmöglich, die
       Kinder sicher von zu Hause zur Schule und zurückzubringen. Die Russen
       beschießen uns jeden Tag mit unterschiedlichen Waffentypen, und wir haben
       nur 3–4 Sekunden, um uns zu schützen. Unser Bildungssystem ist daher rein
       online. Gleichzeitig haben wir aber unterirdische Hubs – ein Netzwerk von
       Räumen, in denen Menschen Sport treiben und miteinander in Kontakt treten
       können. Das ist wirklich wichtig. In unserer Stadt gibt es sogar ein
       unterirdisches Theater. [3][Es ist wichtig, kulturelle Angebote
       aufrechtzuerhalten], weil Russland Kultur und Bildung als Waffe einsetzt –
       und wir nutzen Kultur, Bildung und Sport als Schild.
       
       Kharchenko: In Saporischschja sind 98 Schulen in Betrieb und gewährleisten
       für die Kinder sichere Lernbedingungen sowie über 30 Kindergärten mit
       Schutzräumen. Tagsüber lernen die Kinder dort. Aber wenn es in der Stadt
       einen Notfall gibt, kommen alle Bürgerinnen und Bürger aus der Umgebung –
       mit Kindern, mit Hunden, mit alten Eltern – und bleiben dort. Vielleicht
       eine Stunde, vielleicht einen Tag, vielleicht zwei Tage.
       
       taz: Was war Ihre schwierigste Entscheidung als Lokalpolitiker:in
       seit der russischen Vollinvasion? 
       
       Bielobrov: Ich glaube, wir treffen jeden Tag schwere Entscheidungen. Zum
       Beispiel die Suche nach der Balance zwischen Sicherheit und normalem Leben.
       Man ist es leid, sich zu fürchten und sich zu verstecken, aber es geht
       nicht anders. Der Abstand zwischen Cherson und den russischen Truppen
       beträgt nur vier Kilometer – sie setzen mehr als 1.000 Drohnen pro Woche
       ein.
       
       Kharchenko: Eine schwere Entscheidung für alle Ukrainer:innen war die,
       hier zu bleiben oder zu fliehen. Auch für mich persönlich war es die größte
       und schwierigste Entscheidung, in der Stadt zu bleiben und dann noch als
       Bürgermeisterin zu arbeiten – denn das ist eine enorme Verantwortung.
       
       taz: Sie sagten, eine der größten Herausforderungen ist es, die Hoffnung
       auf eine bessere Zukunft nicht zu verlieren. Wie erhalten Sie als Politiker
       Ihren Optimismus? 
       
       Kharchenko: Wir arbeiten heute, unter diesen Bedingungen, nicht nur für das
       Überleben – wir arbeiten auch für eine bessere Zukunft. Wir entwickeln
       Strategien, wie wir unsere Städte aufbauen, wie wir sie wiederherstellen
       und erneuern wollen. Fünf bis zehn Prozent unserer Energie, unserer
       Ressourcen und unserer Zeit investieren wir in Planung und Vorbereitung für
       den Wiederaufbau.
       
       taz: Stellt es nicht einen Widerspruch dar, im Modus der Verteidigung zu
       sein, aber gleichzeitig schon an den Wiederaufbau zu denken? 
       
       Kharchenko: In Saporischschja haben wir bereits laufende
       Wiederaufbauprojekte mit staatlichen Mitteln. Das ist auch eine Botschaft
       der Hoffnung. Das Bild einer besseren Zukunft ist in den dunkelsten
       Momenten die stärkste Motivation.
       
       Bielobrov: In Cherson ist Neubau im Außenbereich verboten, weil wir in der
       roten Zone liegen. Aber wir bauen unterirdisch. In unserem Fall haben wir
       das weltweit erste Operationszentrum und ein Perinatalzentrum geschaffen.
       Das alles ist Teil unserer Resilienz.
       
       23 Apr 2026
       
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